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16 Millionen Euro für innovative Art der CO2-Vermeidung

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Das Raketentestgelände im Harthäuser Wald soll den Wasserstoff, den es massenhaft verbraucht, demnächst selbst herstellen. Und nicht nur das: Es könnte der Startschuss für eine Wasserstoff-Region Heilbronn-Franken sein.

Ministerin Nicole Hoffmeister-Kraut hatte für das DLR einen Scheck im Gepäck. Foto: Gleichauf
Ministerin Nicole Hoffmeister-Kraut hatte für das DLR einen Scheck im Gepäck. Foto: Gleichauf  Foto: Gleichauf, Christian

Wenige Tage nach Vorstellung der Nationalen, einen Tag nach Vorstellung der europäischen Wasserstoffstrategie und wenige Minuten vor der ersten Sitzung des nationalen Wasserstoffrates fiel in Lampoldshausen an diesem Donnerstag der Startschuss für ein außergewöhnliches Projekt.

Das DLR-Raketentestzentrum im Harthäuser Wald soll mit grünem Wasserstoff weitgehend CO2-frei betrieben werden. Dafür überreichte die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) einen Förderbescheid über 16 Millionen Euro.

Bedarf künftig mit grünem Wasserstoff decken

Es ist viel Geld, das nun innerhalb von nur zwei Jahren Resultate zeigen soll. Der Standort - einer der größten Wasserstoff-Verbraucher in Europa - soll seinen Strom- und Wärmebedarf künftig mit grünem Wasserstoff decken und dazu noch einen großen Teil des Treibstoffs für seine Raketentests selbst produzieren. Ein ambitioniertes Ziel. "Ganz werden wir das nicht schaffen in den zwei Jahren, aber es soll ein relevanter Anteil werden", sagt die DLR-Projektverantwortliche Daniela Lindner.

In Zahlen bedeutet dies: In normalen Jahren verbraucht das DLR für seine Triebwerktests rund 380 Tonnen Wasserstoff, flüssig und gasförmig. Mit zwei Elektrolyseuren sollen künftig 280 Tonnen pro Jahr produziert werden. Und zwar mit dem grünen Strom aus dem Windpark im Harthäuser Wald. Ungelöst ist noch immer das Problem, dass der Strom mit der EEG-Umlage belastet wird. Windpark und Elektrolyseur müssten zum Beispiel die gleichen Betreiber haben, was formal nicht gegeben ist. Damit ist die Produktion des Wasserstoffs noch äußerst unwirtschaftlich. Doch die Ankündigungen der Bundesregierung machen den Beteiligten Hoffnung.

Wasserstoffautos und -fahrräder werden angeschafft

Teile des Wasserstoffs sollen dann verflüssigt werden, um sie beispielsweise für die großen Triebwerktests verwenden zu können, bei denen in zehn Minuten bis zu 40 Tonnen verbrannt und in Dampf verwandelt werden. Auch die Anschaffung dieser Anlage geht in die Millionen. Darüber hinaus werden mit dem grünen Kraftstoff Blockheizkraftwerke betrieben. Der Neckarsulmer Ingenieurdienstleister CSI wird eine mobile Tankstelle liefern, damit die Mobilität am Standort umgestellt werden kann. Wasserstoffautos und -fahrräder werden angeschafft.


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"Zeitlich wird das gar nicht so einfach", erklärt die Projektverantwortliche Lindner. Corona habe schon so manche Lieferung ausgebremst. Doch die Wirtschaftsministerin sieht hier keine grundsätzlichen Probleme: "Wir werden uns den Realitäten anpassen." Wichtig ist Hoffmeister-Kraut, in dieser Phase in eine "zukunftsorientierte Szenerie" zu investieren. So sollen neue Arbeitsplätze entstehen. "Der erneuerbare Wasserstoff bietet großes Potenzial für den Industriestandort Baden-Württemberg."

Hoffen auf Bundesförderung

"Zero Emission" ist das dritte Wasserstoff-Projekt dieser Größenordnung im Südwesten. Ministerin Hoffmeister-Kraut hofft, dass irgendwann auch der Bund auf den fahrenden Zug aufspringt und weitere Fördermittel bereitstellt. "Die Bundesregierung unterstützt das Thema ja jetzt mit Nachdruck."

Die alte Tankstelle vor dem DLR-Forum ist außer Betrieb. Bald schon soll am Standort aber Wasserstoff gezapft werden können.  Foto: Gleichauf
Die alte Tankstelle vor dem DLR-Forum ist außer Betrieb. Bald schon soll am Standort aber Wasserstoff gezapft werden können. Foto: Gleichauf  Foto: Gleichauf, Christian

"Wir können für viele aktuelle Probleme die Lösung anbieten", ist DLR-Vorstandsmitglied Karsten Lemmer überzeugt, wie er im Stimme-Interview sagt. DLR-Direktor Stefan Schlechtriem, der Lampoldshausener Institutsleiter, ergänzt: "Wissenschaft meint es ernst, wenn sie die eigenen Forschungsergebnisse verwendet."

Für die Region könnte das Projekt den Durchbruch auf dem Weg zu einer Wasserstoff-Region bedeuten. Davon sind auch die Politiker und Amtsträger an diesem Tag überzeugt. Landrat Detlef Piepenburg, der das Thema im Landkreis Heilbronn seit Jahren vorantreibt freut sich, dass nun vieles zusammenfindet. In dem geplanten Technikum, wo der Know-how-Transfer in die Wirtschaft stattfinden soll, haben sich schon Firmen wie der Neckarsulmer Kompressorenhersteller J.A. Becker oder der Autozulieferer Freudenberg angemeldet.

 

Teilprojekt H2orizon
Teil des neuen Projekts ist auch das bisherige Projekt H2orizon. Zeag und DLR betreiben hier gemeinsam einen Elektrolyseur mit Windstrom aus dem Harthäuser Wald. Im August soll dieser in den Regelbetrieb übergehen. "Wir hatten eine Überhitzung des Frostwächters, da kam es zu Schäden, das hat uns Monate gekostet", erklärt der Zeag-Verantwortliche Claus Flore. Der aktuelle Elektrolyseur soll rund 100 Tonnen Wasserstoff pro Jahr produzieren. Eine weitere Anlage erhöht die Kapazität dann auf 280 Tonnen.


Kommentar von Christian Gleichauf: "Ende des Wartens"

Zu lange haben die Akteure beim Thema Wasserstoff nicht zusammengefunden. Jetzt gilt es.

Es ist bezeichnend, dass das Wirtschaftsministerium mit so viel Geld fördert, was das Umweltministerium lange Zeit eher stiefmütterlich behandelte. "Konkurrenz ist manchmal ganz gut", sagt dazu scherzhaft der ehemalige Innenminister Reinhold Gall (SPD). Das ist sicher richtig, aber Konkurrenz darf ein gemeinsames Vorankommen bei einem so wichtigen Thema nicht behindern. Wo bisher jeder Akteur mit seiner eigenen Geschwindigkeit unterwegs war, braucht es nun den gemeinsamen Rhythmus.

Bis Ende des Jahres soll in Stuttgart eine breit angelegte, ressortübergreifende Roadmap für den grünen Wasserstoff erarbeitet werden. Dann kann der Südwesten endlich geeint in Berlin auftreten und auf das in Baden-Württemberg vorhandene Potenzial hinweisen. Auf nationaler und internationaler Ebene erfährt das Thema derzeit größte Aufmerksamkeit. Die Rahmenbedingungen könnten besser nicht sein.

Zu diesem günstigen Zeitpunkt fügt sich auch in der Region so einiges zusammen. Doch das Warten muss ein Ende haben. Audi gehört mit ins Boot. Neue Initiativen wie das H2-Innovationslabor Heilbronn-Franken auf dem Bildungscampus müssen Kontakt aufnehmen zu den bisherigen Aktivposten in der Politik, der Wirtschaftsförderung, beim DLR und bei den Unternehmen. Aus dem Nebeneinander muss jetzt ein Miteinander werden.

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