Schwäbisch Haller Sitzhersteller Recaro kommt zurück mit Riesenschritten
Vom Aufschwung des Flugverkehrs profitiert der Sitzhersteller aus Schwäbisch Hall schneller als andere, weil er seine Kapazitäten in der Krise erhalten hat. Auch in Zügen könnte sich das Know-how von Recaro bald bemerkbar machen.

Mark Hiller ist die Freude anzusehen, als er über den Erfolg des vergangenen Jahres berichtet. Um mehr als 50 Prozent legte der Umsatz von Recaro zu. Der Sitzhersteller aus Schwäbisch Hall ist damit fast zurück auf dem Niveau, das vor Corona als gesund angesehen wurde. Jetzt will das Unternehmen mit Innovationen punkten und erwartet weiterhin schnelles Wachstum.
Mit der Belegschaft Lösungen gefunden
Die Erinnerung an die Corona-Jahre ist für Hiller sehr präsent. "Es war ja nur noch ein Drittel des Umsatzes übrig", sagt der 50-jährige Geschäftsführende Gesellschafter des Familienunternehmens. "Aber wir wollten gemeinsam mit der Belegschaft durch die Krise." Und das sei nicht zuletzt mithilfe der Kurzarbeit auch gelungen.
Auf der Arbeitnehmerseite gab es Zugeständnisse beim Gehalt, der Arbeitgeber schloss betriebsbedingte Kündigungen in Deutschland bis 2023 aus. Als die Flugzeuge wieder abhoben und neue Aufträge hereinkamen, sei Recaro im Gegensatz zu vielen Wettbewerbern in der Lage gewesen, sofort loszulegen.
Es geht wieder vorwärts
Die Situation in Deutschland sei nicht ganz zu vergleichen mit den Auslandsstandorten in Polen, den USA, China und Südafrika, erklärt Hiller. Dort wurden Mitarbeiter entlassen. "Das ist eine andere Kultur. Die Arbeitsgesetze in den Regionen beinhalten einen solchen Lösungsansatz wie Standortsicherung nicht." Dafür werde dort nun wieder eingestellt. 2300 Mitarbeiter beschäftigt Recaro Aircraft Seating jetzt, 100 mehr als vor einem Jahr, 1100 davon in Schwäbisch Hall.
Dazu kommt, dass Recaro auch in der Krise weiter investierte. In Growag etwa, einen polnischen Zugsitzeproduzenten. Dies sei eine neue Sparte in der Gruppe, die getrennt geführt wird. Synergieeffekte gibt es trotzdem, beim Know-how zu Ergonomie, Entflammbarkeit, Komfort. "Und auch in Zügen wird das Gewicht langsam zum Thema, weil die Technik immer schwerer wird. Da kann Growag von unserer Leichtbau-Erfahrung profitieren", sagt Hiller. 2022 war auch für Growag ein Rekordjahr.
In Schwäbisch Hall wurden 50 Millionen Euro für eine Crash-Anlage und das Brandlabor ausgegeben. In China fünf Millionen Euro für die Produktion von Sitzen für Boeing 737 und Airbus A320. Das sei keine Verlagerung. Stattdessen werde für den dortigen Markt vor Ort produziert - local for local lautet auch bei Recaro die Strategie. Und immer noch wesentlich stärker sei das Unternehmen in den USA aufgestellt.
Es gibt einen Großauftrag mit Potenzial

Nach der ersten Aufholjagd will Recaro nun die Chance nutzen, seine weltweit führende Rolle in der Economy Class auf höhere Klassen auszuweiten. Ein erster Erfolg ist hier der Großauftrag von Air China und Iberia für die komplette Kabinen-Ausrüstung des A350, inklusive der neu entwickelten, exklusiven Mini-Suiten. Der Auftrag für zusammen 18 Flugzeuge hat einen Wert in zweistelliger Millionenhöhe. "Das könnte über die gesamte Laufzeit, wenn weitere Flugzeuge bestellt werden, auch in den dreistelligen Bereich gehen", meint Hiller.
Was das für bedeutet, zeigen die Umsatzzahlen des vergangenen Jahres: 405 Millionen Euro erwirtschaftete Recaro Aircraft Seating, die Gruppe lag bei 425 Millionen Euro. Im laufenden Jahr soll das Wachstum abermals im zweistelligen Prozentbereich liegen. Dann wäre Recaro auch wieder in dem Bereich, in dem die Struktur mit insgesamt 2500 Mitarbeitern ausgelastet ist. "Die mehr als 700 Millionen Umsatz 2019 waren eine Ausnahme, da war uns glücklicherweise schon bewusst, dass es so nicht weitergehen wird", sagt Hiller.
Raus aus der Verlustzone
Zum Gewinn äußert sich das Unternehmen nicht. So viel lässt Hiller allerdings durchblicken: In diesem Jahr werde Recaro die Verlustzone verlassen. Dann liegt der Fokus auf profitablem Wachstum.
Gaming-Sitze sind ein neues Standbein
Als wegen der Corona-Krise in der Luft nichts mehr ging, waren Recaro-Sitze bei Gaming-Freunden und Homeoffice-Nutzern umso gefragter. Nach den kräftigen Steigerungen der Vorjahre sei das Geschäft stabil, sagt Vorstandschef Mark Hiller. "Es ist ein Bedarf entstanden, und der bleibt." Außerdem kann sich Hiller vorstellen, mit den Gaming-Sitzen auch noch Märkte wie die USA und Asien zu erschließen. Zusätzlich tragen Partnerschaften wie die mit dem Sportwagenbauer Porsche zu einer positiven Entwicklung bei. In limitierter Auflage gibt es Sitze, die von denen im Porsche 911 und 911 GT3 inspiriert wurden - für die gute Kurvenlage am PC.



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