Betriebsräte: Für die Kollegen das Beste herausholen
Die Zeit der Betriebsratswahlen hat begonnen. Arbeitnehmervertreterinnen erzählen, wie sie ihre Aufgabe erleben und worauf sie Einfluss nehmen möchten.

Die Arbeit im Betriebsrat ist für Petra Neumann "eine Lebensaufgabe, bei der man aber viel zurückbekommt", wie die 50-Jährige es formuliert. Deshalb wird sie sich wieder aufstellen lassen bei der anstehenden Betriebsratswahl. Denn sie möchte für die Arbeitnehmer des Ventilherstellers Bürkert in Ingelfingen noch einiges bewegen.
Mutig für die eigenen Interessen einstehen
Auch Sabine Kühn brennt für ihren Betriebsratsjob. Seit vier Jahren ist sie Vorsitzende des Gremiums beim Skai- und D-C-Fix-Hersteller Continental - früher Hornschuch - in Weißbach. "Unsere Arbeit ist wichtig, wie man gerade auch wieder nach unserer jüngsten Mitarbeiter-Umfrage sieht", sagt die 58-Jährige. Die Ergebnisse seien sehr ernüchternd. Jetzt reagiere das Unternehmen mit Workshops - "das darf allerdings auch alles nichts kosten", bedauert Kühn. Und das, obwohl der Standort einen Rekordumsatz nach dem anderen abliefere.
Deshalb braucht es auch einen Betriebsrat, der dafür einsteht. Hornschuch gehört inzwischen zum Autozulieferer Continental, der in der Transformation finanziell kräftig unter Druck gekommen ist. Während andernorts im Konzern Personal abgebaut wird, stellt Weißbach ein.
Außerdem gehören die Hohenloher nicht zur Metall- und Elektrobranche, sondern zu Textil und Bekleidung. "Die Tarife liegen weit unter Metall, da könnten wir einen kräftigen Schluck aus der Pulle gebrauchen", sagt Kühn. "Leider, das muss man auch sagen, entlädt sich der Frust der Kollegen allzu oft an uns und nicht am Arbeitgeber."
Nicht nur unzufriedene Arbeitnehmer brauchen eine Stimme
Bei Bürkert gilt gar kein Tarifvertrag. "An den lehnen wir uns nur an", sagt Petra Neumann. Es gebe ein absolutes Nein zur Tarifbindung vonseiten der Gesellschafter, mit denen man sonst sehr zufrieden sei. Dennoch findet die Ingelfingerin, dass man - auch ohne auf Konfrontationskurs zu gehen - mutig für die eigenen Interessen einstehen sollte.
So habe der Betriebsrats erreicht, dass Überstunden auf den Gleitzeitkonten nicht immer am Ende des Monats verfallen. Auch Erfolgsprämien verhandle man regelmäßig mit dem Arbeitgeber. Als IG-Metallerin würde sich Neumann aber einen höheren Organisationsgrad wünschen, also einen höheren Anteil von Gewerkschaftsmitgliedern. "Dann wären wir durchsetzungsstärker. Aber das Bedürfnis ist nicht da." Das spreche ja auch für den Arbeitgeber. "Es ist Jammern auf hohem Niveau", sagt die 50-Jährige.
Rechte Listen derzeit kein großes Thema mehr
Andernorts sieht es mit den IG-Metall-Mitgliedern besser aus. Bei R. Stahl in Waldenburg etwa gebe es eine eigene Liste, mehrere bei EBM-Papst, erzählt Gewerkschaftssekretärin Saskia Genthner. Keine entscheidende Rolle spielt die "rechte Welle", wie der Hohenloher IG-Metall-Chef Uwe Bauer betont. Damit bezieht er sich auf AfD-nahe Personen oder Gruppierungen, die eigene Listen zur Betriebsratswahl bestücken oder beispielsweise auch bei Würth die Betriebsratswahl initiiert hatten.
"Das ist umso ärgerlicher, als wir schon längere Zeit dabei waren, die Wahl vorzubereiten", sagt Bauer. Der AfD-Lokalpolitiker Daniel Hurlebaus war bei Würth der Gewerkschaft zuvorgekommen. Diesmal spielen aber weder ein Hurlebaus noch die rechtsorientierte Gewerkschaft "Zentrum Automobil" eine Rolle. Gleichwohl gebe es bei Würth Listen, die womöglich vom Arbeitgeber initiiert wurden. "Wenn man sich anschaut, dass da teilweise auch Führungskräfte draufstehen, dann kann man schon diesen Eindruck gewinnen", sagt Bauer.
Silke Ortwein: In mitbestimmten Betrieben läuft es besser
Die Regionsgeschäftsführerin des Deutschen Gewerkschafts-Bunds (DGB), Silke Ortwein, weist zudem darauf hin, wie wichtig das interne Marketing der Betriebsräte ist. "Viele Beschäftigte wissen ja oft gar nicht, was alles auf die Betriebsratsarbeit zurückzuführen sind." Mancher Unternehmenschef stelle sich gerne hin und verkünde Regelungen, die eigentlich die Arbeitnehmervertreter angestoßen haben.
Gerade die Pandemie habe gezeigt, wie schnell auf Betriebsebene Dinge wie Homeoffice geregelt werden können - "da kommt der Gesetzgeber oft viel später", sagt Ortwein. Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei so ein Beispiel. "Da funktionieren mitbestimmte Betriebe sehr viel besser als andere, weil hier passgenaue Lösungen möglich sind."
Wahlen alle vier Jahre
Alle vier Jahre stehen in Deutschland Betriebsratswahlen an - überall dort, wo es einen Betriebsrat gibt. Denn das Mitbestimmungsrecht schreibt die Arbeitnehmervertretung im Unternehmen nicht vor. Manchmal sind es gerade die eigentümergeführten Unternehmen, wo aus unterschiedlichen Beweggründen auf den Betriebsrat verzichtet wird. Andernorts werden Wahlen mit Nachdruck verhindert, wie etwa beim Autozulieferer Fuyao in Leingarten vor wenigen Jahren.
"Das ist zum Glück selten", sagt der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Schwäbisch Hall, Uwe Bauer. "Aber es ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein klarer Straftatbestand." Daher begrüßt er auch den Vorstoß von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, der ermöglichen will, dass eine Behinderung von Betriebsratsgründungen auch ohne vorliegende Anzeige als Straftat verfolgt werden kann.


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