Desaströses SPD-Wahlergebnis verwundert Wähler im Raum Heilbronn nicht
Viele Wähler im Raum Heilbronn haben die Sozialdemokraten bei der Landtagswahl links liegen gelassen. Selbst in einstigen SPD-Hochburgen spielt die Partei für viele keine Rolle mehr.
Die SPD: War da was? Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg haben die Sozialdemokraten nur knapp 5,5 Prozent der Stimmen bekommen – und damit so schlecht wie nie abgeschnitten. Die einstige Volkspartei spielt im Land quasi keine Rolle mehr, während sie im Bund mitregiert. Was halten Menschen in der Region davon?
SPD-Wahlergebnis in Cleebronn besonders desaströs
Besuch in Cleebronn, wo die SPD mit 3,2 Prozent die wenigsten Zweitstimmen in der Region erhalten hat. Wenn es nach den Cleebronnern ginge, wären die Sozialdemokraten nicht mehr im Landtag. „Das ist halt Cleebronn“, sagt Marion Hocker. Die Sozialdemokraten seien in dem Ort immer schwach gewesen. Außerdem gebe es nun die AfD, die aus Hockers Sicht von vielen Menschen gewählt wird, die unzufrieden sind.
Als sie bei der Auszählung geholfen hat, hat sie selbst gesehen, wie die Zahl der AfD-Stimmen wächst. „Das hat mich entsetzt.“ 21,6 Prozent hat die vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingeschätzte Partei am Ende in Cleebronn geholt und ist drittstärkste Kraft.
„Manche Probleme werden einfach nicht ernst genommen“, kritisiert Marion Hocker. „Dass ich mein Heizöl noch bezahlen kann, ist Luxus.“ Generell werde zu wenig dafür getan, dass das Leben bezahlbar bleibt. Mit dem grünen Ministerpräsidenten Cem Özdemir kann sich die 66-Jährige anfreunden. „Das finde ich in Ordnung. Die Umwelt ist für uns alle sehr wichtig. Und wenn es die Grünen nicht geben würde, sähe es hier auch ganz anders aus.“
CDU-Wahlniederlage und AfD-Abschneiden beschäftigen Leute rund um Heilbronn
Eine 45-jährige Anwohnerin findet das Ergebnis insgesamt „zu grün“ und lacht. „Wir sind Immobilienbesitzer, die Grünen machen uns das Leben schwer.“ Welche Rolle die SPD gespielt hat? „Keine Ahnung“, sagt die Frau, für sie jedenfalls keine. Sie hat auf Manuel Hagel gesetzt, der am Wahltag dann doch knapp unterlag.
Vor allem aber finde sie das Abschneiden der AfD schlimm. „Ich habe Angst, dass sich die Geschichte wiederholt.“ Es gebe viele Menschen, die die Partei wählen. Ob Özdemir ein erfolgreicher Ministerpräsident wird? „Das werden wir sehen“, meint die 45-Jährige. „Die SPD habe ich einmal gewählt, damals, als Brandt in der Region zu Besuch war“, erzählt eine 73-Jährige Cleebronnerin. Auch die FDP sei früher vor Ort stark gewesen, nun spielen beide keine Rolle mehr.
„Die AfD würde ich im Leben nicht wählen“, sagt die Frau noch und winkt ab. Dass die Rechtsextremen stark abschneiden würden, habe sie aber bereits geahnt. „Der Frohnmaier hat sich extrem gut verkauft. Da fallen viele drauf rein.“ Von Cem Özdemir hofft sie, dass er „in diesem Stil weitermacht“, zum Beispiel in der Verkehrspolitik. „Wir sind hier auf dem Land, bei uns braucht man einfach ein Auto.“
Auch in Pfaffenhofen zeigt sich ein schwaches SPD-Abschneiden
Ortswechsel nach Pfaffenhofen. Hier hat die SPD mit vier Prozent der Zweitstimmen etwas weniger, aber dennoch schlecht abgeschnitten. „Das war schon immer so“, sagt Maria Wagner. Sie und ihr Mann Erich Wagner sind sich einig: SPD wie FDP wurden im Zweikampf von Grünen und CDU zermahlen. „Dass die FDP wirklich rausfliegt, das hätte ich nie gedacht“, sagt Erich Wagner. „Der ehemalige Bundespräsident Heuss kommt hier aus Brackenheim!“
Und doch hat der Pfaffenhofener ein feines Gespür bewiesen: Bei einem Tippspiel mit Freunden sei er der einzige gewesen, der den Wahlsieg der Grünen vorhergesagt hat. Selbst den sehr knappen Abstand von 0,5 Prozentpunkten hat Wagner richtig getippt. „Da habe ich einen richtigen Riecher gehabt.“ Die SPD sah er bei 8,5 Prozent, FDP bei sechs Prozent.

„Für Manuel Hagel tut es mir leid“, sagt Erich Wagner. „So wie es gelaufen ist, das war unter der Gürtellinie.“ Mit einem Ministerpräsidenten Cem Özdemir können die beiden Rentner leben. „Ich finde, der Özdemir ist ein sehr sympathischer Mensch“, sagt Maria Wagner. Beide hoffen, dass nun konstruktiv regiert wird. „Streit bringt nichts.“
„Ich sag’s Ihnen direkt, ich habe CDU gewählt“, erklärt Antje Kolb an der Haustür. „Ich hatte gehofft, dass Manuel Hagel Ministerpräsident wird.“ Sehr zu Kolbs Leidwesen wird das nun nicht passieren. Die SPD habe in der Region noch nie eine große Rolle gespielt, die AfD inzwischen aber sehr wohl. „Das finde ich sehr bedauerlich“, sagt Kolb. „Ich hoffe, die Leute wachen irgendwann auf.“
Gemmingen und Untereisesheim sind SPD-“Hochburgen“
Es gibt weitere Orte wie Cleebronn und Pfaffenhofen in der Region, in denen die SPD deutlich unter der Fünf-Prozent-Hürde liegt: Talheim (4,2), Hardthausen (4,3), Ilsfeld (4,4) oder Bretzfeld (4,5) zum Beispiel. Aber es gibt genauso vereinzelte Orte, in denen die Sozialdemokraten stärker abgeschnitten haben, als im Rest des Landes.
In Gemmingen zum Beispiel, wo acht Prozent der Wahlberechtigten für die SPD gestimmt haben. Jemand, der sich zur SPD bekennt, findet sich an diesem Montag jedoch nicht. „Die SPD war hier immer schon stark“, weißt Werner Budig. Er vermutet aber, dass viele taktisch gewählt haben, um das Duell zwischen Grünen und CDU zu beeinflussen. Cem Özdemir? „Für mich ist der auch kein Grüner“, sagt Budig.

Eine 65-jährige Gemmingerin hat an die SPD „keinen Gedanken verschwendet“. Stattdessen hat sie auf die Christdemokraten gesetzt. „Weil es mir wichtig war, dass die Bundesregierung gestärkt wird und durchregieren kann.“ Das Programm der Grünen gefalle ihr nicht, Cem Özdemir sei ihr aber „sehr sympathisch“. „Ich bin jetzt nicht unglücklich“, so die 65-Jährige.
Ist die SPD noch die Partei der Arbeiter?
Einsame SPD-Hochburg in der Region ist Untereisesheim. Hier holten die Sozialdemokraten 8,4 Prozent der Zweitstimmen, bei den Erststimmen sind es sogar 14,3 Prozent. Klaus Ranger, seit 2021 SPD-Abgeordneter im Landtag und Direktkandidat, kommt aus dem benachbarten Obereisesheim.
Doch auch hier ist die Suche nach SPD-Wählern schwierig, für viele ist die Partei irrelevant. „Die SPD war immer die Partei der Arbeiter“, sagt Karl-Heinz Lembert. „Und wir haben viele Arbeiter in Baden-Württemberg.“ Er erinnere sich noch, als die Sozialdemokraten in Untereisesheim mit 38 Prozent der Stimmen stärkste Kraft waren. Davon sei jedoch nichts mehr übrig. Er selbst hat CDU gewählt.
Wolfgang Haas erinnert sich ebenfalls an die 70er- und 80er-Jahre. „Damals hat sich die SPD noch stark für das Sozial engagiert und dafür, dass die Leute mehr Geld im Geldbeutel haben.“ Heute vermisse er das, dass die Partei so stark abstürzt, habe ihn aber überrascht. „Bei vielen Wählern hat wohl Frust mitgespielt.“
Kommentare öffnen

Stimme.de
Kommentare