Wohin nach Klasse vier? Ministerpräsident stößt Debatte um Grundschulempfehlung an

   | 
Lesezeit  3 Min
Erfolgreich kopiert!

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) spricht sich für eine verbindlichere Grundschulempfehlung aus. Das sind Reaktionen aus der Region.

Ob Schüler der vierten Klassen verpflichtende Grundschulempfehlungen erhalten? Darüber wird dank des Ministerpräsidenten diskutiert.
Ob Schüler der vierten Klassen verpflichtende Grundschulempfehlungen erhalten? Darüber wird dank des Ministerpräsidenten diskutiert.  Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Die Grundschulempfehlung in der vierten Klasse steht in der Diskussion – ausgelöst durch Äußerungen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Eine Rückkehr zur verbindlichen Grundschulempfehlung sieht er nicht, wie er dem "SWR" gesagt hat, auf eine verbindlichere soll es seiner Ansicht nach aber hinauslaufen. Aktuell empfehlen Grundschullehrer dem Kind eine Schulart, Eltern entscheiden aber allein, wo sie ihr Kind ab Klasse fünf anmelden. Auch in der Region gibt es Stimmen, die eine Reform befürworten.

Keinem Kind werde ein Gefallen getan, wenn es in der weiterführenden Schule über- oder unterfordert ist, so Viviane Kalisch, Vorsitzende des Heilbronner Gesamtelternbeirats. Seit die Grundschulempfehlung nicht mehr verpflichtend ist, sei die Zusammensetzung der Klassen an weiterführenden Schulen heterogener. Für Lehrer sei es deshalb immer schwieriger, den Schülern "mit ihren unterschiedlichen Kompetenzen gerecht zu werden". Viviane Kalisch findet: "Eine verbindliche Grundschulempfehlung trägt zu einer leistungsgerechteren Verteilung der Schülerinnen und Schüler auf die verschiedenen Schularten bei."

Grundschulempfehlung: Rektorin aus Heilbronn wünscht sich, dass sich Eltern an den Vorschlag der Lehrer halten

Melanie Haußmann wünscht, dass sich alle Eltern an die Grundschulempfehlung halten würden. Sie zeige den Familien die Schulart, die aus Sicht der Lehrer zum jetzigen Zeitpunkt die richtige fürs Kind ist, so eine der Geschäftsführenden Schulleiterinnen in Heilbronn. Damit sei der Schulweg keineswegs vorbestimmt, sagt sie. Dem Nachwuchs stünden weiterhin alle Wege offen. "In Baden-Württemberg gibt es keinen Abschluss ohne Anschluss."

Sie warnt Eltern davor, Kinder entgegen der Empfehlung an einer anspruchsvolleren Schulart anzumelden – ganz nach dem Motto: Man könne es mal ausprobieren. "Schule ist kein Auto, das man probefährt." Kinder litten darunter, müssten sie wechseln, weil sie im Unterricht nicht mitkommen. Es gehe ja auch um soziale Bindungen. Für eine verbindlichere Empfehlung spricht sich Melanie Haußmann indirekt aus, wenn sie von Unterstützung spricht, die manche Eltern bei der Wahl der weiterführenden Schule nötig hätten.

Direktor aus Öhringen: Schullandschaft lässt verbindlichere Wirkung nicht zu

Frank Schuhmacher, Schulleiter des Hohenlohe-Gymnasium Öhringen, denkt, dass die Schullandschaft in Baden-Württemberg eine verbindlichere Wirkung der Schulempfehlung nicht zulässt. Bei ihm an der Schule hätten etwa 90 Prozent der Schüler eine Gymnasialempfehlung. In den anderen Schularten seien sicherlich auch einige, die nicht nach Empfehlung an einer weiterführenden Schule sind. Für ihn sind die ersten beiden Jahre als Orientierungsstufe eine gute Möglichkeit des Nachjustierens. "Eventuell sollte man hier etwas strenger sein dürfen beziehungsweise auch eine Empfehlung zum Wechsel an eine höhere Schulart vornehmen", schlägt Schuhmacher vor.

Wolfgang Schiele von der Freien Schule Anne-Sophie in Künzelsau äußert seine Meinung aus tausendfachen Gesprächen und Erfahrungen als Leiter eines großen Staatlichen Schulamts und Referent im Kultusministerium. Er sagt: "Es gibt kein Verfahren, nach dem mit Sicherheit gesagt werden kann, welche weiterführende Schulart die Richtige sein wird. Aus diesem Grund halte ich an dem Wort Empfehlung fest und bin der Meinung, dass die jetzige Regelung in der Theorie gut ist." Allerdings kennt er Beispiele, in denen Eltern aus welchen Gründen auch immer diese Empfehlung ignorieren. "Meist sind die Kinder dann die Leidtragenden, weil sie oft überfordert sind und zu Verlierern werden." Er gibt zu bedenken, dass das Schulsystem im Land so gestaltet sei, dass ein jeder Wechsel zwischen den Schularten möglich ist und auch nach dem Abschluss in einer Schulart in einer anderen Schulart ein Anschluss, selbst nach einer Berufsausbildung, möglich ist.

Bei unverbindlicher Grundschulempfehlung tragen Eltern die Verantwortung

Auch Frank Eber, Leiter des Bildungszentrums Bretzfeld, verweist auf die sehr aufwendig und arbeitsintensiv erstellten Beurteilungsgrundlagen. "Die werden von akademisch ausgebildeten und erfahrenen Kollegen in höchster Professionalität erstellt. Hierbei spielen im Gegensatz zu früheren Verfahren nicht nur die situativen Leistungsmessungen, sondern viele andere Kriterien hinsichtlich der schulischen Leistungsfähigkeit der Kinder eine Rolle." Die Ergebnisse werden anhand sehr aufwendiger Dokumentationen den Eltern vorgestellt. Die meisten Eltern würden das anerkennen und verstehen. "Wenn Eltern trotzdem die Grundschulempfehlung nicht akzeptieren, übernehmen sie auch die Verantwortung für die eventuell negativen Folgen", sagt Eber. Die Beweggründe, den Empfehlungen nicht zu folgen, seien oft nicht rational begründet. "Aber es sind immer die Kinder, die von den Folgen direkt betroffen sind."


Mehr zum Thema


Die Erfahrungen aus der Zeit vor der Aufhebung der Verbindlichkeit hatten gezeigt, dass vereinzelte Eltern alle legitimen und auch illegitimen Mittel genutzt hatten, um ihren Willen durchzusetzen. Es war also auch im Interesse des Schutzes der Lehrkräfte sowie der Aufwendungen der Schulaufsichtsbehörden, diesen zuweilen aggressiven Wind aus den Segeln zu nehmen. Ob es richtig ist, die Realschulen und vor allem die Gymnasien in der fünften Klasse zu expandieren und anschließend nach Klasse 6 unter Tränen wieder über die Versetzungsordnungen zu verkleinern, ist also schwer zu beantworten. "Entscheidend ist jedoch aus meiner Sicht, dass alle am Verfahren des schulischen Übergangs beteiligten Menschen sich ihrer Verantwortung bewusst sind."

Das sagt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zur verbindlichen Grundschulempfehlung

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) befürwortet die bestehenden Regeln. "Die meisten Eltern orientieren sich an der Empfehlung", sagt Jana Kolberg, GEW-Vorsitzende Main-Tauber/Hohenlohe. Man nehme auch den "Druck aus dem System", der geherrscht habe. Es habe regelmäßig Diskussionen über Noten gegeben. Ihrer Ansicht nach liegen Schwierigkeiten woanders – in der frühen Selektion nach Klasse vier.

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben