Bei der Atomkraft explodieren die Preise

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Nach dem deutschen Atomausstieg gibt es scharfe Kritik. Der Tenor: Deutschland geht einen Sonderweg, während Atomkraft im Rest der Welt boomt. Beim genaueren Hinsehen wird deutlich: Nach oben gehen vor allem die Preise für AKW-Neubauprojekte.

Deutschland ist nicht geräuschlos aus der Atomenergie ausgestiegen. Innerhalb der Regierung kritisierten FDP-Politiker den Schritt, in der Opposition stemmte sich die Union dagegen. Der Tenor: Deutschland geht einen Sonderweg, während die Atomkraft im Rest der Welt eine Renaissance erlebt.

Es ist nicht die ganze Wahrheit, dass allein Deutschland in Europa den Atomausstieg vollzogen hätte. Italien hat seine Kernkraftwerke nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 und einer Volksabstimmung abgeschaltet. Für Litauen war es Bedingung für den EU-Beitritt, das Kernkraftwerk Ignalina aus Sowjet-Zeiten abzuschalten.

Spanien, Belgien und die Schweiz planen einen vagen Atomausstieg

Drei weitere Länder planen den Ausstieg, allerdings eher vage und in ferner Zukunft. So wollte Spanien seine Meiler eigentlich bis 2030 abschalten, hat diesen Zeitplan aber auf 2035 verschoben.

In der Schweiz sind neue Atomkraftwerke seit einem Referendum im Jahr 2018 verboten, die drei vorhandenen Kraftwerke dürfen weiterlaufen. Über den Ausstieg entscheide in der Schweiz nicht die Politik, erklärt eine Sprecherin des Bundesamts für Umwelt. "Die weiteren Kernkraftwerke können laufen, so lange sie sicher betrieben werden können." 2019 ging das Kraftwerk Mühleberg aber aus "wirtschaftlichen Gründen" vom Netz.

Belgien wollte eigentlich bis 2025 ohne Kernkraft auskommen, hat sich davon wegen der aktuellen Energiekrise aber verabschiedet. Die beiden störanfälligen Meiler Doel und Tihange liefern fast die Hälfte des Stroms in dem Land. Im Sommer 2025 sollen sie vom Netz gehen und modernisiert werden, um im Winter 2026 wieder Strom zu liefern. Dazu musste der Betreiber überzeugt werden: Ursprünglich lehnte die Firma den Weiterbetrieb ab, weil er zu teuer sei.

Großbritannien steigt seit Jahren aus der Atomkraft aus, baut aber neue Reaktoren

Ein fast unbemerkter Ausstieg passiert in Großbritannien: Von den ursprünglich 45 Reaktoren im Land sind nur noch neun übrig, die sich auf vier Kraftwerke verteilen. Auch der Anteil der Atomkraft am britischen Energiemix sinkt seit Jahren langsam aber stetig und beträgt derzeit noch knapp 15 Prozent. Die übrigen Kraftwerke sollen spätestens bis 2028 vom Netz gehen, unter anderem wegen Rissen im Graphitkern, wie sie im schottischen Torness gefunden wurden.

Komplett will sich Großbritannien jedoch nicht von der Kernkraft verabschieden: Im Südwesten Englands werden seit 2016 zwei neue Reaktoren am stillgelegten Kraftwerk Hinkley Point gebaut. Allerdings sind die Kosten förmlich explodiert: Während der französische Betreiber EDF anfangs mit 21,5 Milliarden Euro rechnete, sind es mittlerweile schon 30,5 Milliarden Euro. Mit 3200 Megawatt Leistung soll die Anlage frühestens ab 2027 Strom produzieren.

In Finnland und Frankreich sind die Kosten für neue Reaktoren explodiert

Überhaupt sind stark steigende Kosten bei AKW-Neubauprojekten keine Seltenheit. In Finnland ging am vergangenen Samstag der leistungsstärkste Reaktor Europas ans Netz. Die 1600 Megawatt-Anlage im Kraftwerk Olkiluoto kostete mit elf Milliarden Euro jedoch rund drei Mal so viel wie ursprünglich geplant. Außerdem sollte der Reaktor schon vor zwölf Jahren fertig sein.

Noch etwas teurer wird der neue Reaktor im französischen Kraftwerk Flamanville, der eigentlich 2012 ans Netz gehen sollte: Er wird nicht wie ursprünglich geplant 3,4 Milliarden Euro, sondern rund 12,7 Milliarden Euro kosten. Der französische Rechnungshof geht wegen Problemen beim Bau sogar von 19 Milliarden Euro Gesamtkosten aus.

Neue Meiler will angeblich halb Europa bauen, konkrete Pläne fehlen vielerorts

Und dann gibt es noch die Ankündiger-Länder. Polen verlautbarte jüngst, in die Atomkraft einsteigen zu wollen. Sechs neue AKWs will das Land bis Mitte der 2040er-Jahre bauen. Den ersten Meiler in Choczewo soll der US-Konzern Westinghouse ab 2026 errichten, 2033 soll er ans Netz gehen. Geplant wird mit Kosten zwischen 19 und 21 Milliarden Euro.

Tschechien, die Baltikum-Staaten, Bulgarien, Ungarn, Rumänien, die Slowakei und weitere Länder in Europa planen, Meiler zu bauen oder in die Atomkraft einzusteigen. Ähnlich sieht es weltweit aus: Indien, die Türkei, Russland, Südkorea und Japan wollen die Atomkraft ausbauen. Für China kursieren unterschiedliche Zahlen: Bis zu 150 neue Reaktoren sollen dort geplant sein. Laut Internationaler Atomenergie-Organisation (IAEA) sind weltweit 56 Reaktoren im Bau.

Atomkraftanteil sinkt weltweit, während die Kosten steigen

Interessant ist der Blick auf den Anteil, den Atomenergie am Strommix hat. In China sind es fünf Prozent, in Indien 3,2 Prozent. In Großbritannien, den USA, Russland und Spanien stammen 15 bis 20 Prozent des Stroms aus Atomkraft. Weltweit liegt der Anteil bei weniger als zehn Prozent, heißt es in einem Gutachten der TU Berlin. Der Grund: Während die Gestehungskosten für Wind und Strom weltweit auf unter 40 US-Dollar gesunken sind, kostet eine Megawattstunde aus Kernenergie rund 160 US-Dollar.

Bundesumweltministerium hat grenznahe Pannen-AKWs in Frankreich und Belgien im Blick

Aus Sicht des Bundesumweltministeriums, das auch für Reaktorsicherheit zuständig ist, steht Atomenergie in der EU auf einem absteigenden Ast. Das sagte Christian Kühn, parlamentarischer Staatssekretär, bei einem Fachgespräch (siehe unten). "Wenn man die Ankündigungen dahingehend abklopft, was an realen Neubauten in Europa stattfindet, kann man feststellen, dass mehr Anlagen abgeschaltet als neu gebaut werden."

Man habe einen "sehr klaren" Blick auf grenznahe Reaktoren in Belgien und Frankreich. Ob man sich für den Atomausstieg in diesen Ländern einsetzt, sagte Kühn nicht. "Wir müssen alles dafür tun, den Ausbau der Erneuerbaren massiv zu beschleunigen."

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