Abschied vom Audi R8: Das Ende einer Sportwagen-Ikone
Nach über 44.400 Autos ist Schluss: Mit dem Produktionsende des Zweisitzers R8 geht bei Audi in Neckarsulm eine Ära zu Ende. Ein Blick zurück und nach vorne.

Am 14. August 2006 titelte die Heilbronner Stimme mit der Schlagzeile "Jetzt wildert Audi im Porsche-Revier". Damals stand die Premiere des ersten R8 kurz bevor. Ein rassiger Zweisitzer von Audi - und dann auch noch gebaut in Neckarsulm. Das sorgte nicht nur in der Region für Spannung. Staunende Blicke, aufgeregte Diskussionen - und sehr viel Applaus. Als am 27. September 2006 beim Autosalon in Paris das Tuch vom Fahrzeug gezogen wurde, rieben sich Konkurrenz und Fachwelt die Augen. Ein reinrassiger Sportwagen von Audi? Das hatte man der Marke zu dem Zeitpunkt nicht zugetraut. Die Weltpremiere des R8 war damals der vorläufige Höhepunkt in den Bemühungen des Unternehmens, das behäbige Image abzustreifen und zur sportlichen Premiummarke aufzusteigen.
Audi R8 zur Ikone gereift: "In Neckarsulm geboren"
Viel Zeit ist seitdem vergangen, der R8 wie einst der TT zur Ikone gereift. Während die Erstauflage des Sportwagens noch direkt im Werk Neckarsulm produziert wurde, lief die Fertigung der zweiten Generation am Standort Böllinger Höfe in Heilbronn. Verantwortlich dafür war die Tochterfirma Audi Sport GmbH. Ja, war. Denn in dieser Woche rollte das letzte Exemplar vom Band der Manufaktur.
"Der Audi R8 wurde als Speerspitze der sportlichen Modelle 2006 in Neckarsulm, dem Hauptsitz der Audi Sport GmbH, geboren und hat sich über die Jahre zur absoluten Ikone im Produktportfolio entwickelt", sagt Rolf Michl, Geschäftsführer der Audi Sport GmbH. "Bis heute steht er mit all seinen Derivaten und Editionen für Sportlichkeit, Eleganz und höchste Ingenieurs-Kunst. Bislang haben wir über 44 400 Serien-R8 weltweit an unsere Kunden ausgeliefert und über 450 R8 LMS gebaut, die rund um den Globus für den Einsatz in verschiedenen Motorsportserien vertrieben wurden."
Modell des Audi R8 Herausforderung für die Designer

Am Anfang war das leere Blatt Papier. Im Designzentrum von Audi in Ingolstadt kommt der Auftrag für den R8 herein. Entworfen hat ihn Frank Lamberty, der vor über 25 Jahren bei der Marke mit den vier Ringen angefangen hat. "Einen Sportwagen zu zeichnen, ist für jeden Designer ein Traum", sagt Lamberty. "Man denkt ja erst mal so: Ein flaches und breites Auto zu zeichnen - das ist einfach", so Lamberty. Doch gibt es die eine oder andere Tücke. Ein Mittelmotor-Sportwagen, der, so die knifflige Vorgabe, nicht britisch oder italienisch anmuten soll. "So ein Konzept hatte es in der Markengeschichte noch nicht gegeben, es gab keinerlei Vorbilder", sagt der Designer. Eine nicht alltägliche Aufgabe, eine große Herausforderung.
Audi R8: "Zeitlose Ikone, die nie alt aussehen wird"
"Wir haben alle für das Projekt gebrannt", blickt Lamberty zurück. "Da hat quasi jeder den Stift in die Hand genommen und angefangen zu zeichnen." Die technische Konzeption des Sportwagens bringt einige formale Vorgaben mit sich - zum Beispiel ist klar, dass der Fahrer sehr weit vorne sitzen würde. Ebenfalls besonders wichtig beim R8: Die sogenannten Sideblades, oft in schwarz lackiert, haben erst einmal etwas Funktionales: Sie werden für die Luftdurchführung entworfen. "Die Sideblades sehen aber auch gut aus", betont Frank Lamberty. "Absolut stilprägend beim Audi R8." Technik sichtbar zu machen, das sei damals wie heute eines der großen Ziele im Design gewesen. Deswegen habe man sich auch für transparente Motorhauben entschieden, unter der die Acht- und Zehnzylindermotoren jederzeit zu sehen sind. Bei den ersten Entwürfen habe man sogar das Glas weggelassen, alles war offen. "Die Besitzer eines R8 haben eine zeitlose Ikone, die nie alt aussehen wird", so Lamberty.
Bei der zweiten Generation des Supersportwagens hat Frank Lamberty nicht direkt mitgewirkt, aber den Designprozess natürlich genau verfolgt. Es sei nicht einfach, eine Ikone weiterzuentwickeln, aber viele Details zeigen die Evolution des R8 - wie der flachere und breitere Kühlergrill. Oder die flachen Schlitze oberhalb davon - sie erinnern an den Audi Sport quattro.
Hier geht es zum Fahrbericht des extremsten Audi R8 aller Zeiten.
Sondermodell des Audi R8 zum Abschied
"Also tanz, als wär"s der letzte Tanz. Als wär's der letzte Tanz." Diese Liedzeilen des Künstlers Bosse passen ziemlich gut zum Audi R8. Immer schärfere Abgasnormen rund um den Globus haben letztlich entscheidend mit dafür gesorgt, dass die Tage des Zweisitzers nun gezählt sind. Pünktlich zum 40. Geburtstag der Audi Sport GmbH gab es zum Finale noch ein streng limitiertes Sondermodell. 225.000 Euro kostet der R8 V10 GT RWD, wie das Sondermodell vollständig heißt.
Das ändert nichts daran, dass die nur 333 verfügbaren Exemplare in weniger als 24 Stunden weg waren. Allein die 89 für Deutschland reservierten Fahrzeuge haben binnen sechs Stunden einen Platz in einer Garage von Sammlern und Sportwagenliebhabern gefunden. Ein würdiger Höhepunkt für den R8 und vor allem auch für den legendären Zehnzylindermotor, den Audi ebenfalls in Rente schickt. Der 5,2-Liter-Sauger wurde im stärksten Audi-Hecktriebler aller Zeiten mit 620 PS von der Kette gelassen. Famos im Antritt, donnernd im Sound wie ein Gewitter am Morgen und elegant wie ein Kunstwerk unter Glas in einer Vitrine im Heck.
Aufwendige Produktion in der Manufaktur
Der erste Audi R8 wurde noch direkt im Werk Neckarsulm gefertigt. 2014 erhielt die Audi Sport GmbH in den Böllinger Höfen in Heilbronn ihre eigene Fertigungsstätte. Dort lief nun das letzte Exemplar des Sportwagens vom Band. "Einzigartig ist, wie unsere Fertigungen in den Böllinger Höfen und im Stammwerk Synergien genutzt und den R8 im Zusammenspiel auf die Straße gebracht haben", sagt Neckarsulms Werkleiter Fred Schulze. "Dazu wird im Fahrzeug die große Kompetenz unserer Technischen Entwicklung erlebbar. So ist der R8 zum perfekten Beispiel für hochemotionale und sportliche Fahrzeuge aus Neckarsulm geworden."

Die Fertigung des R8 erfolgte zu mehr als 80 Prozent in Manufakturarbeit - so viel wie bei keinem anderen Audi-Modell zuvor. Seit dem Jahr 2019 rollt dort in Heilbronn der vollelektrische E-Tron GT vom Band. Rund 1000 Menschen sind in der Produktion in den Böllinger beschäftigt. Und sie arbeiten nicht irgendwo. Denn die Fertigung zweier so technisch unterschiedlicher Fahrzeuge auf einer Linie war im VW-Konzern bisher einzigartig. "Im Audi R8 zeigt sich die ganze Stärke unserer Manufaktur: In ihr verbinden wir Handwerkskunst mit smarter Produktion und fertigen jedes Fahrzeug mit viel Leidenschaft und Liebe zum Detail", sagt Wolfgang Schanz, der die Fertigung in Heilbronn verantwortet. "Darauf sind unsere Mitarbeitenden zurecht sehr stolz." Nun geht es für die Mannschaft ohne den R8 weiter. Dafür erhält der E-Tron GT eine umfangreiche optische und vor allem technische Überarbeitung, die im April der Öffentlichkeit vorgestellt wird.
Bereits vor einigen Jahren begann die Diskussion um einen potenziellen R8-Nachfolger. Doch eine Entscheidung für das Projekt „Rnext“ wurde immer wieder vertagt. Diskutiert wurden zuletzt zwei verschiedene Varianten – eine mit Plug-in-Antrieb und eine rein elektrische Version. Eine mögliche Option ist nun ein ganz neuer Sportwagen. Nach Informationen der Heilbronner Stimme prüft das Unternehmen gerade intensiv, einen vollelektrischen Zweisitzer zu entwickeln und in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts in Heilbronn zu produzieren.
In Heilbronn sind zwei Brüder mit dem Audi R8 durch Heilbronn gerast. Was ihnen jetzt droht.
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