Audi-Marketingchefin: "Wir brauchen wieder das freche Augenzwinkern"
Hildegard Wortmann ist im Audi-Vorstand fürs Verkaufen zuständig. Sie hat klare Vorstellungen, wo es mit der Marke hingehen soll. Im Interview verkündet sie auch eine Erfolgsmeldung: Im Juli hat Audi mehr Autos verkauft als im Vorjahr.
Vor einem Jahr war Hildegard Wortmann die erste und einzige Frau im Audi-Vorstand. Sie kam von BMW und sie hatte klare Vorstellungen, wohin es mit Audi gehen sollte. Dann kam Corona. Was aus den Zielen geworden ist, was sie persönlich bewegt und was Audi künftig ausmachen sollte, erklärt sie im Interview mit unserer Redaktion.
Auf welches Fahrzeug aus Neckarsulm freuen Sie sich besonders, Frau Wortmann, welches werden Sie als nächstes fahren?

Hildegard Wortmann: Ich fahre bereits ein Fahrzeug aus Neckarsulm, und zwar mit viel Stolz, den A8 PHEV, den Plug-in-Hybrid. Dazu auch gleich eine gute Nachricht: Ich habe gerade in der aktuellen Programmplanung noch mehrere Hundert A8 für China nachbestellt, da die Nachfrage dort gerade kräftig anzieht. Da geben wir richtig Gas. Und dann freue ich mich auf den E-Tron GT, der hier aus den Böllinger Höfen kommen wird.
Man hat sich hier zuletzt ein paar Gedanken über die Zukunft gemacht...
Wortmann: Neckarsulm ist eine wichtige Säule in der Markenstrategie. Von hier kommen die Premium-Fahrzeuge, hier ist das Luxus-Segment. Es ist übrigens etwas, das mich sehr antreibt: Die Marke Audi wieder mit mehr Strahlkraft aufzuladen. Wir müssen uns da auch trauen, das Wort Luxus wieder in den Mund zu nehmen. Dazu gehören genau die Modelle, die wir in Neckarsulm produzieren. Der E-Tron GT wird zum Jahresende dann eines der wichtigsten Fahrzeuge im Sinne von Markenbildung, als Leuchtturm. Er wird eine starke Ikone der Zukunft für die Marke Audi. Denn die Zukunft ist elektrisch.
Die Elektrifizierung ist bisher nicht so sehr vom Kunden gefordert, sondern eher ein politisch und vom Hersteller getriebener Markt, weil CO2-Ziele zu erreichen sind. Wann dreht sich das?
Wortmann: Wir haben den Anspruch, die besten Premium-Fahrzeuge zu bauen, ob als Verbrenner- oder Elektromodelle. Wir müssen beide Welten beherrschen. Der E-Tron ist weltweit Marktführer in seinem Segment. Seit Marktstart haben wir knapp 50.000 verkauft, allein dieses Jahr schon 22.000. In Norwegen ist er das meistverkaufte Auto überhaupt. Da sind wir also aus der Nische raus, für die sich nur ein paar Enthusiasten und die sogenannten Early-Adopters interessieren.
Können Sie den Zahlen, die wegen Corona im ersten Halbjahr deutlich nach unten gegangen sind, etwas Positives abgewinnen?
Wortmann: Ich bin sehr zufrieden, wenn man die außergewöhnlichen Rahmenbedingungen bedenkt. Wenn wir das zweite Quartal nehmen, dann entwickeln wir uns bei den Auslieferungen mit minus 22,8 Prozent doch deutlich besser als der Gesamtmarkt, der sich bei minus 34 Prozent bewegt. Wir gewinnen in vielen bedeutenden europäischen Märkten gerade Marktanteile. Das zeigt die Stärke von Audi. Im Juli haben wir weltweit sogar mehr als 160.000 Autos verkauft, ein leichtes Plus im Vergleich zum Vorjahr.
Sie wollen ja den Absatz in den nächsten Jahren noch einmal deutlich steigern. Wo finden Sie die Kunden?
Wortmann: Ich glaube an die Kraft der Marke. Zum einen haben wir noch viel Potenzial in einigen Ländern außerhalb der klassischen Audi-Märkte. Im asiatischen Raum sind das etwa Südkorea und Japan. Aus meiner Zeit in Asien weiß ich, dass man viel Aufmerksamkeit fürs Detail braucht, um diese Märkte zu verstehen und erfolgreich zu sein. Wir gewinnen da inzwischen Marktanteile. Zum zweiten wollen wir uns überall wieder stärker vom Volumensegment abheben. Wir sind die Premium- und Luxusmarke. Und zu guter Letzt: Wir wollen die jüngeren Zielgruppen ansprechen. Audi war immer ein bisschen frech, worum ich die Marke früher beneidet habe. Dieses freche Augenzwinkern brauchen wir wieder, um die junge Generation zu begeistern. Denn die geht anders um mit Technologie, mit Design, mit Digitalisierung.
Wann hat Audi das Freche verloren?
Wortmann: Legen Sie mich nicht auf eine Jahreszahl fest, aber das Produktportfolio wurde in der Vergangenheit immer weiter ausgebaut, mit tollen Ikonen der Marke Audi. Ob das ein TT war oder ein R8, und natürlich immer wieder der Quattro-Antrieb. Kennen Sie das dicke Buch unserer "Audi Tradition"? Jetzt gilt es, die nächsten 50 Seiten dieses Buches zu schreiben. Audianer weltweit arbeiten mit viel Herzblut daran, dass wir das schaffen.
Was kann der Hersteller Audi auf dem heimischen Markt tun, um die Händler zu stärken?

Wortmann: Wir haben während der Corona-Zeit jeden Tag um 12 Uhr den internationalen Krisenstab Vertrieb einberufen. Da konnten wir aus den Erfahrungen in China sehr früh auch für die anderen Märkte unsere Schlüsse ziehen. Wir haben also schnell die Liquidität im Handel gesichert, damit die Händler diese Zeit überbrücken können. Und zweitens haben wir starke Pakete für Kunden geschnürt, um hier in Kontakt zu kommen. Anstatt mit schlichten Rabatten zu arbeiten, haben wir den Kunden einen Mehrwert geboten und zum Beispiel Service-Pakete kostenlos dazugegeben.
Audi hat in China gerade den besten Mai und Juni aller Zeiten erlebt. Europa hinkt jetzt hinterher...
Wortmann: China ist mit einer schnellen Erholung aus der Krise herausgestiegen, der Mai und Juni waren sogar die besten Monate, die wir jemals dort hatten. Mit dem Start der Langversion des A4 haben wir das notwendige Momentum erzeugen können, gerade als der Markt wieder anzog. Hier in Europa verläuft die Kurve deutlich flacher, was die Erholung angeht. Aber die Bestelleingänge legen zu und wir sind fast auf dem Vor-Corona-Niveau. Zudem haben wir es durch das geordnete Herunterfahren der Produktion geschafft, keine unnötigen Lager aufzubauen, die Pipeline nicht zu verstopfen. Jetzt hängt viel davon ab, wie die Pandemie sich weiterentwickelt. Bisher haben wir die Krise sehr gut gemanagt. Das sieht man auch an den Zahlen.
Die DTM ist in die neue Saison gestartet. Für Audi wird es die letzte sein. Bleibt es bei der Entscheidung?
Wortmann: Ja, es gibt einen klaren Vorstandsbeschluss. Gleichzeitig bin ich ein absoluter Autofreak und Motorsportfan, deshalb fällt das nicht leicht. Aber alles hat seine Zeit, und die Mittel sind auch bei uns begrenzt. Wir müssen uns derzeit Freiräume erarbeiten, um in Dinge zu investieren, die die Zukunftsfähigkeit der Marke Audi sicherstellen.
Zur Person
Die gebürtige Münsteranerin Hildegard Wortmann (53) war Fremdsprachenkorrespondentin und Betriebswirtin, als 1990 ihre Karriere bei Unilever begann. Nach einer Station bei Calvin Klein und einem Master of Business Administration in London wechselte sie 1998 zu BMW, wo sie unter anderem als Leiterin Brand Communication den Relaunch der Marke Mini begleitete. 2016 übernahm sie die Leitung der Marke BMW. Seit 1. Juli 2019 ist Wortmann Vorstandsmitglied der Audi AG für den Bereich Vertrieb und Marketing. Auch im Urlaub tue sie sich schwer, komplett abzuschalten, wie sie sagt. Wichtig sei ihr aber, dass sie in die Natur darf, wie sie sagt: "Radl fahrn, in den See springen, Ski fahren, bergsteigen - alles, was ich an der frischen Luft machen darf, ist für mich eine herrliche Entspannung".
Sie sind vor einem Jahr vom Konkurrenten BMW in München gekommen. Wie wurden Sie aufgenommen?
Wortmann: Für mich war das eine schöne Erfahrung, wie viel Wertschätzung und Respekt die Audianer mir von Anfang an entgegengebracht haben. Dass ich 20 Jahre für die andere Company gearbeitet habe, hat mich niemand spüren lassen. Gleichzeitig hatte ich nicht noch einmal 20 Jahre Zeit, um hier alle kennenzulernen, deshalb musste ich auch mutig sein und allen von Anfang an vertrauen. Umgekehrt war das genauso. Schon nach einer Woche wurde ich von einer Audianerin als Audianerin begrüßt. Das hat mich berührt. Diesen Titel trage ich jetzt mit sehr viel Stolz.
Sie waren die erste Frau im Audi-Vorstand. Wie kam die weibliche Perspektive an?
Wortmann: Wir sind inzwischen zwei Frauen im Team. Wenn wir im Vorstand voneinander lernen können, ist es egal, ob es sich um eine weibliche oder männliche Perspektive handelt. Es geht dabei übrigens um mehr als die typische Gender-Diversität. Wir haben insgesamt sehr unterschiedliche Charaktere, verschiedene Erfahrungen und Hintergründe. Genau das macht uns zu einem schlagkräftigen Team.
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