Dr. Rüdiger Maas ist Diplom-Psychologe sowie Gründer des Instituts für Generationenforschung in Augsburg, das er mit seinem Bruder Hartwin Maas leitet. Der Experte erforscht die jungen Generationen Z und Alpha.
Forscher erklärt: Politiker müssen von Generation Z lernen und sichtbarer werden
Politiker interessieren sich nicht für junge Wähler? Ob das tatsächlich so ist und was passieren müsste, damit sie die Generation Z besser erreichen, erklärt Generationenforscher Rüdiger Maas im Interview.
Bei den Europa- und Landtagswahlen im vergangenen Jahr war die AfD bei jungen Wählern sehr erfolgreich, verschiedene Studien zeigen, dass junge Leute nach rechts tendieren. Was der Generation Z (Gen Z) wichtig ist und was Politiker endlich lernen müssen, erklärt Generationenforscher Rüdiger Maas im Interview.
Es sind noch knapp sechs Wochen bis zur Bundestagswahl. Welche Themen sind junge Menschen politisch besonders wichtig?
Rüdiger Maas: Wahrgenommen zu werden, was ja nachvollziehbar ist. Wenn ich irgendwo bin und ich werde wahrgenommen, dann finde ich das toll, werde ich nicht gesehen finde ich das schlecht. Und die Jungen werden tatsächlich sehr stark ausgespart von der Politik, von fast allen Parteien, außer der AfD.
Wo werden sie „ausgespart“ – im Wahlprogramm oder in der Kommunikation…?
Maas: Zum Beispiel im Wahlprogramm. Wenn man nur mal das Thema Bildung nimmt, dann sehen wir, dass viele Parteien das nicht groß auf dem Schirm haben. Da die AfD noch nie in Verantwortung war, wird ihr das weniger zum Verhängnis. Das heißt, die anderen Parteien müssen hierbei deutlich sichtbarer werden und zeigen, dass sie ab jetzt die Jungen ernst nehmen.
Woran liegt das?
Maas: An mehreren Faktoren. Erstens liegt es daran, dass man sich mit dieser statistisch kleinen Gruppe gar nicht beschäftigt, man kümmert sich eher um die Älteren: Darum, dass die Rente für die jetzigen Menschen sicherer ist und nicht für die, die nachkommen. Man denkt an die jetzige Wahl, nicht, was in zwanzig Jahren ist. Das wird einem auch fairerweise gar nicht gedankt.
Man hat sich mal bewegt vor vier Jahren, als es die Fridays-for-Future Bewegung gab, gab es Dynamiken, bei denen es darum ging, die Zukunft zu verbessern. Jetzt haben wir genau das Gegenteil, jetzt geht es ein bisschen ins Bewahren zurück, da spielt die Zukunftsthematik der Jugend eigentlich keine große Rolle.

Was müssten Parteien ändern, um junge Menschen besser zu erreichen?
Maas: Erst einmal die Sprache der jungen Menschen sprechen. Ich höre dann immer von etablierten Parteien oder von vielen Politikern – egal, von welcher Partei außer der AfD und dem BSW – man könne komplexe Themen nicht einfach so in 20 Sekunden Videos runterbrechen. Aber es geht ja gar nicht darum, was man nicht kann, sondern was man kann. Dann brich es runter, dann mach es in mehreren Schritten, dann nimm dir einen Influencer, also versuch's doch erstmal.
Mich erinnert es immer an einen Lehrer, der nicht die Möglichkeit hat, es so zu erklären, dass es ein Schüler kapiert. Dann ist er für den Beruf auch nicht geeignet. Ich erwarte da mehr von Politikern, vor allem von Parteien, die die ganze Gesellschaft abbilden wollen. Sie müssen es für die Jugend nahbarer machen, es zumindest so runterbrechen, dass sich junge Wähler abgeholt fühlen.
Politiker machen es sich also zu einfach.
Maas: Ja, das ist für mich immer nur eine Ausrede. Ich kann mich als Politiker, wenn ich nichts sagen will, oder kann, hinter sehr aussagelosen Schachtelsätzen auch verstecken.
Als Zweites wird auch gesagt, „Bei Tiktok gehen halt einfach emotionale Dinge viraler“ wenn ich über Flüchtlinge herziehe zum Beispiel. Dann sage ich, dann mach eben dein Thema emotionaler, dann leb auch mal dein Thema, dann hört man dir auch gern zu. Social Media kann man verteufeln, aber man kann auch sagen, okay, Social fordert halt jetzt in kurzen, knappen Sätzen das Wichtigste rüberzubringen.
Jahrelang konnten die Politiker gemütlich sein, jetzt wird eben mehr gefordert. Man muss sich bewegen, schneller zum Punkt kommen und tatsächlich auch Aussagen tätigen, für die man geradestehen muss. Da sind junge Menschen sehr sensibel, weil sie mehrere Stunden täglich auf Social Media aktiv sind und dadurch sehr stark darauf trainiert sind und ein anderes Wording einfordern.

Emotionalisierung auf Social Media wird häufig als etwas Negatives gewertet. Es muss aber gar nichts Schlechtes sein?
Maas: Nein. Ein Beispiel: Die AfD zeigt mir Videos von gewalttätigen Asylbewerbern. Aber ich kann doch die Geschichte eines Asylmigranten zeigen, der seinen Fluchtweg aus Syrien zeigt, wie schlimm das war und wie dankbar er ist, in Deutschland zu sein, sich einbringt, eine Lehre macht, wie er Freunde gewinnt – das kann ich doch auch in die andere Richtung emotionalisieren. Aber da geben alle auf und sagen, Migration sei zu komplex. Fast jedes Thema kann ich, wenn ich wirklich Lust darauf habe, emotionalisieren. Und da sehen wir unter einer gewissen Perspektive, dass Social Media jetzt tatsächlich einfach mehr einfordert als einfach nur die Tageszeitung zu bespielen.
Jetzt haben sie ausführlich beschrieben, dass Politiker nicht die Sprache der jungen Wähler sprechen. Ist denn aber zumindest der Wille da, das zu ändern?
Maas: Naja, also selbst wenn der Wille da ist, Social Media wartet ja nicht, das hat eine enorme Geschwindigkeit. Ich persönlich finde es insgesamt schlecht, dass da überhaupt Politik stattfindet, aber das ist jetzt eben so. Da sind ja jetzt eben sehr viele, besonders im rechtsextremen Spektrum, und dann müssen die anderen Parteien ein Korrektiv bilden. Das heißt, sie müssen da rein. Und es ist ja nicht so, dass es Social Media erst seit gestern gibt, das haben wir ja schon seit knapp zwanzig Jahren bei uns im Land. Und das jetzt sooft zu verpassen, sorry, aber dann denke ich, da verpasst man wohl relativ viel im Leben.
Warum sollte Politik nicht auf Social Media stattfinden?
Maas: Weil es Kinder- und Jugendräume sind und vor allem Freizeitbespielung. Und dass die AfD da überhaupt so aktiv ist, liegt daran, dass sie dort einfach leicht Wählerstimmen kriegen konnten, das haben sie für sich erkannt.
Tiktok war ursprünglich für Jugendliche, jetzt liegt das Durchschnittsalter bei 22. Es scheint so, dass sobald die jungen Menschen irgendwie für sich einen Raum entdeckt haben, laufen die Alten sofort hinterher. Es gibt überhaupt keinen Raum mehr, wo es umgekehrt ist. Also sprich, wo junge Menschen mal Älteren hinterherlaufen. Jetzt dackeln da alle hinterher und Politiker müssen sich auf ein unter Umständen kindliches Niveau einlassen. Das führt gesamtgesellschaftlich nicht zu einer Verbesserung. Jetzt sind da aber eben bereits viele Populisten und AfD-Sympathisanten und deswegen sage ich: Die anderen müssen nachziehen, um ein Korrektiv zu bilden.

Stimme.de
Kommentare