AppliedAI will Unternehmen zu KI-Gestaltern machen – Was sind die Pläne für Heilbronn?
Andreas Liebl, Gründer und Geschäftsführer der AppliedAI Inititiative, ist überzeugt: Europa muss jetzt aktiv werden, wenn es bei der Künstlichen Intelligenz unabhängig bleiben will. Das sind seine konkreten Pläne für Heilbronn.

AppliedAI, die KI-Initiative aus München, will jetzt auch in Heilbronn Unternehmen dabei begleiten, Künstliche Intelligenz einzusetzen. Der KI-Innovationspark Ipai ist seit diesem Jahr zu 50 Prozent an der Initiative beteiligt. Andreas Liebl hat AppliedAI vor fünf Jahren als Abteilung des Gründungszentrums UnternehmerTUM gegründet. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt der 39-jährige Geschäftsführer, warum Unternehmen beim Thema Künstliche Intelligenz nun nicht weiter abwarten sollten.
Herr Liebl, warum beschäftigen Sie sich mit KI?
Andreas Liebl: Weil ich überzeugt bin, dass KI die transformative Technologie unserer Zeit ist. Außerdem stehen wir aktuell vor der Herausforderung den Klimawandel zu meistern, und ich will auch meinen zwei Kindern eine lebenswerte Welt hinterlassen. Um das zu erreichen, müssen wir uns die gestalterische Fähigkeit bewahren, gerade im Bereich KI. Deshalb habe ich AppliedAI aufgebaut. Mit der UnternehmerTUM auf der einen Seite und jetzt dem Ipai auf der anderen, haben wir ein Potenzial der Gestaltung, das man so kaum irgendwo findet. Mein Job ist es, Unternehmen nicht nur Anwender sein zu lassen, sondern sie zu Gestaltern zu machen.
Wie gut haben Sie schon Zugang zu den Unternehmen im Raum Heilbronn erhalten?
Liebl: Wir begleiten Unternehmen, die ernsthaft daran interessiert sind, KI einzusetzen. Dazu wurde AppliedAI vor sechs Jahren gegründet. Mit Ipai haben wir genau den richtigen Partner gefunden, um gerade mit kleinen und mittleren Unternehmen in der Region zusammenzukommen und spüren eine zunehmende Offenheit. Vor allem aber hat sich die Situation im vergangenen halben Jahr mit ChatGPT grundsätzlich verändert. Spätestens jetzt sind jedem die Auswirkungen und Möglichkeiten dieser Technologie bewusst geworden.
Wie schnell wächst AppliedAI in Heilbronn?
Liebl: Wir planen, das Team am Standort Heilbronn bis Ende 2023 auf rund 20 Mitarbeiter auszubauen.
Werden Unternehmen schon aktiv?
Liebl: Man merkt, dass die Verantwortlichen noch immer zahlreiche ungeklärte Fragen haben. Etwa: Wenn sich aktuell alles so schnell verändert, kann ich dann nicht noch abwarten? Dennoch nehmen wir wahr, dass eine neuartige, andere Offenheit besteht. Die Leute wollen wissen, wie sie KI in ihrem Unternehmen einsetzen können.
Und AppliedAI begleitet sie dann dabei, den richtigen Ansatz zu finden und die KI zu implementieren?
Liebl: Genau. Die Unternehmen haben natürlich ein Interesse daran, dass sie in zwei Jahren nicht wieder alles über den Haufen schmeißen und von Neuem anfangen müssen. Auf der Prozessebene geht es darum, vollständige Datensätze zu haben, stabile Systeme. Zudem spielen Themen eine Rolle, die von der EU im AI Act, der KI-Verordnung, geregelt werden − auch ethische Fragen.
Bleiben wir kurz bei den ethischen Fragen. Haben Sie Beispiele?
Liebl: Denken wir beispielsweise an einen Preis-Algorithmus, der verschiedenen Besuchern auf einer Webseite unterschiedliche Preise anzeigt. In solchen Fällen wird KI bewusst eingesetzt, um Bevölkerungsgruppen in gewisser Weise wie in einem Ranking zu bewerten. Das ist etwas, das wir generell verhindern wollen. Für solche sehr speziellen Fragestellungen wollen wir unseren Partnern künftig einen Ansprechpartner bieten, der die − ich sage jetzt mal − philosophische Dimension versteht.
Ethische Fragen kommen also offenbar häufiger vor als man denkt.
Liebl: Das kann man so nicht sagen. Viele Anwendungen werfen von vornherein gar keine ethischen Fragen auf. Der gesamte Bereich der Qualitätssicherung oder der sogenannten Predictive Maintenance, mit der Ausfallzeiten von Maschinen minimiert werden, sind da absolut unverdächtig. Das ist etwas, was viele Industrieunternehmen jetzt bereits einsetzen.
Der AI Act macht künftig strenge Vorgaben. Wird das dazu führen, dass die Europäer schneller aufschließen zu den USA?
Liebl: Nicht automatisch. Und es geht beim AI Act auch um noch viel mehr. Man kann das unter dem Schlagwort "Vertrauenswürdige KI" zusammenfassen. Wir werden sehen, dass nicht die kleinen europäischen Start-ups, sondern große US-Konzerne wie Microsoft und Google die ersten sind, die KI auch konform zu dieser Regulatorik anbieten. Vertrauenswürdige KI ist von den Unternehmen gefragt. Also werden wir in Europa daran arbeiten, solche KI hier zu entwickeln. Dazu sind Bildungsprogramme nötig. Denn das wird nicht an den Universitäten gelehrt.
Wann sind Sie eigentlich zum KI-Experten geworden?
Liebl: Ich würde mich heute noch nicht so bezeichnen. Es passiert immer so viel Neues, dass man kaum hinterherkommt. Ich persönlich setze mich viel mit der Regulatorik und der strategischen Umsetzung auseinander. Hierzu bin ich auch zum Beispiel im Leitungskreis der Global Partnership on AI und im engen Austausch mit Europäischen Institutionen und diversen Ministerien. Für die meisten Themen wie die Entwicklung von KI-Anwendungen oder beim Training der Modelle habe ich ein tolles Team von über 100 Personen, das sich drastisch besser auskennt als ich.
Zur Person
Dr. Andreas Liebl (39) hat in Stuttgart und an der ETH Zürich Maschinenbau/Technology Management studiert und schrieb seine Diplomarbeit bei Audi. An der TU München promovierte er anschließend in Wirtschaftswissenschaften.
Seine erste berufliche Station war das Beratungsunternehmen McKinsey. Dann wechselte er zur UnternehmerTUM, dem Gründungszentrum der TU München. Dort wurde er 2017 Geschäftsführer und gründete dort die AppliedAI Initiative. Er ist heute Geschäftsführer der AppliedAI Initiative und des gemeinnützigen AppliedAI Institute for Europe.
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