EnBW-Geschäft hängt noch sehr an russischer Energie
Gas kann kurzfristig nicht ersetzt werden. Unterdessen schließt sich das Fenster für einen möglichen Weiterbetrieb von GKN II. Trotzdem geht der Energieversorger von Wachstum in diesem Jahr aus

Die stark gestiegenen Energiepreise haben den Umsatz der EnBW im vergangenen Jahr in bislang ungekannte Höhen getrieben. Um 63 Prozent stiegen die Erlöse auf 32,1 Milliarden Euro. Der Krieg in der Ukraine beschäftigt die Verantwortlichen des Energieversorgers derzeit aber auf fast allen Ebenen, wie Vorstandschef Frank Mastiaux am Mittwoch bei der Vorstellung der Bilanz erläuterte.
Bei Steinkohle gibt es Vorräte für Monate
Zwar ist die EnBW weder in der Ukraine noch in Russland selbst aktiv, betont Mastiaux. Doch weiterhin kommen Kohle und Gas "in nicht unerheblichem Maß" aus Russland. Daran hat sich mit Kriegsausbruch nichts geändert.
Von 4,2 Millionen Tonnen Steinkohle stammten im vergangenen Jahr 3,6 Millionen oder 85 Prozent aus Russland, so Mastiaux. "Unsere Versorgung mit Steinkohle verläuft derzeit weitestgehend ungestört." Vorräte würden die Versorgung bis "weit ins laufende Jahr" absichern. Und die EnBW habe Ende 2021 begonnen, die Kohlebeschaffung zu diversifizieren.
Zum Gas: 495 Terawattstunden hat die EnBW im vergangenen Jahr eingekauft, von denen 20 Prozent aus direkten Lieferverträgen mit russischen Lieferanten stammten. Den Rest kauft der Versorger am europäischen Großhandelsmarkt. Woher dort das Gas im einzelnen stamme, lasse sich nicht zuordnen, erklärt Mastiaux. Doch mehr als die Hälfte der gehandelten Mengen kämen aus Russland. Klar formulierte Mastiaux allerdings: "Es wird keine neuen Lieferverträge mit Russland geben unter dieser Führung."

In engem Austausch mit der Bundesregierung
Mastiaux sieht derzeit eine sehr enge und intensive Zusammenarbeit der Bundesregierung mit Industrie und Energieversorgern, um Auswirkungen einer möglichen "Gasmangellage" auszuloten. Die würde durch ein Embargo oder einen Lieferstopp von russischer Seite entstehen, denn das fehlende Gas könnte kurzfristig nur zum Teil von anderer Seite beschafft werden.
"Der Wirtschaftsminister macht sich auf eine erkennbar umfangreiche Reise, das spricht für sich", so Mastiaux. Für das "Krisenszenario Gas" habe aber auch die EnBW derzeit keine befriedigende Antwort.
GKN könnte einen guten Monat weiterlaufen, theoretisch
Technisch möglich wäre der Weiterbetrieb des letzten verbliebenen EnBW-Kernkraftwerks in Neckarwestheim, sagt Mastiaux auf Nachfrage. Sollte Restlaufzeit jetzt noch gespart werden, dann könne das GKN ohne neue Brennstäbe noch einen Monat oder anderthalb weiterlaufen.
Doch die Rahmenbedingungen dafür fehlten, und mit jedem Tag, den man näher an das Abschaltdatum heranrücke, werde das unwahrscheinlicher. "Aber das Thema ist ja derzeit ein Stück weit erledigt."
Neukunden kosteten Geld
Nicht profitiert hat die EnBW finanziell von den Neukunden, die ungeplant nach den Lieferstopps vieler Energieversorger Ende vergangenen Jahres in die Grundversorgung der EnBW gefallen sind. Sie wurden in den Grundtarif eingestuft, der nicht angepasst wurde. Für teures Geld habe man dann den Strom zukaufen müssen, erklärt Finanzvorstand Thomas Kusterer. "Das hat uns einen höheren zweistelligen Millionenbetrag gekostet."
Mastiaux, der die EnBW-Spitze im September verlässt, sieht die Notwendigkeit einer Neuaufstellung. Versorgungssicherheit und Diversifizierung spielten künftig eine neue Rolle, die Energielandschaft verändere sich mit dem Krieg noch schneller als bisher. Mancher Trend verstärke sich nun noch einmal, etwa der steigende Bedarf an erneuerbaren Energien, der Hochlauf der E-Mobilität, die Digitalisierung und auch das Thema Wasserstoff. Vor allem beim letzten Punkt wünscht er sich schlanke Prozesse und eine effiziente Umsetzung.
Jahresabschluss 2021
Die EnBW hat im vergangenen Jahr nicht nur einen Rekordumsatz, sondern auch das beste operative Ergebnis der Unternehmensgeschichte eingefahren. Von 2,78 Milliarden auf 2,96 Milliarden Euro erhöhte sich der bereinigte Gewinn vor Zinsen, Steuern und sonstigen Abschreibungen. Es überstieg damit das bisherige Rekordergebnis von 2010. Ergebnistreiber im vergangenen Jahr waren die konventionellen Kraftwerke und der Energiehandel. Hier legte das Ergebnis um 20 Prozent zu. Rückläufig waren in dem windschwachen Jahr die erneuerbaren Energien. Die Mitarbeiterzahl stieg um rund sechs Prozent auf 26 000. Die Dividende soll von einem Euro auf 1,10 Euro steigen.
Für das laufende Geschäftsjahr plant die EnBW mit weiteren deutlichen Ergebnissteigerungen. Damit rückt der Versorger voraussichtlich näher an das für 2025 angepeilte Ziel von 3,2 Milliarden Euro heran. Allerdings fehlt ab dem kommenden Jahr der Strom aus dem GKN in der Bilanz, wie Finanzvorstand Thomas Kusterer erläuterte.
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