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Bildung auf den Punkt: Was tun gegen Defizite bei Grundschülern?

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Bei der ersten Veranstaltung der Reihe "Bildung auf den Punkt" im Bildungscampus Heilbronn diskutieren Schulleiter, Elternbeirat und Vertreter des Stuttgarter Kultusministeriums über Defizite bei Grundschülern. Soll ein Kindergartenjahr verpflichtend werden?

Podiumsdiskussion mit Simon Gajer (v.l.), Daniel Hager-Mann, Viviane Kalisch und Christian Mair.
Podiumsdiskussion mit Simon Gajer (v.l.), Daniel Hager-Mann, Viviane Kalisch und Christian Mair.  Foto: Mario Berger

Wenn es stimmt, was die Viertklässler über ihre Wolf-von-Gemmingen-Schule sagen, dann lebt es sich dort ziemlich gut - und zwar als Schüler und als Lehrer: großer Pausenhof, Mensa, Unterstützung für die ukrainischen Kinder, ein toller Rektor und "die beste Lehrerin der Welt".

Das sind Aussagen von Schülern im eingespielten Video, mit dem das neue Format der Heilbronner Stimme, "Bildung auf den Punkt" in Zusammenarbeit mit der Akademie für Innovative Bildung und Management Heilbronn (AIM), am Donnerstagabend im Bildungscampus eingeläutet wird. "Mathe und Deutsch ungenügend: Was fehlt an Grundschulen", heißt das Thema des von Redakteur Simon Gajer moderierten Abends. Mit auf dem Podium sitzen Viviane Kalisch, Vorsitzende des Heilbronner Gesamtelternbeirats, Christian Mair, Rektor der Wolf-von-Gemmingen-Schule, einer Grund- und Gemeinschaftsschule, und Daniel Hager-Mann, Ministerialdirektor im baden-württembergischen Kultusministerium.


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Leseverständnis lässt nach

"Das Leseverständnis lässt auch bei uns an der Schule tendenziell nach. Hier müssen wir gegensteuern, denn es ist eine Schlüsselkompetenz", fordert Mair. Um das Leseverständnis zu verbessern, ist die Schule inzwischen eine Kooperation mit der Bücherei eingegangen. Einen Grund für das abnehmende Leseverständnis sieht Mair im veränderten Mediennutzungsverhalten der Kinder. Die Beschäftigung mit Onlinespielen habe zugenommen. "Man kann sich darin verlieren, während anderes liegen bleibt", sagt Mair und empfiehlt Eltern, feste Nutzungszeiten vorzugeben. Hager-Mann sieht bei der Digitalisierung einen großen Bedarf: "Wir müssen Eltern und Kinder kompetent machen im Umgang mit Medien."

Christian Mair: "Es ist erschreckend, dass manche Kinder nur sporadisch in den Kindergarten gehen."
Christian Mair: "Es ist erschreckend, dass manche Kinder nur sporadisch in den Kindergarten gehen."  Foto: Mario Berger

In den Bereichen Lesen, Orthografie und Mathe, in denen die Kinder im Land in der Vergleichsstudie Vera 3 besonders schlecht abgeschnitten haben, werden laut Hager-Mann Fortbildungen angeboten und Lehrer qualifiziert. In diesem Zusammenhang blickt das Kultusministerium vor allem nach Hamburg. Der Stadtstaat macht seit Jahren eine Unterrichts-gestützte Datenerhebung. Hager-Mann: "Wir wollen eine Kultur des Hinschauens schaffen und dies systematisieren, um die Leistungen zu verbessern."

Keine Geschenke aus Stuttgart

"Wer soll das aus der Lehrerschaft vor Ort umsetzen, in Zeiten, in denen Klassen zusammengelegt werden?", fragt Viviane Kalisch nach. Man brauche einen Oberbau, um das umzusetzen. "Haben Sie Geschenke für die Grundschulen mitgebracht?", will Simon Gajer vom Stuttgarter Ministerialdirektor wissen. Der weist unter erstauntem Raunen im mit Lehrern, Schulleitern und Elternvertretern gefüllten Saal darauf hin, dass 98 Prozent der Grundschulen im Raum Heilbronn ausreichend mit Lehrern versorgt und im Grundschulbereich alle Studienplätze belegt seien.

Viviane Kalisch: "Sie können eine Richterin nicht durch jemanden ersetzen, der Gerichtssendungen schaut."
Viviane Kalisch: "Sie können eine Richterin nicht durch jemanden ersetzen, der Gerichtssendungen schaut."  Foto: Mario Berger

Mair versichert, dass Gemmingen nicht bei den genannten 98 Prozent liegt. Womit man schnell bei den Quereinsteigern ist, zumal Gemmingen aufgrund von Vorbereitungs- und Inklusionsklassen zusätzlichen Bedarf sieht. Viviane Kalisch macht deutlich, dass sie nicht viel davon hält: "Sie können eine Richterin nicht durch jemanden ersetzen, der gerne Gerichtssendungen schaut." Man nehme nicht jeden, der auf der Straße steht, ordnet Hager-Mann ein.


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Auch die Schnittstelle zwischen Kindergarten und Grundschule ist ein Thema an diesem Abend, und Kalisch wirft ein verpflichtendes Kindergartenjahr in die Diskussion, was Christian Mair gerne aufgreift: "Es ist erschreckend, dass manche Kinder nur sporadisch in den Kindergarten gehen." Zehn Prozent der Kinder gingen überhaupt nicht in den Kindergarten. Die an dieser Schnittstelle entstehenden Lücken würden laut Kalisch im weiteren Schulweg oft nicht geschlossen.

Daniel Hager-Mann: "Wir müssen Eltern und Kinder kompetent machen im Umgang mit Medien."
Daniel Hager-Mann: "Wir müssen Eltern und Kinder kompetent machen im Umgang mit Medien."  Foto: Berger, Mario

Hager-Mann weist darauf hin, dass dies ein sensibler Bereich ist, "weil wir hier in die elterliche Souveränität eingreifen. Andererseits können wir es uns gesellschaftlich nicht leisten, bis zum Ende der Schullaufbahn Defizite zu haben." Zudem sei beim Thema Kita nicht das Kultusministerium, sondern die kommunale Ebene zuständig. Mair wünscht sich dennoch eine Verbindlichkeit in der frühkindlichen Bildung.

In Bezug auf die VKL-Klassen gibt Hager-Mann zu, dass hier Luft nach oben ist, hält aber auch eine Differenzierung für nötig. "VKL ist nicht VKL. Wir müssen unsere Strukturen nachjustieren, um eine durchgängige Sprachförderung zu gewährleisten." Wann die Substanz im Land gefährdet sei und Grundschulen schließen müssten, möchte Simon Gajer wissen. "Diese Sorgen gibt es, aber wir helfen uns gegenseitig aus in den umliegenden Schulen", sagt Mair.

Anregungen

Gut besucht war der Start der Veranstaltungsreihe "Bildung auf den Punkt" im Bildungscampus.
Gut besucht war der Start der Veranstaltungsreihe "Bildung auf den Punkt" im Bildungscampus.  Foto: Mario Berger

In der auf die Podiumsdiskussion folgenden Fragerunde gab es eine Reihe von Anregungen vor allem an das Kultusministerium. Und die Forderung: eine höhere Wertschätzung durch mehr Geld, denn man habe zu wenig ausgebildete Lehrerinnen. Und ein Flickenteppich solle vermieden werden. Daniel Hager-Mann erklärte, dass man sich täglich für Bildung einsetze, es aber auch landesweit 2500 Grundschulen gebe.

Der frühere Schulleiter Friedrich Frey, der inzwischen Schulleitungen berät, regte an, auch die Jugendhilfe mit einzubeziehen. Man müsse alle Akteure, die mit Bildung zu tun haben, ins Boot holen, dann könne die Grundschule zu einer Bürgerschule werden. Daniel Hager-Mann versicherte, dass alle Betroffenen an einem Tisch seien.

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