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100 Jahre Reisser Schraubentechnik: Die richtige Schraube reduziert den Aufwand

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Die alten Bande zu Würth sicherten in den 90ern das Überleben. Längst werden in Criesbach wieder Produkte gefertigt, die es nicht an jeder Ecke gibt.

 Foto: Gleichauf, Christian

In kurzen Abständen fallen die Schlüsselschrauben aus der Maschine. Eine andere formt aus Edelstahldraht Bolzen mit Innensechskantköpfen. Wieder andere produzieren hochfeste Spanplatten- oder Bimetallschrauben, deren Kopf später lackiert werden kann.

Wenn es um besondere Anforderungen geht, dann hat Reisser Schraubentechnik in Ingelfingen-Criesbach dafür die Maschinen, die Mitarbeiter und das Know-how. Vor 100 Jahren begann die Geschichte des Unternehmens, die um Haaresbreite in den 90er Jahren ein vorzeitiges Ende gefunden hätte.

Ein besonders altes Stück deutscher Wertarbeit ist noch aktiv

Heute ist die Firma wieder quicklebendig. So lebendig wie die Maschine, die hier ein bisschen wie ein Fremdkörper zwischen all den anderen steht und doch die modernen Assy-Schrauben aus dem Würth-Sortiment produziert. "Die ist älter als ich", sagt Michael Dartsch.

Der 56-Jährige ist seit 1987 bei Reisser beschäftigt, seit 2006 Geschäftsführer. "Aber fotografieren Sie die nicht, sonst denken unsere Kunden noch: Mit was für einem alten Zeugs produzieren die denn?"

Das gute Stück ist allerdings generalüberholt, sein Anpressdruck wird digital überwacht wie bei einer modernen Maschine. "Tolle deutsche Wertarbeit", sagt Dartsch. Was er nicht sagen muss: Die neue, gekapselte Maschine daneben, die rund eine halbe Million Euro gekostet hat, dürfte kaum so alt werden.

Reisser stand 1992 mit dem Rücken zur Wand

Doch wenn man auf einem Markt mithalten will, auf dem es immer auch um Schnelligkeit und Preis geht, dann muss man mit der Zeit gehen.

Diese Erfahrung hat Reisser gemacht. Die Veränderungen des Marktes und interne Probleme hatten das Unternehmen in den 90er Jahren fast in die Pleite getrieben. "Man hatte sich damals wohl etwas verzettelt", erzählt Dartsch.

Würth-Konzern schoss das notwendige Kapital zu

Wer weiß, wie das ausgegangen wäre, hätte nicht Adolf Würth so viele Jahre in dieser Firma verbracht. Nachdem Reisser 1992 Konkurs anmelden musste, spielte wohl auch die alte Verbundenheit eine Rolle, als wenig später der inzwischen von Adolf Würths Sohn Reinhold geführte Würth-Konzern die kleine Firma übernahm und wieder mit Kapital ausstattete.

Es konnte also wieder investiert werden, in Maschinen und in gute Mitarbeiter, die zuvor das Unternehmen vielfach verlassen hatten. Es ging aufwärts.

Reisser wurde zum Schraubenproduzenten für Würth, durfte aber weiterhin auch selbstständig unterwegs sein. So kommt der Edelstahlschraubenspezialist immer wieder zum Zug, wenn es um die richtige Schraube geht. Etwa für das Dach des Flughafens von Istanbul, wo die Reisser-Blechschrauben eine spanlose Verarbeitung ermöglichten. Die Monteure konnten sich die Zeit fürs Saubermachen sparen.

Zuletzt gab es ein bemerkenswertes Umsatzwachstum

In den vergangenen zehn Jahren wuchs der Umsatz von 47,5 Millionen Euro auf 72,3 Millionen. Nach dem Corona-Jahr 2020 soll es wieder mit zweistelligen Prozentsätzen nach oben gehen. "Es ist ein profitables Wachstum", betont Alexander Kimmerle, der seit 2019 neben Michael Dartsch Geschäftsführer ist.

Mehrfach wurde die Produktion erweitert, 2014 gab es ein neues Bürogebäude. Das wurde dann längst wieder aus eigener Kraft gestemmt. "Die letzte Großinvestition war die neue Galvanik." 6,5 Millionen Euro kostete sie inklusive Halle. Damit ist der Standort am Kocher auch vollständig bebaut. Pläne für eine neue Logistikhalle gibt es bereits, doch wo sie hinkommt, ist noch nicht entschieden. "Irgendwo im Umland", heißt es nur.

Im Export liegt noch Potenzial

340 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen, davon 80 im Außendienst in ganz Europa. "Wir haben einen starken Vertrieb, von daher passen wir auch gut zur DNA der Würth-Gruppe", sagt Kimmerle.

Niederlassungen gibt es in Rumänien und Ungarn, dazu Verkaufsbüros in Spanien und Polen. Der Exportanteil liegt bei 35 Prozent. "Da ist noch Potenzial", sagt Michael Dartsch.

Manches ist aber auch noch Handarbeit. Eine Teilzeitkraft steckt Schrauben in eine Lochplatte, um sie anschließend lackieren zu lassen. "Wenn es schnell gehen muss, wird auch noch von Hand lackiert, anschließend wird die Farbe eingebrannt", sagt Dartsch. Typischerweise komme ein Bauherr an eine neue Fassade, sieht die silbern glänzenden Schrauben und möchte sie dann lackiert haben. "Dann ist Zeit Geld." Und Reisser kann seine Stärken ausspielen.

 


 

Die Würth-Wiege

1999 erzählte Reinhold Würth an der Universität Karlsruhe, wie sein Vater zum Schraubenhändler wurde. So habe sein Großvater 1922 in einer Zeitung gelesen, dass in Kupferzell ein "Stift" gesucht wird, ein Lehrling. Der 13-Jährige Adolf stellte sich vor und wurde bei der Firma Reisser angenommen, die anfangs eher Eisenwarengeschäft als Schraubenhersteller war. Bis zum Prokuristen brachte es der ehemalige Stift Adolf Würth anschließend, bevor er 1945 seine eigene Firma gründete.

Reisser war somit Teil der Keimzelle des Hohenloher Schraubenclusters. Und so spielt diese Geschichte natürlich auch eine wichtige Rolle im neuen Schraubenmuseum in Forchtenberg-Ernsbach, das am Freitag eröffnet wurde.


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