Audi als Arbeitgeber: Personalvorstand sucht direkten Draht zu Mitarbeitern
Xavier Ros und Betriebsratschef Rainer Schirmer sprechen beim Stimme-Redaktionsbesuch über den Willen zur Veränderung und die notwendige Stabilität im Unternehmen. 6000 Stellen wurden zuletzt abgebaut. Jetzt kann auch wieder aufgebaut werden.

Die Regeln der Mitbestimmung in Deutschland musste der Spanier Xavier Ros nicht neu erlernen, als er im Mai als Personalvorstand von Seat zu Audi wechselte. "Im VW-Konzern hat die intensive Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat eine lange Tradition. Das habe ich auch bei Seat so praktiziert, obwohl es in Spanien nicht gesetzlich vorgeschrieben ist." Ein enges Miteinander sei ein Vorteil, findet Ros.
Der gesamte Vorstand der Audi AG kam am Donnerstag zur Betriebsversammlung nach Neckarsulm. Ros nutzt die Gelegenheit, um gemeinsam mit Betriebsratschef Rainer Schirmer zum Redaktionsbesuch bei der Heilbronner Stimme vorbeizuschauen.
Dass sie an einem Strang ziehen wollen, zeigt sich etwa in der Bewertung des Tarifabschlusses, der als "guter Kompromiss" nun langfristig Stabilität bringe, so Ros. Schirmer ergänzte: "Es hätte mehr sein können, aber im Flächentarifvertrag müssen wir alle mitnehmen, auch die Arbeitgeber, für die höhere Abschlüsse an die Existenz gehen."
Digitalisierung bleibt die große Herausforderung
Das Programm Audi.Zukunft, das die Beschäftigung bis 2029 sichert, ist weiter im Plan. Seit 2018 wurden bereits 6000 von geplanten 9500 Stellen sozialverträglich abgebaut. Jetzt gehe es auch an den Stellenaufbau in Zukunftsbereichen.
Die Transformation in Richtung Elektrifizierung und Digitalisierung beschäftigt Personaler wie Betriebsrat in allen Facetten. "Bei weitem der schwierigere Teil ist die Digitalisierung", betont Ros. Qualifizierung teile sich auf in Reskilling und Upskilling. Upskilling sei die klassische Weiterbildung, wenn es neue Anforderungen gebe. "Reskilling bedeutet, mein Arbeitsplatz fällt weg, ich muss mich auf eine ganz neue Tätigkeit vorbereiten."
Große Nachfrage nach Weiterbildung zum ITler
Daneben gebe es zusätzlich die Möglichkeit, freiwillig Programme wie "Digital Shift" zu durchlaufen, um künftig in ein neues Aufgabengebiet zu wechseln. Rainer Schirmer berichtet hier von mehr als 150 Bewerbern in der dritten Runde am Standort Neckarsulm. "Das läuft."
Ros sieht das auch als Bestätigung, wie motiviert die Mitarbeiter sind. "Von uns ist da viel Erklärungsarbeit notwendig. Die Welt bewegt sich."
Arbeitgeber für ein ganzes Leben
Audi sei ein Arbeitgeber, der Menschen über ihre gesamte Lebensarbeitszeit beschäftigen will. „Erst gestern habe ich eine Mitarbeiterin kennengelernt, die nicht mehr in der Produktion arbeiten konnte. Sie ist nun im Medienservice beschäftigt. Die Dame war so begeistert, so dankbar.“ Mehr als 1.600 solcher Tätigkeitswechsel aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen von sogenannten leistungsgewandelten Mitarbeitenden gibt es bei Audi aktuell.
Ros sucht den Kontakt zu den Mitarbeitern, das hatte er schon im Sommer im Gespräch mit unserer Redaktion angekündigt. Eine erste Gesprächsrunde, in der er sich mit rund 25 Mitarbeitern zusammensetzt, hat bereits stattgefunden - ohne Vorgesetzte und ohne Protokoll. "Ich denke schon, dass die Mitarbeiter da ehrlich sind", hofft er selbst.
Betriebsratschef Schirmer sagt: "Das ist immer abhängig davon, wer das Gespräch führt. Und unser Vorstand ist hier sehr empathisch. Das spüren die Leute." Feedback gebe es auch an ihn als Betriebsrat, teilweise sehr direkt.
Die Neckarsulmer Mikrokultur ist geprägt von den 70ern
Das mag auch daran liegen, dass die Zeiten unruhiger geworden sind, die Unsicherheit hat die Belegschaft erreicht. Schirmer hält es deshalb für besonders wichtig, verlässliche Aussagen für die langfristige Auslastung des Neckarsulmer Werks zu bekommen.
"Wir haben eben diese Geschichte mit den Jahren 1974/75, als unsere Zukunft auf dem Spiel stand." Das trug wohl auch zu der besonderen "Mikrokultur" am Standort bei. „Ich schätze an Neckarsulm besonders den Pragmatismus“, sagt Ros. Er betont die Chancen, die der Heilbronner Bildungscampus für die Transformation bietet. Doch zu viel Lob ist zweischneidig, das weiß Ros seit seiner Zeit in Ingolstadt, wo er in den 1990er Jahren seine Karriere begann. Jedes Wort, das man als Audi-Vorstand über einen Standort verliert, wird am anderen aufmerksam zur Kenntnis genommen.
Betriebsversammlung in Neckarsulm
Bei der Betriebsversammlung (BV) am Audi-Standort Neckarsulm, so berichten es Teilnehmer, mühte man sich auf allen Seiten um Zusammenhalt und Normalität. Zur letzten BV des Jahres war der gesamte Vorstand nach Neckarsulm gekommen. Zuletzt hatte es nach Aussagen von Audi-Chef Markus Duesmann und Vertriebsvorständin Hildegard Wortmann zur Zukunft des Unternehmens Unruhe in der Belegschaft gegeben. Duesmann richtete den Blick nach vorne: "Wir haben viel vor. Auch hier am Standort. Und dafür brauchen wir euch, eure Expertise, eure Leidenschaft."
Neckarsulms Betriebsratschef Rainer Schirmer erneuerte seine Forderung nach einer schnellen Entscheidung , welche E-Autos nach Neckarsulm kommen sollen. "Wir brauchen dringend einen Nachfolger für den A8", so Schirmer. Das elektrische Modell wird gerade unter dem Arbeitstitel Landyacht entwickelt. Zudem soll ein weiterer Stromer, voraussichtlich der A4 E-Tron Avant, nach Neckarsulm kommen. Die Entscheidung fällt wohl aber erst im Frühjahr 2023 bei der nächsten Planungsrunde des VW-Konzerns.
Konkurrenzdenken zwischen dem Stammsitz Ingolstadt und Neckarsulm erteilte Gesamtbetriebsratschef Peter Mosch eine Absage: "Der Zusammenhalt beider deutscher Audi-Standorte macht uns stark."
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