Zahl der Insolvenzen steigt auch in der Region
In Deutschland rutschen wieder mehr Firmen in die Insolvenz. In der Region sorgte zuletzt der Fall des Bauträgers Paulus Wohnbau für Aufsehen. Nicht das einzige Unternehmen, das in die Zahlungsunfähigkeit rutschte.

Die Zahl der Firmenpleiten in Deutschland nimmt deutlich zu. Das Statistische Bundesamt hat an diesem Mittwoch Zahlen veröffentlicht, wonach es im August um 13,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat nach oben ging. Im Juli hatte es einen Anstieg um 23,8 Prozent gegeben.
Insolvenzen in der Region: Teusser Mineralbrunnen und Paulus Wohnbau
Richter Alexander Jörg vom Insolvenzgericht Heilbronn bestätigt die Tendenz für die Region. "Seit Jahresbeginn gab es einen deutlichen Zuwachs, besonders von gewerblichen Insolvenzen." Zu den prominenten Fällen zählen dabei die Teusser Mineralbrunnen aus Löwenstein und Paulus Wohnbau aus Pleidelsheim.
Ansonsten sei die Zunahme vor allem in der Gastronomie spürbar. Hier würden viele Gewerbetreibende selbst den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens stellen. Im Immobiliensektor seien es dagegen häufig sogenannte Fremdanträge, beispielsweise von Krankenkassen, die auf ausstehende Zahlungen reagierten. "Die Krankenkassen geben spürbar ihre Zurückhaltung auf, die sie während der Corona-Zeit an den Tag gelegt haben", sagt Jörg. Und das sei auch richtig, denn die Insolvenzverfahren hätten auch einen bereinigenden Effekt.
Häufig betroffen von solchen Fremdanträgen seien kleinere "Subunternehmen mit Auslandsbezug", erklärt der Richter am Amtsgericht: Trockenbauer, Estrichleger und ähnliche Gewerke. Von einer "Welle" möchte Jörg allerdings noch nicht sprechen. "Das Geschäft zieht eben an."
Deutlich mehr Firmenpleiten im ersten Halbjahr
Endgültige Zahlen liegen dem Bundesamt inzwischen für das erste Halbjahr 2023 vor: In den sechs Monaten meldeten die Amtsgerichte hierzulande 8571 Unternehmensinsolvenzen und damit 20,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die voraussichtlichen Forderungen der Gläubiger bezifferten die Gerichte den Angaben zufolge auf rund 13,9 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2022 waren es rund 8,2 Milliarden Euro.
Bezogen auf 10.000 Unternehmen gab es demnach im ersten Halbjahr 2023 in Deutschland 25,3 Pleiten. Die meisten Insolvenzen je 10.000 Unternehmen entfielen auf Verkehr und Lagerei mit 54,1 Fällen. Überdurchschnittlich häufig traf es auch die Dienstleistungsbranche, zu der zum Beispiel Zeitarbeitsfirmen zählen, mit 41,3 Fällen. Die geringste Insolvenzhäufigkeit mit 2,4 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen stellte das Bundesamt in der Energieversorgung fest.
"Inflation, Kaufzurückhaltung, hohe Energiepreise und steigende Finanzierungskosten machen den Unternehmen zunehmend zu schaffen und lassen sich kaum noch kompensieren", ordnete der Partner der Beratungsgesellschaft Falkensteg, Jonas Eckhardt, in einer Ende August vorgelegten Analyse ein. "Zudem gibt es noch einen Nachholeffekt aufgrund der umfangreichen staatlichen Hilfen in den vergangenen zwei Jahren, die inzwischen ausgelaufen sind und viele Unternehmen am Leben hielten."
Milliardenschwere Staatshilfen werden "zum Bumerang"
In den vergangenen Jahren hatten staatliche Hilfen sowie teils ausgesetzte Insolvenzantragspflichten trotz Corona- und Energiekrise die Zahl der Firmenpleiten in Deutschland niedrig gehalten. Im Gesamtjahr 2022 zählte das Bundesamt mit 14.590 Fällen relativ wenige Unternehmensinsolvenzen. Im Jahr der Wirtschaftskrise 2009 hatte es fast 33.000 Firmenpleiten hierzulande gegeben.
"Für viele Betriebe werden die großzügig verteilten Staatsgelder der Vergangenheit jetzt zum Bumerang", meint jedoch der Leiter der Creditreform-Wirtschaftsforschung, Patrik-Ludwig Hantzsch. Die Wirtschaftsauskunftei hatte bereits Ende Juni einen Anstieg der Firmenpleiten für das erste Halbjahr vermeldet. "Die Rückzahlungen der Hilfen und teils verschleppte Anpassungen des Geschäftsmodells führen bei dauerhaft steigenden Zinsen in die finanzielle und wirtschaftliche Sackgasse", befand Hantzsch.
Deutlich häufiger als zu Jahresbeginn geben der Falkensteg-Analyse zufolge aktuell größere Unternehmen ihr Geschäft auf. Mit 37 Anträgen im zweiten Quartal habe sich die Zahl der Großinsolvenzen binnen Jahresfrist fast verdoppelt. Somit sind wesentlich mehr Arbeitnehmer betroffen. Nach Schätzung von Creditreform waren im ersten Halbjahr 125.000 Beschäftigte hierzulande von Firmenpleiten betroffen und damit fast doppelt so viele wie ein Jahr zuvor (68.000).
Verbraucherinsolvenzen gesunken
Dagegen gab es in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres amtlichen Zahlen zufolge weniger Verbraucherinsolvenzen: 33.140 Fälle waren 1,9 Prozent weniger als im ersten Halbjahr 2022. Experten rechnen jedoch angesichts der hartnäckig hohen Inflation auch bei den Verbraucherinsolvenzen spätestens im nächsten Jahr mit einer spürbaren Verschlechterung der Situation.
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