Wie sich der Zuspruch zur AfD bei jungen Menschen erklären lässt

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Viele Erstwähler haben bei der Europawahl für AfD und CDU gestimmt. Während die Ursachensuche bei den Parteien noch läuft, haben Experten unterschiedliche Meinungen, was die Ursachen sind.

Es sind Zahlen, die überraschen. 16 Prozent der 16 bis 24 Jahre alten Deutschen hat bei der Europawahl die AfD gewählt. Im Vergleich zu den letzten Wahlen vor fünf Jahren ist das ein Plus von elf Prozentpunkten, nur übertroffen von der CDU, die 17 Prozent der Stimmen in dieser Altersgruppe erhielt. Deutlich verloren haben hingegen die Grünen. In einer Generation, in der viele für Klimaproteste auf die Straße gehen, erhält eine Partei viel Zuspruch, die den menschengemachten Klimawandel leugnet und den EU-Ausstieg fordert. Warum ist das so?

Politikwissenschaftler zu AfD-Ergebnis: Junge Menschen von Krieg und Inflation verunsichert

Die junge Generation sei angesichts der globalen Lage mit Kriegen und Inflation demoralisiert, lautet die Einschätzung von Rolf Frankenberger. "Die Mehrheit glaubt nicht, dass es ihnen besser gehen wird als ihren Eltern", sagt der Politologe vom Institut für Rechtsextremismusforschung an der Universität Tübingen.

In dieser Verunsicherung hat die AfD die jungen Menschen vor der Europawahl dort gefunden, wo sie einen Großteil ihrer Zeit verbringen: in sozialen Netzwerken. Auf der Videoplattform Tiktok habe die Partei eine Monopolstellung, sagt Frankenberger. Dem Account der Bundestagsfraktion folgen fast 440.000 Menschen. Zum Vergleich: Den Grünen folgen nur 6600, der Union 23.700 und der SPD 132.000.

Umfragen in Schulen zeigen: Jugendliche kennen vor allem die AfD

Diese Reichweite macht sich bemerkbar. Umfragen in Schulen hätten ergeben, dass die Acht- und Neuntklässler von den deutschen Parteien vor allem die AfD kennen, erklärt Frankenberger. In ihren Beiträgen verbreite die AfD greifbare Botschaften und polarisiere. Zudem vermarkte sie sich als einzige Partei, die Lösungen vertritt.

Es gibt zwar Stars und Social-Media-Influencer, die die AfD immer wieder deutlich kritisieren. "Das weckt das Rebellische in den jungen Menschen." Der Politikwissenschaftler glaubt aber, dass ohne diese öffentlichen kritischen Stimmen vielleicht noch mehr Menschen die AfD gewählt hätten.

In der Tiktok-Blase fehlt seriöse Berichterstattung traditioneller Medien

Studien haben laut Frankenberger herausgefunden, dass es bei der politischen Sozialisierung zwei Wege gibt, die junge Menschen einschlagen: Sie folgen dem Beispiel ihrer Eltern, oder sie nabeln sich davon ab und holen sich ihre Informationen woanders. "Ich würde den Einfluss von Social Media nicht unterschätzen", betont er. Für viele Jugendliche sei das die einzige Informationsquelle. Ein Problem, denn der Algorithmus ist voreingenommen. Er zeigt Nutzern vor allem Videos an, die ihnen gefallen. Sie landen in einer Blase, in der die ausgewogene Berichterstattung herkömmlicher Medien fehlt. Das Bild der Politik in Deutschland wird somit verzerrt.

"Viele junge Menschen fühlen sich von den alten Parteien nicht mehr repräsentiert", ergänzt Frankenberger. Die aktuelle Regierung verkaufe sich zudem nicht gut. Bei den Jungen herrsche der Glaube, dass die Politiker viel reden, aber nicht handeln. "Ich habe den Eindruck, es herrscht eine Utopie-Müdigkeit." AfD und Union hätten große "Medienkampagnen gegen die Ampel" gefahren. Die Grünen seien zum Hauptfeind stilisiert worden.

"AfD hat die Bedeutung von Jugendkultur verstanden"

Die Strategie der AfD reicht jedoch weit über Social Media hinaus, weiß Wolfgang Antes, Geschäftsführer der Jugendstiftung Baden-Württemberg. "Rechtsextreme, rechtspopulistische Gruppierungen und Teile der AfD haben massiv in Jugendkultur und -bildung investiert." Das gehe von Rechtsrockkonzerten bis zu Werbeartikeln. Die AfD sei in Teilen der Jugend "cool, hip und in, anders als noch vor zehn Jahren."

Wichtig findet Antes, dass CDU und AfD bei den Jungen ähnlich hohe Werte erzielt haben wie in den übrigen Altersschichten. "Die Jugendlichen sind nicht dümmer als Erwachsene, sie spiegeln das Ergebnis der anderen Altersgruppen." Als die Grünen vor der Bundestagswahl im Aufwind waren, sei das auch bei jungen Menschen so gewesen.

Unsicherheit im Elternhaus beeinflusst Kinder – AfD verspricht einfache Lösungen

"Das Verhalten Jugendlicher wird durch die Atmosphäre im Elternhaus beeinflusst." Hätten Eltern Zukunftsängste oder seien verunsichert, wirke sich das aus. "Vor allem Corona war für Jugendliche eine Unsicherheitszäsur", sagt Antes, dann kam der Ukraine-Krieg. Völlig vernachlässigt werde das Thema Wohnraum. Eine Familie mit zwei Kindern finde in Baden-Württemberg nichts Bezahlbares. "Das sind Sorgen und Gespräche im Elternhaus, die Kinder mitbekommen", sagt Antes. "Und dann kommen Parteien wie die AfD und versprechen einfache Lösungen."

Der Idee, dass es spezielle "junge" Themen gibt, die die Parteien nicht genug adressiert haben, widerspricht Antes. Ihre Zukunftsperspektiven seien so gut wie nie zuvor. "Am Arbeitsmarkt haben junge Menschen heute die Qual der Wahl. Sie bekommen überall den Teppich ausgerollt, wenn sie strukturiert mitarbeiten wollen." Probleme wie Migration oder die unsichere Rente seien seit Jahren drängend, beträfen aber die gesamte Gesellschaft.

Heilbronner SPD-Politiker: SPD hat in der Ampel-Koalition eine Doppelrolle

Grundsätzlich gebe es bei Jugendlichen einen hohen Grad an Orientierungslosigkeit und Pessimismus, sagt Niklas Anner, langjähriger Kreisvorsitzender der Heilbronner Jusos. Für viele sei es schwer, die großen Linien der Politik nachzuvollziehen und die SPD regiere seit mehr als zwei Jahrzehnten mit. "Gesellschaftliche Missstände kritisieren und beheben wollen, aber auch in Verantwortung stehen - das ist eine Doppelrolle", sagt Anner. Die SPD wolle viele Reformen anstoßen, die mit den Ampel-Partnern nicht zu machen sind. Am Ende sei in der Politik aber entscheidend, was dabei rauskommt.

Paul Hopfensitz, Chef der Jungen Liberalen in Heilbronn, sieht in den sozialen Medien eine große Gefahr. Jugendliche könnten dort auf Populismus hereinfallen. Dass seine Partei Schuld am Unmut trägt, weist der 17-Jährige zurück. Das CDU-Ergebnis zeige, dass die AfD vielen zu radikal ist. "Die Grundposition der FDP sollte eigentlich viele Menschen ansprechen." Man könne stolz auf das sein, was die Liberalen im Bundestag erreicht haben.

CDU als demokratische Alternative für junge Menschen?

Positiv bewertet Wolfgang Antes das Abschneiden der Christdemokraten. Die CDU sei für viele junge Menschen offenbar eine demokratische Alternative. "Wenn sie so gut abschneidet, dann hat sie wohl einiges richtig gemacht, anders als es ihr oft vorgeworfen wird." Auch das Abschneiden neuer und kleiner Parteien wie Volt sei bemerkenswert. Für Niklas Anner ist es "völlig legitim", kleine Parteien zu wählen. Man müsse sich aber fragen, ob diese große gesellschaftliche Konflikte ebenso abbilden wie andere Parteien.

 
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