Warum ein DDR-Architekt in Wolfsburg ein Planetarium baute
Autos gegen Bratwürste, Stollen und ein Planetarium. Ende der 1970er Jahre ging die DDR ein Tauschgeschäft mit VW ein, das damals als "Meilenstein für die deutsch-deutsche Zusammenarbeit" gefeiert wurde.

Wohl kaum eine Stadt in der Bundesrepublik verkörpert den Erfolg der westdeutschen Marktwirtschaft Ende der 1970er Jahre besser als Wolfsburg, die Autostadt. 1938 wird sie zu dem Zweck aus dem Boden gestampft, Autos für die Massen zu produzieren, unter dem von den Nazis ersonnenen Namen "Stadt des KdF-Wagens". In der neuen Industriemetropole in Niedersachsen soll der "Kraft-durch-Freude-Wagen", später bekannt als VW Käfer, gebaut werden.
Ende der 1970er Jahre ist das Terrorregime der Nazis Geschichte, die Folgen des Krieges wirken nach. Deutschland ist geteilt, Wolfsburg liegt im Westen. Die "Zonengrenze" ist für die meisten DDR-Bürger unüberwindlich. Für einen Trupp "Werktätiger" um den Architekten Ulrich Müther ist sie es nicht – und das hängt mit Volkswagen zusammen.
Die eleganten Schalenbauten des Architekten Ulrich Müther sind weltweit gefragt
Müther ist Ende der 1970er Jahre so etwas wie ein Star im sozialistischen Osten. Seine eleganten Schalenbauten, die ab Mitte der 1960er Jahre entstehen, darunter die Fußummantelung des Berliner Fernsehturms, machen ihn zu einem bedeutenden Vertreter der architektonischen Moderne. Müther projektiert weltweit Planetarien für Carl Zeiss Jena – in Kuwait, Tripolis, Helsinki. So kommt er auch ins Spiel, als es darum geht, ein sogenanntes Kompensationsgeschäft zwischen BRD und DDR abzuwickeln.
Carl Zeiss in Jena war zu DDR-Zeiten führend bei Planetariumstechnik

Mit der Entspannungspolitik von SPD-Kanzler Willy Brandt ab Anfang der 1970er Jahre wird der sogenannte Interzonenhandel massiv ausgebaut - auch, um die kriselnde DDR-Wirtschaft zu stabilisieren. Ab Mitte der 70er hätten sich dann die Kontakte auf höchster Ebene zwischen VW und der DDR-Führung intensiviert, erzählt VW-Sprecher Dieter Landenberger. Im Herbst 1977 sei ein Kompensationsprojekt beschlossen worden, das der DDR 10.000 VW Golf und der Stadt Wolfsburg unter anderem ein Planetarium bescheren sollte: entworfen von Ulrich Müther in Zusammenarbeit mit einem westdeutschen Architekten, gebaut von DDR-Spezialisten.
Dass es überhaupt zu dem Bau kommt, ist Carl Zeiss Jena zu verdanken, einem Betrieb, der schon damals Spitzentechnologie aus der DDR in die Welt liefert. Denn enthalten in dem Tauschhandel zwischen den beiden Staaten sind von DDR-Seite nicht nur Jeansstoff für die Autoproduktion sowie Dresdner Stollen und Thüringer Bratwürste für die VW-Werkskantinen, sondern auch ein analoger Sternenprojektor aus Jena.
Zum Stadtjubiläum schenkt VW der Stadt einen Sternenprojektor - und ein halbes Planetarium

Der Projektor ist zugesagt, hat aber noch keine Heimat. VW will auch das ändern und macht der Stadt zu ihrem 40-jährigen Bestehen ein Geschenk: den Projektor plus einen Zuschuss für ein zu errichtendes Planetarium. Es sei kein unumstrittenes Projekt gewesen, erzählt die aktuelle Geschäftsführerin Eileen Pollex – das Projekt kommt die Stadt trotz der Spende von VW über 4,2 Millionen D-Mark teuer zu stehen. Zeitungsberichte aus dieser Zeit zeugen von heftigen Diskussionen darüber, wofür die rund 5,5 Millionen Mark Eigenanteil alternativ hätte verwendet werden können: neue Wohnungen für die Arbeiter, ein technisches Rathaus, eine neue Kläranlage.
Doch die Gremien votieren schließlich für das Planetarium, 1983 wird es eingeweiht. Der Bau sei ein "Meilenstein für die deutsch-deutsche Zusammenarbeit", titelt die Presse. Auch für die dort beschäftigten Wissenschaftler ist die Grenze durchlässig, erzählt der Astrophysiker Wilhelm Martin, der das Planetarium ab 1986 leitet. Es habe regen Austausch mit den Kollegen aus Jena gegeben. Diese seien nach Wolfsburg gekommen, sie im Gegenzug mindestens einmal im Jahr in den Osten gefahren.
Die Müther-Bauten entlang der Ostseeküste stehen unter Denkmalschutz
Viele der Bauten von Ulrich Müther stehen heute unter Denkmalschutz – die meisten davon hat er entlang der Ostseeküste errichtet, wie den Rettungsturm in seinem Heimatort Binz auf Rügen. Die Planetariumskuppel in Wolfsburg hat keinen Schutzstatus, sagt Eileen Pollex. Aber die Qualität sei nach 40 Jahren immer noch sehr gut: "Damit gibt es keinerlei Probleme."
Planetarien seien eine deutsche Erfindung, sagt die Geschäftsführerin des Planetariums Wolfsburg, Eileen Pollex. 1923 wurde der erste Planetariumsprojektor in Jena fertiggestellt. Seit 1925 gibt es das erste Planetarium – im Deutschen Museum in München. Dieses Jubiläum wird an unterschiedlichen Standorten gefeiert, in München ist in einer Sonderausstellung der Zeiss-Projektor Modell I von 1923 zu sehen. In Sachen Planetariumstechnik sei Jena schon zu DDR-Zeiten führend gewesen – und sei es bis heute, sagt der Astrophysiker und frühere wissenschaftliche Leiter des Planetariums Wolfsburg, Dr. Wilhelm Martin.


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