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IG-Metall-Regionschef: "Lieber in Kurzarbeit als arbeitslos"

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IG-Metall-Regionschef Michael Unser über den Erfolg, Arbeitnehmer in der Pandemie in Lohn und Brot zu halten. Die Autohersteller sieht er in diesem Punkt zu Unrecht in der Kritik. Probleme sieht er an anderer Stelle.

Michael Unser. Foto: Mario Berger
Michael Unser. Foto: Mario Berger  Foto: Berger, Mario

Mehrfach mussten Audi und andere Autohersteller ihre Mitarbeiter zuletzt in Kurzarbeit schicken, weil Halbleiterchips fehlten. So hat ein Problem ein noch größeres abgelöst: Den pandemiebedingten Nachfrageeinbruch bei Autos. Michael Unser, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Heilbronn-Neckarsulm, hält nichts davon, jetzt den Großkonzernen die Kurzarbeit zu verweigern.

Herr Unser, in der Pandemie hat sich die Transformation in der Autoindustrie beschleunigt. Wo stehen wir?

Michael Unser: Nun, obwohl die Auftragsbücher wieder voll sind, ist es für eine Entwarnung zu früh. Denn die Versorgung mit Teilen ist in vielen Bereichen nicht gesichert. Bei den Zulieferern geht es dabei nicht in erster Linie um Halbleiter, sondern vielmehr um Kunststoffe, Stahl, Chemieprodukte und Gummi. Trotzdem ist es bei unseren regelmäßigen Abfragen zuletzt von Monat zu Monat besser geworden. Es heißt jetzt nur häufig: "Wir haben Geschäft ohne Ende, aber kriegen das Material nicht bei."

Das heißt, dass die Schwierigkeiten, die mit der Transformation einhergehen, schon überstanden sind?

Unser: Nein, das heißt es nicht. Es steht noch einiges an. Ich bin mir nur nicht sicher, ob die Fokussierung auf den batterielelektrischen Antrieb richtig ist. Aber die Veränderung hin zu alternativen Antrieben ist nicht aufzuhalten. Der Druck hat wegen der insgesamt steigenden Nachfrage zuletzt aber etwas nachgelassen.

Vor allem die Kurzarbeit hat geholfen, Härten abzufangen. Aber es gibt Kritik daran, dass Autobauer, die Milliardengewinne einfahren, gleichzeitig Kurzarbeitergeld in Anspruch nehmen. Wie stehen Sie dazu?

Unser: Mir ist jeder Arbeitnehmer in Kurzarbeit lieber als in der Arbeitslosigkeit - vorbehaltlos. Dass die Großen das auch in Anspruch nehmen, ist legitim. Sie tun es im Fall von Lieferschwierigkeiten auch nicht, um Gewinne zu maximieren, sondern um Ausfälle zu kompensieren. Das ist in Ordnung. Die Kurzarbeit ist ein gutes Instrument, auf das wir in Deutschland stolz sein dürfen.


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Es gibt also keinen Grund, bei der Kurzarbeit für Autohersteller andere Maßstäbe anzulegen?

Unser: Nein, da sollten wir lieber den Blick auf andere Punkte richten. Wir beobachten im Verhältnis zwischen den OEMs, also den Herstellern, und den Zulieferern einen härter werdenden Verteilungskampf. Der Preisdruck wird größer. Da werden bei einzelnen Teilen plötzlich Zugeständnisse von mehr als 40 Prozent gefordert, wir haben es gerade mitbekommen. Einerseits will man Qualität made in Germany, andererseits sollen die Preise dem Wettbewerb mit China standhalten. Das funktioniert nicht.

Wie hat die Kurzarbeit bei den Zulieferern gewirkt?

Unser: Wir mussten nach unseren Umfragen im vergangenen Jahr davon ausgehen, dass in der Branche im Raum Heilbronn etwa 3500 Arbeitsplätze abgebaut werden. Jetzt ist es wohl nur die Hälfte, etwa 1700. (Das sind vor allem Leiharbeiter und???) Das ist ein Erfolg und zum großen Teil auf die Kurzarbeit zurückzuführen - und darauf, wie flexibel sie hier auch vonseiten der Agentur für Arbeit eingesetzt werden konnte. Der Heilbronner Agenturchef Jürgen Czupalla und sein Team haben sehr gute Arbeit geleistet. Aus meiner Sicht kann man das nicht laut genug sagen. Von den Betrieben hört man jedenfalls bei diesem Thema kein kritisches Wort.

Kommt es nicht vor, dass Kurzarbeitergeld genutzt wird und trotzdem Leute entlassen werden?

Unser: Grundsätzlich stimmen wir der Kurzarbeit nur zu, wenn betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen werden.

Wir hatten im vergangenen Jahr weltweit eine ähnliche Ausgangslage. In den USA erholt sich die Konjunktur aber schneller als bei uns, trotz anfänglicher Massenentlassungen. Das kann einem Gewerkschafter doch nicht gefallen...

Unser: Erst einmal glaube ich nicht alle Zahlen, die da im Umlauf sind. Aber richtig ist, dass ich mir gewünscht hätte, dass auch wir beim Impfen schneller vorankommen. Da müssen wir eine Schippe drauflegen. Denn momentan wird noch nicht so konsumiert wie vor der Krise. Die Leute sind nicht unterwegs, die Kauflaune ist auch bei mir noch nicht zurückgekommen. Das merkt man gerade im Kfz-Handel. Wer hat schon Lust, ein Auto online zu kaufen?

Und Sie glauben, dass es bald wieder boomt, wenn die Corona-Lage es zulässt?

Unser: Ich kann es mir vorstellen. Da könnten auch die Sonderprämien helfen, die bis Juni noch steuerfrei an die Mitarbeiter bezahlt werden können. Das ist für die Arbeitgeber eine Entlastung, weil keine Sozialabgaben dazukommen. Und für die Arbeitnehmer ist es wirklich brutto für netto, das geht voll in den Konsum.

Zur Person

Michael Unser (54) stammt aus Heidelberg und arbeitete dort auch mehr als 24 Jahre für einen Autozulieferer. Der gelernte Betriebswirt und Industriemeister ist seit 2007 für die IG Metall in der Region tätig, anfangs als Gewerkschaftssekretär, ab 2012 als Zweiter Bevollmächtigter. Seit 2015 ist er Erster Bevollmächtigter der IG Metall Heilbronn-Neckarsulm.

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