Stimme+
Interview
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

KI-Botschafter Robert Mucha: "Was machen wir mit der Zeit, die die KI uns schenkt?"

   | 
Lesezeit  4 Min
Erfolgreich kopiert!

KI-Botschafter Robert Mucha über die Faszination Künstlicher Intelligenz, über Aha-Erlebnisse und generierte Kreativität, die nun auch kreativen Menschen gefährlich wird.

von Christian Gleichauf und Annika Heffter
Robert Mucha testet die Grenzen der Kreativität von Künstlicher Intelligenz aus. "Das wird nicht mehr weggehen", sagt er im Interview.
Robert Mucha testet die Grenzen der Kreativität von Künstlicher Intelligenz aus. "Das wird nicht mehr weggehen", sagt er im Interview.  Foto: Veigel, Andreas

Ein Interview unter Kollegen. Robert Mucha war Chefredakteur des Heilbronner Stadtmagazins Hanix und kümmert sich heute unter anderem um den KI-Salon, der normalen Bürgern einen Zugang zur Künstlichen Intelligenz ermöglichen soll. Kurz vor dem Gespräch noch der Fototermin: Mit dem Handy in der Hand gibt Robert Mucha währenddessen in den Bilderdienst Midjourney genau diese Situation ein - "Journalist beim Fotoshooting, Bildschirm im Hintergrund". Innerhalb von Sekunden entsteht so etwas wie ein Foto aus einer Parallelwelt. Ein Vorgang, der bis vor kurzem so nicht denkbar war.


Mehr zum Thema


 

 

Herr Mucha - Robert - kannst du verstehen, wenn Menschen Angst vor der KI haben?

Robert Mucha: Ja klar. Es ist eine große Unbekannte, die da auf uns zukommt. Seitdem ChatGPT im November am Start ist, ist das wie eine Tsunami-Welle über die Leute hereingebrochen. Und jeder weiß, so geht es mir jedenfalls: Das wird nicht mehr weggehen, es wird nur noch größer. Was das in einigen Jahren für unseren Alltag und unser Berufsleben bedeutet, kann kaum jemand seriös abschätzen.

 

Was war dein Aha-Erlebnis?

Mit seiner Tochter nutzt er ChatGPT für ein Möwen-Referat und ließ Midjourney anschließend ein entsprechendes Motiv generieren.
Mit seiner Tochter nutzt er ChatGPT für ein Möwen-Referat und ließ Midjourney anschließend ein entsprechendes Motiv generieren.  Foto: Midjourney-Bild

Mucha: Als ich das erste Mal ChatGPT aufgerufen habe, wollte ich es nutzen wie Google. Ich bin über ein paar Beschreibungen gestolpert und habe mir anschließend mal ein Dankeschön an meine Partner und Freunde zum Jahresende schreiben lassen. Ich dachte: Gar nicht verkehrt. Dann hat meine Tochter ein Referat über die Möwe gehalten. Spaßeshalber habe ich ChatGPT beauftragt: "Schreib mir dieses Referat in sechs Kapiteln und 500 Worten im Stil einer Viertklässlerin." Wir haben zusammen zugeschaut, wie das Referat innerhalb von etwa 45 Sekunden runtergeschrieben wurde. Das war mein Aha-Erlebnis.

 

Hast du auch schon Fehler entdeckt?

Mucha: Na klar. Im Januar waren wir mit dem KI Salon beim Creätive House im Haus der Wirtschaft in Stuttgart. Da habe ich mir mithilfe des Programms eine Anmoderation erstellen lassen, und auf einmal kommen da irgendwelche Fantasietexte zur Kompetenz eines Redners. Man muss die Resultate immer unter Vorbehalt sehen. Zudem ist der Wissensstand noch immer 2021.

 

Der KI-Salon soll zeigen, was im künstlerischen Bereich mit KI möglich ist. Jetzt kann jeder die kreativen KIs zu Hause ausprobieren. Ändert sich das Konzept damit?

Mucha: Seitdem wir angefangen haben, müssen wir ständig nachjustieren, weil die Entwicklung so dynamisch ist. Aber das Format KI-Salon eignet sich immer noch extrem gut dafür, sich mit all dem auseinanderzusetzen, zu experimentieren und zu spielen. Das kann man auch zu Hause, aber im KI-Salon hat man einen Raum, um sich dazu austauschen, die Technik besser verstehen zu lernen und sich auch ethische Fragen zu stellen.

 

Im Bildgenerator Midjourney beschreibt Robert Mucha die Szene, in der er sich im Interview gerade befindet - und erhält dieses Bild.
Im Bildgenerator Midjourney beschreibt Robert Mucha die Szene, in der er sich im Interview gerade befindet - und erhält dieses Bild.  Foto: Midjourney.ai

Was bedeutet das für unser bisheriges Verständnis von Kreativität?

Mucha: Auch mich hat es anfangs überrascht, dass die kreativen Berufe die ersten sind, die durch die KI ersetzbar scheinen. Dann habe ich mich damit beschäftigt, und es war nicht mehr so überraschend. Denn das Internet ist voll von Text und voll mit visuellen Informationen, mit denen man eine KI trainieren kann. Jetzt ist klar: Triviale Kunst wird bald wohl nicht mehr von Menschen erzeugt, weil das eine KI ganz toll kann. Aber das heißt nicht, dass eine KI wirkliche Emotion generiert. Wenn zum Beispiel Eric Clapton ein Konzert gibt und von seinem toten Sohn singt, berührt das Menschen. Diese Seele, die menschliche Erfahrung und damit verbundene Emotionen, darauf lässt sich in einem Datensatz nicht zugreifen.

 

Das Internet hat schnellen Zugang zu Wissen ermöglicht. Jetzt ersetzt die KI plötzlich auch Fähigkeiten. Werden künftige Generationen gar nichts mehr selbst machen und verdummen?

Mucha: Es wird wohl die Aufgabe der Menschheit sein, dafür zu sorgen, dass wir da eine Ausgewogenheit hinbekommen. Wir waren schon immer eine Spezies, die etwas gebaut hat, Werkzeug oder Fortbewegungsmittel, um sich das Leben zu erleichtern. Es wäre dumm, die KI und damit die Zeitersparnis nicht zu nutzen. Die Frage ist, was machen wir mit der Zeit, die sie uns schenkt?

 

Du verbringst deine Zeit momentan viel mit Ausprobieren von KI-Tools. Was beschäftigt dich besonders?

Mucha: An erster Stelle wohl Midjourney. Ich habe im vergangenen Monat Tausende Bilder generiert, von Vorschlägen für einen Podcast bis zu meiner Tochter, wie sie das Möwen-Referat schreibt.

 

Wann verliert der erste Grafiker in Heilbronn seinen Job?

Mucha: Vielleicht ist es schon passiert, ich weiß es nicht. Es gibt auf jeden Fall schon Stellenausschreibungen für die sogenannten KI-Flüsterer. Eine Kunst besteht jetzt darin, die Aufträge an die KI richtig zu formulieren, damit das gewünschte Ergebnis erzielt werden kann. Sicher ist: Wenn ein Grafiker normalerweise zehn Stunden gebraucht hat, um erste Vorschläge zu entwickeln, braucht er künftig vielleicht noch eine. Ähnlich geht es demnächst Architekten, Musikern, Journalisten.

 

Gibt es bei der rasanten Entwicklung im KI-Bereich nicht auch Gefahren?

Mucha: Mag sein, aber wie gesagt, es geht nicht mehr weg. Wollen wir diese Technik China und den USA überlassen? Die geben jetzt richtig Gas. Tristan Behrens, Musiker bei uns im KI Salon und Experte für Machine Learning, hat es mit einem Peleton bei der Tour de France verglichen. Solange wir im Windschatten bleiben, haben wir noch die Chance, hinterherzukommen. Wenn der Kontakt abreißt, dann wird die Lücke immer größer. Wir Europäer stehen uns mit Themen wie Datenschutz und sonstiger Regulierung selbst im Weg. Wir müssen jetzt erst mal machen und dann schauen, wie wir es regeln. Sonst haben wir am Ende gar nicht mehr die Chance, Einfluss darauf zu nehmen.

Externer Inhalt

Dieser externe Inhalt wird von einem Drittanbieter bereit gestellt. Aufgrund einer möglichen Datenübermittlung wird dieser Inhalt nicht dargestellt. Mehr Informationen finden Sie hierzu in der Datenschutzerklärung.

Einstellungen anpassen

Zur Person

Robert Mucha, 44, wuchs in Heilbronn auf. Im Jahr 2000 ging er nach Leipzig, um Journalistik, Kultur- und Sportwissenschaften zu studieren. Ab 2004 schrieb er in Berlin unter anderem für das Sportmagazin "11 Freunde". 2010 kehrte er zurück nach Heilbronn, wo er das Stadtmagazin "Hanix" gründete. Er engagiert sich für die Schwarmstadt-Initiative, ist im Vorstand des Vereins Zukunftsvisionen Heilbronn aktiv, Beisitzer beim VfR Heilbronn. Seit 2020 ist er Medienberater des KI Salons. Zudem interviewt er Leute aus Heilbronn-Franken in seinem "Originalteile"-Podcast. Mucha ist in fester Beziehung und hat zwei Kinder.

 
Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben