Verletzte Aktivistin aus Eberstadt über Drohnenangriff – „Alles ging furchtbar schnell“
Lea Bunse aus Eberstadt im Landkreis Heilbronn ist bei einem Drohnenangriff in Syrien schwer verletzt worden. Sie befindet sich dort im Krankenhaus – mit einem Splitter im Bauch.
Es geschah bereits am Dienstag, 21. Januar. Die aus Eberstadt stammende Lea Bunse war mit einigen Mitstreitern zum Tischrin-Staudamm gereist, der am Euphrat in Nordost-Syrien liegt. Die 27-Jährige nahm an einer Mahnwache teil, die sich für den Erhalt lebenswichtiger Infrastruktur einsetze.
Plötzlich kam es zu Explosionen – mutmaßlich ausgelöst durch einen Drohnenangriff des türkischen Militärs. Die Türkei äußerte sich bislang nicht zu dem Vorwurf.
Aktivistin aus Eberstadt nach Drohnenangriff in Syrien im Krankenhaus
Lea Bunse beantwortet Fragen unserer Redaktion in einem Videotelefonat. Sie liegt in einem Krankenhausbett. Das Krankenhaus befinde sich in Al-Hasaka, sagt sie – eine Stadt in Nordost-Syrien, die 80 Kilometer entfernt von der türkischen Grenze liegt. Vor wenigen Tagen sei sie am Bauch operiert worden, schildert Bunse.
Ihre Eltern Monika (63) und Volker Bunse (60) sitzen in ihrer Wohnung in Heilbronn am Laptop und verfolgen das Gespräch mit. Ihre Tochter wirkt erschöpft. Sie bei der Explosion auch an der Hauptschlagader verletzt worden sei, sagt sie. Am Anfang habe sie viel Blut verloren. Doch Helfer hätten es geschafft, den Blutverlust zu stoppen. Allerdings habe sie einen Splitter im Bauch – es sei nach Einschätzung der Helfer vor Ort weniger riskant, ihn dort zu belassen.

Aktivistin aus Eberstadt im Landkreis Heilbronn bei Drohnenangriff verletzt
Bunse sieht sich selbst nicht als prokurdische, sondern als Menschenrechtsaktivistin. Es lebten hier auch arabische, syrische, tschetschenische Bevölkerungsgruppen – nicht nur kurdische. Die Szenerie am Tischrin-Staudamm beschreibt sie so: „Als ich angekommen bin, habe ich schon verbrannte Autos gesehen, Scherben auf dem Boden.“ Offenbar Überbleibsel von Attacken aus den Vortagen. Gleichzeitig tanzten Menschen daneben.
„Die Stimmung auf der Friedenswache ist schwer zu beschreiben“, sagt Bunse. Es herrsche eine enorme Entschlossenheit vor, gepaart mit einer Angst. „Die Menschen stehen selbstbewusst auf diesem Staudamm und ringsherum schlagen Bomben ein.“ Es sei so ein krasses Gefühl, sich bei der Mahnwache in die Augen zu schauen und zu sehen, wie Menschen, die neben dir tanzen, verletzt werden oder sogar sterben. Und nach den Explosionen gingen die Menschen wieder tanzen, „weil sie sehen, dass das eine Bedeutung hat“. Das werde sie nie vergessen, so Bunse.

Sie habe dann mit anderen zusammen den kurdischen Tanz Bablakan getanzt, als es zum Angriff gekommen sei. „Ich hatte vorher keine Drohne wahrgenommen“, schildert Bunse. „Während wir tanzten, bemerkte ich, dass etwas runtergeflogen kam.“ Sie könne sich noch gut an die Explosion und eine Splitterwolke erinnern. „Alles ging furchtbar schnell.“ Auf der Plattform X kursiert ein Video, dass den Angriff zeigen soll und von protürkischen Milizen als Erfolg gefeiert wird. Das Video zeigt aus der Perspektive einer Drohne, wie eine Bombe auf eine tanzende Gruppe niedergeht, unter denen sich Bunse befand. Auch die Tagesschau berichtete inzwischen darüber.
Auswärtiges Amt nach Drohnenangriff: Lage in Syrien beobachten
Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts hatte nach dem Bekanntwerden einer bei einem Angriff verletzten Deutschen lediglich mitgeteilt: „Dem Auswärtigen Amt sind die Berichte über einen Drohnenangriff auf den Tischrin-Staudamm bekannt. Wir gehen diesen mit Hochdruck nach.“ Auch wenige Tage später wird die Auskunft nicht konkreter.

Der Tischrin-Staudamm sei lebensnotwendig für die kurdische Bevölkerung, erklärt Lea Bunse zum Ort der Mahnwache. Es gehe um die Trinkwasserversorgung, die Bewässerung der Felder und die Stromversorgung der Menschen. Zudem drohe durch türkischen Beschuss ein Dammbruch, „das Ausmaß einer solchen Katastrophe will man sich nicht vorstellen“. Die Türkei habe viele Staudämme gebaut, die nicht mehr zuließen, dass das Wasser in kurdische Regionen fließe. Von einem „Wasserkrieg“ der Türkei spricht Bunse. „Der Tischrin-Staudamm muss geschützt werden. Wenn er fällt, ist auch das ganze Projekt der Selbstverwaltung in Gefahr.“
Die Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien ist ein autonomes Gebiet, in dem eine direkte Demokratie, Gleichberechtigung aller Menschen und Rechtsstaatlichkeit gelebt wird. Seit 2016 gibt es allerdings immer wieder türkische Angriffe, die sich vor allem gegen dort lebende Kurden richten. Vor allem sei sie erschrocken darüber, dass sogar Rettungskräfte angegriffen würden. Lea Bunse kritisiert in diesem Zusammenhang auch deutsche Politik. Sie wirft ihr vor, bewusst wegzuschauen.
Aktivistin Lea Bunse aus Eberstadt: Nach Heilbronn zurückzukehren, ist aktuelle keine Option
Nach Heilbronn zurückzukehren, um sich medizinisch behandeln zu lassen, ist für Lea Bunse keine Option. Nachgedacht habe sie kurz darüber, auch ihre Eltern hätten das für gut geheißen - aber sie fühle sich zu stark verbunden mit ihrer Gemeinschaft in Nordost-Syrien. Ihr Wunsch sei, dass es dort eine Flugverbotszone gebe - und keine weiteren Drohnenangriffe auf Zivilisten möglich seien.
Ihr Motiv, sich für die Selbstverwaltung in Nordost-Syrien einzusetzen, erklärt sie mit sehr allgemeinen Worten. Es sei die Hoffnung auf eine sichere und friedliche Zukunft, die sie antreibe. Viele Menschen in ihrem Alter litten unter einer Perspektivlosigkeit und den politischen Entwicklungen in der Welt. Ihr Einsatz für die Selbstverwaltung gebe ihr einen Sinn. Zuletzt lebte sie in dem Frauendorf Jinwar - es war 2018 gegründet worden, um Frauen aufzunehmen, die Gewalt des Islamischen Staates überlebt hatten. Auch Frauen, die Gewalt in der Ehe erfuhren, finden dort Zuflucht.

Aus der Region Heilbronn erfährt Lea Bunse eine große Anteilnahme nach dem mutmaßlich türkischen Angriff am Tischrin-Staudamm. Eine frühere Schulkameradin meldete sich besorgt in der Redaktion der Heilbronner Stimme. Auch andere Freunde aus ihren Kindheitstagen erkundigten sich nach ihrem Gesundheitszustand.
Ihre Eltern Monika und Volker Bunse bewunderten einerseits das Engagement ihrer Tochter in Nordost-Syrien und begeistern sich selbst für das kurdische Demokratie-Projekt und die Betonung von Frauenrechten. Sie waren auch selbst schon in Nordostsyrien zu Besuch. Andererseits sind sie in Sorge. Monika und Volker Bunse haben fünf erwachsene Töchter, Lea ist die zweitjüngste. Die Familie beschreibt sich selbst als sehr politisch, möchte sich aber nicht in einer Schublade „Links“ einsortieren lassen. Sie seien sehr christlich geprägt, sagt Monika Bunse.
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