Hohenloher Schrauben-Cluster geht in die nächste Phase
Die Kooperation zahlreicher Unternehmen wird mit dem neuen Museum in Ernsbach greifbar. Trotzdem lässt der Biss im Wettbewerb nicht nach.

Albert Berner kennt den Cluster-Baum im neuen Kocherwerk, dem "Haus der Verbindungstechnik", nur zu gut. Er ist Teil davon. Der einstige Lehrling von Adolf Würth hatte sich nach erfolgreicher und doch spannungsgeladener Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Klassenkameraden Reinhold 1957 selbstständig gemacht. "Und Gerhard Sprügel, der hat bei mir gelernt", erzählt der 86-Jährige bei einem spontanen Besuch des neuen Schraubenmuseums. Sprügel gründete 1974 eine weitere Firma des Hohenloher Montage- und Befestigungsclusters.
Stetige Entwicklung
Berners Rolle zwischen Abkömmling und Erblasser illustriert, wie sich diese Branchenfamilie in Hohenlohe entwickelte. Ihren Anfang nahm sie bei der Firma Arnold in Ernsbach, wo heute auch das Schraubenmuseum seinen Platz gefunden hat, ging weiter über Firmen wie Reisser und von dort unter anderem direkt zu Würth, dem Weltkonzern im Zentrum des heutigen Clusters. Gut nachvollziehbar ist das anhand des sogenannten Clusterbaums, den der Geografie-Professor Peter Kirchner schon vor Jahren erstellt und nun für das Kocherwerk noch einmal aktualisiert hat.

Doppelt so viele Beschäftigte
"Es sind ja wenig neue Unternehmen dazugekommen", sagt Kirchner. Überraschend aus seiner Sicht: "Die Beschäftigtenzahl innerhalb des Clusters hat sich in 20 Jahren verdoppelt." Die bestehenden Unternehmen hätten sich also sehr gut entwickelt. Was die Zahl der Unternehmen angehe, stehe jetzt die Zeit der Konsolidierung an. Und er halte es für möglich, dass man jetzt von der Phase des extremen Wettbewerbs vor allem zwischen den Firmengründern sogar in eine Phase der Kooperationsbereitschaft wechsle. Eine Zusammenarbeit sei etwa beim Thema Nachwuchsgewinnung möglich.
Eine wichtige Beobachtung Kirchners ist, dass die meisten Unternehmen patriarchalisch geführt seien und die Mitarbeiter grundsätzlich eine hohe Treue zu ihrem Unternehmen entwickelten. "Das war und ist ein Geben und Nehmen." Wenn aber dann doch jemand unzufrieden war, dann keimte immer wieder auch schnell die Idee, dass man ein eigenes Unternehmen gründen kann, anstatt zum Konkurrenten zu wechseln - was die Entwicklung des Clusters lange Zeit beförderte.
Der Wettbewerb ist weiterhin intensiv
Kirchners Einschätzung des nachlassenden Wettbewerbs unter den Schraubenhändlern und -produzenten in Hohenlohe widersprechen allerdings prominente Vertreter vehement. Ein Christian Berner zeigt sich, was die Konkurrenz zu den großen Nachbarn wie Würth angeht, ebenso kampflustig wie ein Würth-Konzernchef Robert Friedmann auf der anderen Seite. Kirchner kennt auch noch das Gentleman's Agreement, dass man sich untereinander keine Fachkräfte abwirbt. Ob es das heute noch gibt? Auch dazu gibt es von den Verantwortlichen in den Unternehmen sehr unterschiedliche Aussagen.
Albert Berner ist mit seinen inzwischen 86 Jahren in dieser Hinsicht deutlich entspannter. Er freut sich darüber, dass sich für das Museum 19 Unternehmen im Trägerverein zusammengefunden haben, "alles gleichberechtigte Mitglieder", wie er betont. "Das hat er sehr neutral gehalten, großes Kompliment", lobt er die Initiative seines alten Wettbewerbers Reinhold Würth.
Albert Berner dankt Ex-Mitarbeiterin
Dann nimmt Albert Berner seine ehemalige Mitarbeiterin Ute Schuster, die heutige Koordinatorin des Kocherwerks, in den Arm. "Das ist ganz toll geworden hier." 1989 hatten sich die beiden kennengelernt. 22 Jahre hatte Schuster bei Berner gearbeitet, bevor sie zur Stadt Forchtenberg in den Tourismus wechselte und anschließend noch fünf Jahre für Würth Industries in Bad Mergentheim arbeitete. Jetzt darf sie den Menschen die Verbindungen und Besonderheiten des Befestigungsclusters in Hohenlohe näherbringen. "Für mich hat sich der Kreis geschlossen", sagt die 58-Jährige.
Cluster
Ein Cluster ist eine räumliche Konzentration von Unternehmen derselben Branche, erläutert Experte Peter Kirchner, Professor an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Er hatte schon während seines Studiums und für seine Promotion Ende der 1990er Jahre Cluster in der Region Heilbronn-Franken untersucht. Typisch sei, dass solche Ansammlungen eine besondere Dynamik entfalten, durch Pionierunternehmen, neue Märkte, neue Technologien. So auch beim Montage- und Befestigungscluster. Die an einen Familienstammbaum erinnernde Darstellungsform für einen Cluster hat sich seit den 1990er Jahren etabliert. Der Journalist Kurt Neuffer habe damit als erster die Entwicklung des Verpackungsmaschinenclusters im Kreis Schwäbisch Hall dargestellt. Kirchner hat sie mit anderen Wirtschaftsgeografen optimiert. Bei seinen Clusterbäumen lassen sich unter anderem Gründungsjahr, Mitarbeiteranzahl, Mitarbeiterentwicklung ablesen. Für die Darstellung in unserer Zeitung haben wir eine vereinfachte Darstellung gewählt.



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