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Warum wir Wahlumfragen falsch verstehen und wie die Uni Mannheim das Ergebnis voraussagen will

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Obwohl es nicht einfach ist, will die Uni Mannheim das Ergebnis der Bundestagswahl möglichst genau vorhersagen. Wie das funktioniert und was das Problem an Wahlumfragen ist.

Politikwissenschaftler Thomas Gschwend stellt das Forschungsprojekt Zweitstimme.org vor. Damit will die Uni Mannheim das Ergebnis der Bundestagswahl möglichst genau vorhersagen.
Politikwissenschaftler Thomas Gschwend stellt das Forschungsprojekt Zweitstimme.org vor. Damit will die Uni Mannheim das Ergebnis der Bundestagswahl möglichst genau vorhersagen.  Foto: Screenshot/HSt

Gespannt blicken Medien und Bevölkerung in diesen Tagen auf die Wahlumfragen. Fast täglich wird eine neue veröffentlicht, teils mit Unterschieden von mehreren Prozentpunkten. Alles dreht sich um die Frage: Welche Partei sackt ab? Welche holt auf?

Dass es so einfach nicht ist, weiß der Politikwissenschaftler Thomas Gschwend von der Universität Mannheim. „Umfragen sind einfach sehr sehr unsicher.“ Oft würden Unsicherheiten nicht richtig dargestellt, die es bei jeder Umfrage gibt: Wenn eine Partei in einer Umfrage 30 Prozent erreicht, könnten es auch 32 oder 28 sein.

Mannheimer Politikwissenschaftler Gschwend: Geringe Schwankungen in Wahlumfragen sind meist Zufall

Trotzdem werde berichtet, dass ein bestimmtes Ereignis oder Verhalten der Partei geschadet oder genutzt habe, sagt Gschwend. Dabei gelte: „Wenn eine Partei einen Prozentpunkt hoch- oder runtergeht, ist das einfach Zufall.“ In diesem Wahlkampf seien die Umfragen zudem recht stabil.

Kritisiert, welches Gewicht Wahlumfragen beigemessen wird: der Mannheimer Politikwissenschaftler Thomas Gschwend.
Kritisiert, welches Gewicht Wahlumfragen beigemessen wird: der Mannheimer Politikwissenschaftler Thomas Gschwend.  Foto: Screenshot/HSt

Deshalb schickt sich Gschwend an, es besser zu machen und mit der Politikwissenschaft einen Beitrag zu leisten. „Wir wollen es nicht kommerziellen Instituten überlassen, den Wahlkampf zu begleiten.“ Schon vor der Wahl 2017 hat er deshalb ein sechsköpfiges Team mit Professoren von der Hertie School und der Universität Witten/Herdecke zusammengetrommelt. Gemeinsam rufen sie das Projekt und die Webseite www.zweitstimme.org ins Leben.

Heute sei die Lage eine andere: Neues Wahlrecht, neue Parteien und Verschiebungen in der Wählerschaft seien eingearbeitet worden. „Wir haben dazugelernt über die Jahre“, erklärt Gschwend. Das Projekt und die neuesten Erkenntnisse wurden bei der Veranstaltungsreihe „Die Mannheimer Politik­wissenschaft in der Sternwarte“ vorgestellt.

CDU/CSU liegen in Prognose vorne: mit 24 oder 34 Prozent?

Das Ergebnis: Bei Zweitstimme.org gibt es jeden Tag eine Prognose, wie die Wahl ausgehen wird. Dabei wird ein Unsicherheitsbereich angegeben. Die Forscher erwarten zum Beispiel, dass die Union 29 Prozent holt, halten aber 24 Prozent oder 34 Prozent ebenfalls für möglich. Das sei zwar ein großer Bereich, erklärt Gschwend. Dafür ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Ergebnis darüber oder darunter liegt, nur so groß, als ob man beim ersten Würfeln eine Sechs würfelt. „Kann passieren, ist aber sehr unwahrscheinlich.“

In die Prognose der Mannheimer fließen verschiedene Faktoren ein: Der Zweitstimmenanteil der Parteien bei der letzten Wahl, der Durchschnitt der Umfragewerte 200 Tage vor der Wahl sowie alle aktuellen Umfragen. „Wir lernen aus historischen Daten vergangener Wahlen und nutzen veröffentlichte aktuelle Umfragen“, fasst es Gschwend zusammen.

So sieht die aktuelle Prognose des Forschungsteams von Zweistimme.org für das Bundestagswahlergebnis aus.
So sieht die aktuelle Prognose des Forschungsteams von Zweistimme.org für das Bundestagswahlergebnis aus.  Foto: Screenshot/HSt

„Was diese Wahl besonders spannend macht, ist, dass es drei Parteien gibt, bei denen unsicher ist, ob sie ins Parlament kommen“, findet Gschwend. BSW und FDP seien nicht sicher drin, nur bei den Linken habe es zuletzt einen Aufwind gegeben. „Das ist fast die einzige Bewegung, die in diesem Wahlkampf stattgefunden hat.“ 

Mit dieser Prognose ist für die Forscher sicher, dass CDU und CSU die nächste Regierung führen werden. Anders sei keine Mehrheit erreichbar, erklärt Gschwend. Er geht zudem von einem Dreier-Bündnis aus. Ein Zweier-Bündnis wie große Koalition oder Schwarz-Grün seien unwahrscheinlich.

Erststimmen: Warum es schwierig ist, Wahlkreissieger vorherzusagen

Neben den Zweistimmen beschäftigt sich das Forscherteam auch mit den Erststimmen, also der Frage, wie die Direktkandidaten der Parteien in den Wahlkreisen abschneiden. Die Deutschlandkarte mit den 299 Wahlkreisen ist dabei geteilt: Im Osten dominiert Blau für die AfD, im Westen Schwarz für die Union, mit größeren roten und wenigen grünen Flecken. 

Anders als bei den Zweitstimmen sei diese Prognose viel schwieriger, räumt Gschwend ein. Regionale Besonderheiten oder erfolgreiche lokale Kampagnen könnten nicht berücksichtigt werden. Auch nehmen die Forscher an, dass sich Änderungen bei den Zweitstimmen bundesweit recht gleichmäßig in allen Wahlkreisen widerspiegeln - was in der Realität nicht zwingend so ist.

Berücksichtigt wird außerdem, welche Partei den Wahlkreis in der Vergangenheit gewonnen hat, wie viele Kandidaten antreten, ob die Bewerber schon im Bundestag sind oder ob sie einen Doktortitel tragen. „Forschung hat gezeigt, dass Wählerinnen und Wähler das gut finden.“ Trotzdem seien diese Prognosen mit „erheblichen Unsicherheiten“ behaftet, auch weil es für viele neuere Parteien wie Volt keine historischen Daten gibt, aus denen man lernen kann. 

Regionale Wahlkreise: Wer die Direktmandate gewinnt, ist nahezu sicher

Für den Wahlkreis Heilbronn nehmen die Forscher an, dass Alexander Throm (CDU) die meisten Stimmen holt, mit 27 bis 40 Prozent. Das sei „nahezu sicher“, heißt es auf der Webseite. Allerdings sei es „möglich“, dass Throm wegen des neuen Wahlrechts trotzdem nicht in den Bundestag einzieht, weil seine Partei nicht genug Zweitstimmen für alle Direktmandate holt. Diese Wahrscheinlichkeit liege bei 59 Prozent.

Ähnlich sieht das Ergebnis für die Nachbar-Wahlkreise Hall-Hohenlohe und Neckar-Zaber aus, in beiden sieht die Prognose die CDU-Kandidaten Christian von Stetten und Fabian Gramling vorne. Dass Bewerber trotz Wahlkreissieg nicht reinkommen, könne vor allem in umkämpften, städtischen Wahlkreisen passieren, erklärt Gschwend. „Es ist schwer, das vorherzusagen.“

Wie in den vergangenen Jahren veröffentlicht das Forscherteam alle Ergebnisse. „In der Vergangenheit haben wir 90 Prozent der Wahlkreissieger richtig vorhergesagt.“ Nach der Wahl werde man analysieren, wie genau die Vorhersage war, wo es Abweichungen gab und was verbessert werden könnte.

Er wolle nicht auf die Umfrageinstitute in Deutschland schimpfen, betont Gschwend. Diese würden eine „sehr gute Arbeit“ machen, anders als etwa in den USA. „Wahlumfragen bilden die Stimmungslage gut ab.“ Ebenso sei es ein Mythos, dass bestimmte Institute eine Schlagseite in Richtung bestimmter Parteien hätten, wie es manchmal behauptet wird. „Die Großen, die man kennt, sind alle gut.“

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