Warum die Bedeutung von Betriebskantinen übers Essen hinausgeht
Für Mitarbeiter bedeuten sie Wertschätzung, für Arbeitgeber einen guten Ruf: Betriebsrestaurants haben mittlerweile einen hohen Stellenwert in der Berufswelt.

Linsen mit Spätzle, sie gelten als schwäbisches Nationalgericht. Da ist es kaum verwunderlich, dass der Kantineklassiker auch im Betriebsrestaurant von Audi in Neckarsulm Verkaufsschlager Nummer eins ist, gefolgt von Currywurst und paniertem Putenschnitzel mit Pommes. "Da kommt man nicht dran vorbei", sagt Pressesprecherin Sina Feirer und lacht.
Wobei auch ein Anstieg an vegetarischen und veganen Gerichten zu bemerken sei. Etwa 30 Prozent der Mitarbeiter greifen zu fleischlosen Gerichten, erklärt Feirer. In diesem Jahr wurde außerdem ein "Meatfree Monday" eingeführt, sprich: An einem Montag pro Monat gibt es nur vegetarische Gerichte im Angebot. Teilweise musste die Betriebskantine während der Corona-Pandemie schließen, sagt Feirer.
Audi bezuschusst sein Betriebsrestaurant mit 55 Prozent
Auch nach dem Wiedereröffnen sei die Einrichtung aufgrund der geltenden Abstandsregelungen in den Kapazitäten stark eingeschränkt gewesen. Aber Besserung ist in Sicht: "Seit dem Wegfall dieser Maßnahmen steigt die Anzahl der Essensteilnehmenden wieder auf Vor-Corona-Niveau."
"Die Audi AG betreibt das Betriebsrestaurant in Neckarsulm in Eigenregie und bezuschusst die Mitarbeiterverpflegung mit rund 55 Prozent", erklärt Feirer. Wobei die Bedeutung einer Kantine für Mitarbeiter laut Feirer über das Essen hinausgeht: Eine Betriebskantine sei ein wichtiger Faktor für die Attraktivität eines Arbeitgebers. Dazu gehöre auch, nah am Arbeitsplatz zu liegen. Das rund 2000 Quadratmeter große Betriebsrestaurant "liegt im Herzen des Werks", und sei für jeden gut zu erreichen.

Die Heilbronner Agentur für Arbeit hat einen eigenen Kantinenverein
Auch in der Heilbronner Agentur für Arbeit gibt es ein Mitarbeiterrestaurant, das der gegründete Kantinenverein 1982 ins Leben rief. Der Gründergedanke des Vereins war der, dass die Arbeitsagentur außerhalb liegt, erklärt Sabine Gassebner, Studienberaterin vor dem Erwerbsleben und stellvertretende Vorsitzende des Kantinenvereins. "Bis wir in der Stadt ankommen, sind schon 20 Minuten unserer Mittagspause vorbei."
Vom Arbeitgeber selbst gibt es keine Zuschüsse, "wir sind ein gemeinnütziger Verein". Das heißt: Mit dem eingenommenen Geld durch verkaufte Essen, Snacks oder Getränke werden Lebensmittel besorgt, die Mitarbeiter der Kantine oder Reparaturarbeiten bezahlt, nennt die Studienberaterin ein paar Beispiele.
"Der Umsatz ist ganz schön eingebrochen"
Das übergeordnete Ziel, am Ende des Monats "keine Verluste zu schreiben, und wenigstens auf Null zu kommen", entpuppt sich in Homeoffice-Zeiten aber als schwierig, räumt Gassebner ein. Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie gingen bis zu 100 Essen über die Theke, aktuell seien es nur noch rund 50. Die Folge: "Der Umsatz ist ganz schön eingebrochen." In der Kantine sieht Gassebner einen hohen Stellenwert: "Unsere Kollegen sind viel in Schulen für Beratungen unterwegs. Wir sehen uns oft tagelang nicht." Umso schöner sei es, sich im Betriebsbrestaurant auszutauschen.
Bechtles Kantine zählte 2021 zu den besten in Deutschland
Sprichwörtlich ausgezeichnet ist die Kantine von Bechtle. Das Betriebsrestaurant des IT-Dienstleisters zählte vergangenes Jahr zu den zehn besten in Deutschland. Das war das Ergebnis des dritten Kantinentests der Fachzeitschrift "Food & Health". Betreiber ist das Unternehmen Aramark, ein international tätiges Dienstleistungsunternehmen in den Bereichen Catering, Gastronomie und Servicemanagement.
Das Betriebsrestaurant wird von Bechtle "kräftig bezuschusst", sagt Pressesprecherin Sabine Brand. "Aber natürlich lohnt sich das mit Blick auf die Zufriedenheit und die Gesundheit der Mitarbeitenden."
Teamgeist und die Vernetzung fördern
Mittagessen oder Pausen haben laut Brand auch eine soziale und kommunikative Funktion. "Anstatt allein am Schreibtisch zu sitzen, fördert der gemeinsame Mittagstisch Teamgeist und die Vernetzung untereinander.

Durch die seit Corona gestiegene Anzahl an Kollegen, die auch aus dem Homeoffice arbeiten, habe sich die Zahl der Mitarbeitenden, die das Betriebsrestaurant nutzen, insgesamt verringert. "Dadurch dass viele Kollegen nicht ausschließlich vor Ort, sondern viel bei Kunden unterwegs waren und sind, nahmen vor Corona in etwa die Hälfte der Mitarbeitenden am Standort ihr Mittagessen im Betriebsrestaurant ein. Derzeit ist es in etwa ein Viertel", so Sabine Brand.
Nachhaltigkeit in der Mitarbeiterverpflegung wird wichtiger
Auch Nachhaltigkeit spielt in Betriebsrestaurants eine immer größere Rolle. Bei Bechtle sei etwa positiv aufgefallen, dass der Trend weg von Menüs mit Fleisch gehe, regional eingekauft werde und es kein Einweggeschirr mehr gibt, erklärte die Heilbronner DHBW-Rektorin Professor Nicole Graf, die als Jurorin beim Kantinentest der Fachzeitschrift "Food & Health" 2021 mitgewirkt hatte.
Auch die Audi-Betriebsgastronomie legt verstärkt Wert auf Nachhaltigkeit und richtet ihr Angebot "von der Förderung regionaler Zulieferer, über die Reduktion des CO2-Ausstoßes bis zur Vermeidung von Food Waste" konsequent aus, heißt es in einer Pressemitteilung vom Juni dieses Jahres.
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