"Noch ist der Anteil grünen Wasserstoffs nicht systemrelevant"
Die Bundesregierung hat eine nationale Wasserstoffstrategie verabschiedet. Karsten Lemmer, Vorstand beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, über die Chancen und Risiken der Strategie.

Mit der nationalen Wasserstoffstrategie, die von der Bundesregierung verabschiedet wurde, konstituierte sich am vergangenen Donnerstag auch der Nationale Wasserstoffrat. Das Gremium mit Fachleuten aus verschiedenen Forschungs- und Wirtschaftsbereichen soll die Umsetzung der Strategie begleiten. Mit dabei ist auch Professor Karsten Lemmer, Vorstand Energie und Verkehr beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln.
Deutschland setzt auf Wasserstoff. Worauf kommt es jetzt an, damit die Strategie aufgeht?
Karsten Lemmer: Neben dem Geld, das jetzt gesetzt wird, braucht es auch eine internationale Strategie. Wir importieren bisher schon viel Energie, das wird sich nicht grundsätzlich ändern. Deshalb müssen wir über Grenzen hinweg agieren. Und es braucht eine konsequente Markteinführung. Als Technologie-Standort sollten wir eine Vorreiter-Rolle einnehmen. Da gibt es große Potenziale.
Hat Deutschland noch eine gute Position im internationalen Vergleich?
Lemmer: Wir arbeiten beim DLR mit Forschungseinrichtungen in den USA oder auch Japan zusammen, und man sieht, dass in diesen Ländern unterschiedliche Strategien verfolgt werden. Aber wir sind, was das Know-how angeht, ganz vorne mit dabei.
Derzeit werden in Deutschland 55 Terawattstunden Wasserstoff verbraucht. Der Bedarf soll den Prognosen der Regierung zufolge bis 2050 auf bis zu 380 Terawattstunden wachsen. Und dann soll er auch noch umweltschonend produziert werden. Wie kann das gehen?
Lemmer: Die momentane Leistung der in Deutschland installierten Elektrolyseure beträgt noch keine fünf Gigawatt, das ist das Ziel für 2030. Damit wird nur ein niedriger einstelliger Prozentsatz der erneuerbaren Energie in Wasserstoff gespeichert. Für eine Demonstration ist das gut. Man lernt viel. Aber es ist nicht systemrelevant. Man muss also an den richtigen Hebeln ansetzen. Derzeit kostet grüner Wasserstoff rund fünf Euro pro Kilogramm. Durch Skaleneffekte dürfte man auf etwa zwei Euro kommen - im südlichen Europa und Nordafrika. Da braucht man auch nicht den Umweg über die Elektrolyse gehen. Auch über hohe Temperaturen kann man Wasserstoff herstellen.
Ist die Produktion in solchen Größenordnungen damit machbar?
Lemmer: Ja, das halte ich für realistisch. Und das Ziel muss dann eine weltweite Wasserstoff-Wirtschaft sein. In der Industrie wird heute schon sehr viel Wasserstoff verwendet. Das dürfte noch ausgebaut werden. Dazu kommt dann noch die Mobilität. Hier kann der Wasserstoff in Reinform oder auch für synthetische Treibstoffe verwendet werden, die in klassischen Verbrennungsmotoren zum Einsatz kommen können. Es zeigt sich ja, dass batterieelektrische Fahrzeuge nicht für alle Einsatzgebiete ideal sind. Die Logistik dahinter, die Infrastruktur gilt es nun zügig aufzubauen. Die Nationale Wasserstoffstrategie ist dafür sehr wertvoll.
Derzeit wird vielfach grauer Wasserstoff verwendet, der wenig umweltfreundlich aus Erdgas hergestellt wird. Halten Sie das im Rahmen der Wasserstoffstrategie für akzeptabel?
Lemmer: Wenn es darum geht, ganze Wertschöpfungsketten zu etablieren, für die wir irgendwann auch den Wasserstoff importieren müssen, dann sollten wir auf die Nutzung von grünem Wasserstoff hinwirken. Der graue wird aber derzeit schon verwendet und hat eine gewisse Wegbereiterrolle. Die Frage ist also vielmehr, wo und wie wir ihn ersetzen können.
Der Rückenwind aus der Politik ist jetzt groß. Was sind die Risiken?
Lemmer: Wir müssen die Akzeptanz in der Bevölkerung erhöhen. Viele haben Angst, weil sie es aus der Schule kennen: es kann knallen. Da ist Aufklärung gefragt. Und aus der Forschungsperspektive: Fast alle Technologie-Ansätze haben noch Entwicklungspotenzial. Aber welche Technik sich wo durchsetzt, ist noch nicht klar. Wir sollten also möglichst breit aufgestellt sein.
Zur Person
Professor Dr.-Ing. Karsten Lemmer (55) ist seit 2001 beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), seit 2017 ist er Vorstand für Energie und Verkehr.
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