Pisa-Schock: Schul-Experten aus der Region sehen viele Gründe für Schwächen in der Bildung
Die Leistungskurven bei 15-jährigen Schülern zeigen nach unten. In der Region Heilbronn gibt es viel Kritik und Forderungen in Richtung Politik.

Die Ergebnisse der internationalen Schulleistungsstudie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sind wieder einmal ernüchternd. Danach zeigen die Leistungskurven, bezogen auf die Kenntnisse und Fähigkeiten der 15-jährigen Schüler in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz, im Vergleich zu früheren Erhebungen in Deutschland nach unten.
Deutschland war in der Pandemie digital nicht gut aufgestellt
Einen Grund sieht Antje Kerdels, Schulleiterin des Robert-Mayer-Gymnasiums Heilbronn, in der Pandemie und wie auf diese Herausforderung im Bildungssystem reagiert wurde: "Deutschland war digital nicht gut aufgestellt." Das sieht Harald Schröder, Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Kreis Heilbronn, ebenso. "Unterrichtsinhalte wurden nicht wie gewohnt vermittelt und nicht entsprechend mit Digitalunterricht flankiert."
Laut Schröder liegt die Bildungsmisere vor allem am Personal: "Uns fehlen ausgebildete Lehrkräfte." Vor Corona seien die Lehramts-Studienplätze runtergefahren worden. Das umzukehren dauere längere Zeit. Die Politik müsse sich ehrlich machen. "Wir müssen uns fragen, wie viel Prozent des Bruttoinlandsprodukts wir bereit sind, in Bildung zu investieren?" Beim Sprachverstehen müsse man den Schwerpunkt setzen. Auch Antje Kerdels ist überzeugt, dass die Politik die Rahmenbedingungen schaffen muss.
Bei anderen Leistungsvergleichen sei es schon bergab gegangen, deshalb kam für Joachim Blaesse das Pisa-Ergebnis "wenig überraschend". Der stellvertretende Kreisvorsitzende Heilbronn des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) macht mehrere Ursachen für das schlechte Abschneiden aus. Die Gesellschaft wandele sich: Wenn Eltern den Kindern weniger zu Hause vorläsen, könne das die Schule nicht wettmachen. Ein weiterer Grund für ihn: Deutschland sei ein Einwanderungsland. Wenn Kindern die Schlüsselkompetenz Lesen fehle, werde es für sie auch in Mathe bei den Textaufgaben schwer, sagt er. Hinzu komme der Fachkräftemangel. In den Schulen fehlten Lehrer. Manchmal könnten dort Kinder nur noch betreut werden, nicht mehr unterrichtet.
Schulleiterin: Lesen und Sprache muss auch zu Hause stattfinden
"Wir müssen dafür sorgen, dass mehr gelesen wird", sagt Antje Kerdels. In den Grundschulen werde dies bereits umgesetzt. Lesen und Sprache zu benutzen müsse ein ständiger Prozess sein und auch zu Hause stattfinden. Schnell werde sich jedoch im System Schule nichts ändern können, langfristig hofft Joachim Blaesse schon darauf. Er sieht es zudem als gesamtgesellschaftliche Aufgabe an, auch Eltern müssten in die Pflicht genommen werden. "Ohne die geht nichts."
Ernst Engelhaus ist Schulleiter der Hölderlin-Realschule in Lauffen. Dort werde das Leseverständnis vor allem in den Klassen fünf und sechs verstärkt gefördert. "Aber die Belastung für die Kollegen ist hoch, denn Fortbildungen kommen noch on top dazu." Zusätzlich zu den drei bis vier Tagen Nachmittagsunterricht. Damit fehlten ihm als Schulleiter die Freiräume, um Fortbildungen für die Kollegen zu ermöglichen. "Es steht und fällt damit, dass alles nebenbei passieren soll, weil es nicht mehr Lehrer gibt." Auch Engelhaus kritisiert, dass die Schule von zu Hause nicht die nötige Unterstützung bekomme. Für Melanie Haußmann liegen Lösungsoptionen im Fach Mathematik unter anderem darin, die Frustrationstoleranz zu erhöhen.
Konzentrationsspanne der Schüler in der multimedialen Welt ausbaufähig
"Mathe ist dranbleiben und üben", so die Schulleiterin der Heinrich-von-Kleist-Realschule Heilbronn. Auch die Konzentrationsspanne sei in der multimedialen Welt ausbaufähig. Und für die Lehrer stelle sich die Frage, wie Unterricht so gestaltet werden könne, dass sich die Schüler dafür interessieren. Denn, auch dies hat die Studie aufgezeigt, der klassische Matheunterricht sei nicht motivationsfördernd, weil er primär enges fachliches Wissen und abgegrenzte Routinen fordere. "Deshalb wollen wir mehr projektbezogen arbeiten und weniger produktorientiert", so Melanie Haußmann.
"Noch immer haben weite Teile der Politik nicht verstanden, dass Bildungspolitik viel mehr ist als Schule und Kitas. Sie ist Wirtschaftspolitik, Arbeitsmarktpolitik, Sozialpolitik, Gesellschaftspolitik, Sicherheitspolitik, Umweltpolitik und vieles mehr", so Matthias Wagner-Uhl, Vorsitzender des Vereins für Gemeinschaftsschulen und Rektor der Gemeinschaftsschule Neuenstein. Die Bildungsengagierten im Land und die letzten Bildungsoptimisten im Südwesten forderten quer über alle Schularten und Akteursgruppen seit vielen Jahren einen großen gesellschaftlichen Bildungsdialog. "Im Koalitionsvertrag zwischen Grünen und CDU wurde dieser als ‚Schule 2030" festgehalten - dass sich die Verantwortlichen hier immer noch verweigern, kommt angesichts dieser erneut vernichtenden Einordnung der Qualität unserer Schulen einer Sabotage der Zukunft unserer Kinder und unseres Lands gleich", kritisiert Matthias Wagner-Uhl.
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