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So haben sich die sechs Kandidaten geschlagen – eine Analyse zum HZ-Wahlforum

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Von selbstbewusst bis unsicher, von chancenlos bis angriffslustig: Die Kandidaten zeigen sich bei den unterschiedlichen Themen von verschiedenen Seiten.

Denken, schreiben, reden: Den sechs Kandidaten von AfD, Linke, Grüne, SPD, CDU und FDP wurde von den HZ-Redakteuren Ralf Reichert (links) und Yvonne Tscherwitschke viel abverlangt.
Denken, schreiben, reden: Den sechs Kandidaten von AfD, Linke, Grüne, SPD, CDU und FDP wurde von den HZ-Redakteuren Ralf Reichert (links) und Yvonne Tscherwitschke viel abverlangt.  Foto: Seidel, Ralf

Die Zeit verfliegt, an diesem Mittwoch in der Stadthalle Neuenstein. Der Abend ist unterhaltsam und interessant. Nach 91 Minuten haben die sechs Kandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien den rund 400 Zuschauern ihre Standpunkte und Persönlichkeit offenbart.

Beim HZ-Wahlforum sitzen Valentin Abel (FDP, 33 Jahre), Harald Ebner (Grüne, 60), Benjamin Götz (AfD, 27), Kevin Leiser (SPD, 31), Ellena Schumacher Koelsch (Die Linke, 38) und Christian von Stetten (CDU, 54) auf der Bühne. Sie stellen sich den Fragen von HZ-Redaktionsleiter Ralf Reichert und seiner Stellvertreterin Yvonne Tscherwitschke. Es geht vor allem – aber nicht nur – um die Hauptthemen dieses Wahlkampfs: Migration und Wirtschaft sowie Mobilität.

Engagiert äußern sich die Kandidatin und die Kandidaten auf der Bühne beim HZ-Wahlforum in Neuenstein.
Engagiert äußern sich die Kandidatin und die Kandidaten auf der Bühne beim HZ-Wahlforum in Neuenstein.  Foto: Seidel, Ralf

Geschickter Schritt der Linken-Kandidatin geht auf

Vier der Kandidaten sitzen derzeit im Bundestag. Die Kandidierenden von der Linken und AfD noch nicht. Die beiden älteren, Ebner und von Stetten, äußern sich am kantigsten. So kommt es auf der Bühne auch zu spannenden Debatten und so manchem Schlagabtausch. Bei denen ist Ellena Schumacher Koelsch außen vor. Sie antwortet bereits auf die erste Frage ganz offen: „Es ist ein Unterstützungswahlkampf für die Linke“. Das ist ein geschickter Schritt. Denn so kann die Haller Stadt- und Kreisrätin gelöst und kurz die Inhalte ihrer Partei auf der Bühne nennen – und muss nicht mit Widerspruch der anderen rechnen. Der Plan geht auf.

Benjamin Götz von der AfD antwortet zögerlich und wirkt allzu oft so, als hätte er die Fragen so nicht erwartet. So vervollständigt er den Satz „Alice Weidel und Friedrich Merz würden ...“ derart: „Weidel würde eine gute Kanzlerin abgeben und Merz wäre okay als Vizekanzler“. Im Verlauf des Abends sinkt er weiter in den Stuhl. Eine „Rückkehr zur Atomkraft“ ist für ihn die kurze Antwort auf mehrere Fragen zu unterschiedlichen Themen.

Von Stetten: „Fast sektenartig“ seien die Demonstrationen zum Migrationsgesetz

Christian von Stetten  hat die meiste Erfahrung auf den Bühnen der HZ-Wahlforen und weiß eigentlich, wie er das Publikum auf seine Seite ziehen kann. Mit einer Aussage polarisiert er: Als „fast sektenartig“ bezeichnet er die „160 000 Menschen“, die gegen das gemeinsame Abstimmen von CDU und AfD beim Migrationsgesetz demonstriert haben. Für die Proteste habe er kein Verständnis. Dass Friedrich Merz mit Rechtsextremen zusammenarbeiten wolle, wie SPD-Kandidat Kevin Leiser es zuvor angedeutet hat, bringt von Stetten in Rage: „Das ist absoluter Schwachsinn. Es gibt absolut keinerlei Zusammenarbeit mit der AfD.“ Er akzeptiere nicht, dass „die Regierung bestimmt, was die Opposition für Anträge im Deutschen Bundestag einbringt.“ Bei seinem Herzensprojekt Kochertalbahn ist sich der Mann mit dem Direktmandat sicher, dass sie realisiert wird: Auf einer Skala von null bis zehn sei die Wahrscheinlichkeit „eine gute neun“.

Ebner: Grünen-Kandidat reagiert auf Aussagen der anderen

Der Grünen-Kandidat Harald Ebner tut sich vor allem dadurch hervor, dass er auf Aussagen der anderen Kandidaten reagiert. Nach Götz’ Kommentar, es müsse etwas getan werden gegen die „Massenzuwanderung in Deutschland mit Menschen, die in Hamburg das Kalifat ausrufen“, wirft Ebner ein: „Wird es ja auch – es gibt dort kein Kalifat!“ Auf die Forderungen nach Rückkehr zur Atomkraft antwortet er: Es sei „die teuerste Energieform“, die es gebe, „das sagen auch die Betreiber“. Nachdem von Stetten „vor allem“ einen neuen Wirtschaftsminister gefordert hat, um Deutschland voran zu bringen, verteidigt Harald Ebner den derzeitigen, Robert Habeck: Er habe in kurzer Zeit dafür gesorgt, dass das Land unabhängig von russischem Gas sei.

Harald Ebner reagiert auf viele der Aussagen der anderen Kandidaten auf der Bühne.
Harald Ebner reagiert auf viele der Aussagen der anderen Kandidaten auf der Bühne.  Foto: Seidel, Ralf

Ebner leitet die Aussage allerdings ein mit dem Satz: „Er hat es geschafft, uns durch diese Krise zu bringen“ – und erntet dafür erst Lacher und dann Applaus – ob hämisch oder unterstützend, bleibt unklar. In vielen Antworten zeigt sich Ebner als Erklärer – bisweilen allerdings auf komplexe Art.

Abel: Sehen ob die Welt mit weniger Bürokratie untergeht

Komplex und umfassend antworten auch die beiden Kandidaten öfter, deren erste Amtszeit als Bundestagsabgeordnete nun zu Ende geht. Allerdings können auch sie pointiert reden. 

Wie Valentin Abel bei einer seiner „Top-Drei-Stellschrauben“ um die Wirtschaft voranzubringen. Er will den Bürokratieabbau und fordert deshalb konsequent: „Berichts- und Dokumentationspflichten für vier Jahre aussetzen und sehen, ob die Welt untergeht oder nicht.“ Wert legt er für den Zweck auch auf den Ausbau von Energie-Infrastruktur, um den Strompreis zu senken und kleine Betriebe zu unterstützen, „die überlegen ob sie am Standort Deutschland weiterhin produzieren können.Bei der Frage nach der Entlastung von Besserverdienern beweist er Hintergrundwissen: Die gefragten Inhalte beruhen demnach auf einer Studie, die falsche Dinge über seine Partei behaupte. Die FDP wolle zum Beispiel über den Grundfreibetrag auch Geringverdiener entlasten. 

Leiser: Vertreter der E-Mobilität

Der Vertreter der Kanzlerpartei, Kevin Leiser, ist vor allem dann mit dem Herzen dabeum als es um die Abstimmung über das Migrationsgesetz in der vergangenen Woche geht: „Leider hat sich gezeigt, Demokratien kippen, wenn Konservative mit Rechtsextremen zusammenarbeiten“, warnt er seinen Nebensitzer von der CDU.

Ein „feiner Kerl“ sei Kevin Leiser (Mitte), sagt Christian von Stetten (rechts) über seinen Mitparlamentarier
Ein „feiner Kerl“ sei Kevin Leiser (Mitte), sagt Christian von Stetten (rechts) über seinen Mitparlamentarier  Foto: Seidel, Ralf

Beim vierspurigen Ausbau der B19 zwischen Gaisbach und der Autobahnauffahrt bleibt Leiser vage: Auf der A6 seien viele Projekte umgesetzt, und „ich setze mich auch gerne für andere Verkehrsprojekte ein.“ Außerdem zeigt er sich als klarer Verfechter der E-Mobilität: „Gewonnen hat das E-Auto.“ Deutschland habe zu lange gebraucht und dürfe bei der Entwicklung nicht noch mehr trödeln. Dafür erntet Leiser Applaus.

Am Ende des Abends zeigen viele Zuschauer auf Frage der Moderatoren durch Aufstehen: Ihnen hat das Wahlforum gefallen – auch wenn viele ihr Kreuz wie immer setzen.

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