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ICEs für Heilbronn fühlen sich wie ein großes Versprechen an

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Selten hat sich so viel getan auf den Schienen der Region wie im abgelaufenen Jahr. 2020 gilt es, die Vorlage aus Berlin in Zählbares zu verwandeln. Die Zugeständnisse dürfen nicht nur ein politisches Trostpflaster sein.

Anschluss an die große weite Welt: Für Heilbronn ist der ICE mehr als ein Zug. Dass er die Stadt im vergangenen Jahr zur Buga erstmals anfuhr, führte den Menschen in der Region deutlich vor Augen, worauf sie normalerweise verzichten müssen.
Foto: Archiv/Veigel
Anschluss an die große weite Welt: Für Heilbronn ist der ICE mehr als ein Zug. Dass er die Stadt im vergangenen Jahr zur Buga erstmals anfuhr, führte den Menschen in der Region deutlich vor Augen, worauf sie normalerweise verzichten müssen. Foto: Archiv/Veigel  Foto: Veigel

Selten hat sich auf den Schienen der Region innerhalb eines Jahres so viel getan wie im vergangenen. So lange hatte Heilbronn versucht, aus dem Bahnschatten herauszukommen, so lange hatte sich nichts bewegt. Dann kam der ICE zur Buga, dann fiel er wieder aus, die Bahn mauerte. Und dann regte sich Widerstand: bei Fahrgästen, in der Wirtschaft, bei Politikern - parteiübergreifend und regionsweit.

Es wurden Briefe geschrieben, Gespräche geführt. Jetzt kommt die Frankenbahn plötzlich infrage für einen aufwendigen Ausbau. Anfang des vergangenen Jahres hätte das noch kaum jemand für möglich gehaltene. Obendrein wird 2020 noch einmal für einige Monate ein ICE Heilbronn anfahren, bevor er sich dann wohl endgültig wieder verabschiedet.

Versäumnisse in den vergangenen Jahrzehnten

Die Situation, wie sie sich 2019 auf den Schienen der Region darstellt, hat eine lange Vorgeschichte. Denn dass Heilbronn insbesondere beim Fernverkehr aufs Abstellgleis geraten ist, das haben die Stadt und die gesamte Region zu einem Gutteil mitzuverantworten. Riesiges Interesse bestand zum Beispiel in den 1960er Jahren daran, den Neckar zu verlegen, um Platz für die wachsende Industrie zu schaffen. Dafür wurden die Verkehrsminister von Bund und Land kontaktiert, dafür sollten Millionen investiert werden.

So gut wie kein Widerhall fanden damals aber Pläne, parallel zur A 6 auch Gleise nach Mannheim zu verlegen. Wozu braucht es einen Zug, wenn man Auto fahren kann? Das war bis in die 80er Jahre das häufig gehörte Standardargument. Erst in den vergangenen 30 Jahren wurde Bürgern und auch Politikern in der Region mehr und mehr bewusst, auf was man da ohne jegliche Gegenwehr verzichtet hatte.

Da schien es wie ein großes Versprechen, als die Bahn zusagte, für die Zeit der Bundesgartenschau 2019 eine ICE-Verbindung über Heilbronn zu leiten. Die erste Ernüchterung folgte auf dem Fuße: Aus Köln zur Buga am frühen Morgen und zurück am frühen Nachmittag, davon würden Gartenschau-Besucher kaum profitieren. Und dann beginnt der so heiß ersehnte Gastauftritt des ICE am 29. April auch gleich noch mit satter Verspätung.

Der ICE fällt aus, die Bahn schweigt

Die Freude ist trotzdem groß. In den folgenden Wochen gewöhnen sich Bahnreisende und Zaungäste daran, die weiß-roten Schnellzüge durchs Neckartal fahren zu sehen. Bis sie plötzlich nicht mehr fahren. Anfang Juli fällt die Verbindung Köln-Stuttgart über Heilbronn und zurück Tag für Tag kurzfristig aus. Die Heilbronner Stimme fragt nach, die Bahn schweigt.

Heilbronn bleibt nur die Nebenrolle

Erst als sich Heilbronns Oberbürgermeister Harry Mergel auf die Berichterstattung unserer Zeitung hin bei der Bahn beschwert, verspricht der Konzernbevollmächtigte für Baden-Württemberg, Thorsten Krenz, schnelle Besserung. Gleichzeitig wird offensichtlich, dass Heilbronn auf der Streckenkarte der Bahn weiterhin nur eine Nebenrolle spielt.

Das erläutern unter anderem auch Bahn-Mitarbeiter, die verständlicherweise in der Zeitung nicht genannt werden wollen. Nicht mehr zu übersehen ist es, als die Bahn wenig später ihre Pläne für die Sanierung der Strecke Stuttgart-Mannheim vorstellt.

Gemeinsam zum Ziel

Denn um die Zeitverluste auf den Umleitungsstrecken für die Verbindung Stuttgart-Berlin wieder hereinzuholen, will die Bahn einen ICE über die Frankenbahnstrecke und damit über Heilbronn schicken. Nur anhalten soll dieser Zug nicht. Zu knapp seien die Zeitfenster für einen weiteren Halt. Aussagen, die ebenso schwer zu glauben wie zu widerlegen sind. Doch Landes- und Bundespolitiker aus der Region wollen die Chance ergreifen und machen das scheinbar Unmögliche möglich: Die Bahn lässt sich erweichen. Von Mitte April bis Ende Oktober 2020 ist die Fahrt von Heilbronn nach Berlin und zurück mit dem ICE nun möglich.

Abermals ist es nur ein Fernverkehrsanschluss auf Zeit. Abermals fühlt es sich aber an wie ein Versprechen, dass die Stadt und die Region nicht dauerhaft abgehängt bleiben. Nach wie vor gilt die Zusage der Bahn, dass ab 2028 der Intercity regulär in Heilbronn halten wird. Vorgesehen ist eine Verbindung Tübingen-Stuttgart-Ludwigsburg-Heilbronn-Würzburg-Schweinfurt-Bamberg.

Mehr als ein politisches Trostpflaster

Verkehrsexperten wie auch Pendler werden während dieser Zeit nicht müde zu betonen, dass der Fokus nicht nur auf den Fernverkehr gelegt werden sollte. Seit Jahren erleben Schüler und Berufstätige fast täglich, wie sehr es hakt auf der Frankenbahn. Ein ausnahmsweise verkehrender ICE löst für sie kein einziges Problem, es könnte nur ein politisches Trostpflaster sein.

Dass es Verbesserungsbedarf gibt, hatte die Landesregierung längst erkannt. Statt einfach nur mehr Züge bei der Bahn zu bestellen, entschied sich Verkehrsminister Winfried Hermann vor acht Jahren, die Verkehre auf der Frankenbahn europaweit auszuschreiben. Es sollte allerdings bis Dezember 2019 dauern, dass der Stundentakt mit den zwei neuen Betreibern Abellio und Go-Ahead umgesetzt wird. Das zeigt, wie lang der Atem bei solchen Verkehrsthemen sein muss. Und vom reibungslosen Betrieb ist man in den ersten Tagen noch weit entfernt.

Neubauprojekte bringen neue Herausforderungen

Noch bevor diese Umstellung zum Winterfahrplan erfolgt ist, betonten Verkehrsexperten in Politik, Verwaltung und bei den Interessengruppen - vorneweg der alternative Verkehrsclub VCD - den Verbesserungsbedarf bei der Infrastruktur der Frankenbahn. Denn auf der einen Seite stehen mit der Ansiedlung etwa des IT-Campus der Schwarz-Gruppe in Bad Friedrichshall neue Herausforderungen für den ÖPNV an. Eine neue Stadtbahn-Haltestelle ist notwendig, schafft aber neue Hindernisse. Auf der anderen Seite sind noch nicht einmal jene Engstellen beseitigt, die seit dem Zweiten Weltkrieg bestehen.

Viel Geld zu verteilen

Auch in dieser Angelegenheit machen sich fast alle Abgeordneten der Region dafür stark, dass der überfällige Ausbau der Frankenbahn endlich angegangen wird. Weil sie aber nicht im sogenannten Vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans gelistet ist, scheint anfangs alle Hoffnung vergebens.

Erst mit dem Klimapaket der Bundesregierung eröffnen sich neue Finanzierungsmöglichkeiten. Ein kleiner Teil der Milliarden, die der Bund auf diesem Weg für den Ausbau des ÖPNV bereitstellt, könnten in die Region fließen (siehe Hintergrund links). In diesem Jahr müssen die Weichen dafür gestellt werden.

Hoffnung wächst

Eine Antwort auf einen Brief an Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) erhielt der Heilbronner CDU-Bundestagsabgeordnete Alexander Throm dieser Tage. Darin erläutert der für die Bahn zuständige Parlamentarische Staatssekretär Enak Ferlemann (CDU) die zur Verfügung stehenden Mittel für einen Ausbau der Frankenbahn. Zwei Milliarden Euro stehen ab 2025 jährlich bereit, als Bestandteil des Klimaschutzprogramms. "Vor diesem Hintergrund bestehen bei entsprechendem Engagement des Landes Baden-Württemberg gute Voraussetzungen, den zweigleisigen Ausbau bei Züttlingen zu realisieren." Throm: "Jetzt müssen Bund und Land endlich an einem Strang ziehen." 

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