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Erlacher Höhe schließt Pflegeheim – „eklatanter Mangel an Pflegefachkräften“

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Ein hohes Haushaltsdefizit und Personalmangel sorgen dafür, dass das Pflegeheim Erlacher Höhe in Großerlach geschlossen wird. Auch Heimbetreiber im Hohenlohekreis kämpfen mit Personalnot. 


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Die Situation in der Pflege verschlechtert sich kontinuierlich und ist längst nicht am Tiefpunkt angelangt. Einer weiter wachsenden Zahl an pflegebedürftigen Menschen steht eine Vielzahl an Heimschließungen gegenüber.

Anschaulich wird das auf einer Deutschlandkarte des Arbeitgeberverbandes Pflege. Die Karte zeigt anhand farbiger Pins 1097 Pflegeangebote, die zwischen 1. Januar 2023 und 31. Juli 2024 von Insolvenz, Schließung oder anderen öffentlich bekannten Angebotseinschränkungen betroffen waren. In diese traurige Liste reiht sich nun auch das Pflegeheim der Erlacher Höhe (Rems-Murr-Kreis) ein. 

Pflegeheim Erlacher Höhe schließt: Hohe Kosten bei Betrieb mit Leiharbeitskräften 

Die 30 stationären Plätze für wohnungslose Menschen entfallen, das ambulante Angebot für weniger stark Pflegebedürftige soll erweitert werden – in Zusammenarbeit mit der Diakoniestation der Stiftung Altenheime. Aktuell seien noch neun Personen im Pflegeheim untergebracht, für die man auf der Suche nach Plätzen in anderen Einrichtungen sei.

„Der eklatante Mangel an Pflegefachkräften trifft die Erlacher Höhe hart“, heißt es zur Begründung in einer Pressemitteilung. Während der Corona-Pandemie hätten viele Fachkräfte den Beruf verlassen. „Seit dem Ende der Pandemie mussten wir den Betrieb im Pflegeheim zunehmend mit Leiharbeitskräften aufrechterhalten, deren Kosten jedoch rund doppelt so hoch liegen wie die von tariflich beschäftigten Mitarbeitenden“, sagt André Frank, kaufmännischer Geschäftsführer der Erlacher Höhe. „2024 hatten wir im Pflegeheim ein Defizit von rund 400.000 Euro. Dies können wir auf Dauer nicht stemmen.“

Personalnotstand in Pflegeheimen: Angespannte Haushaltslage bei der Erlacher Höhe

Nach fast 20 Jahren sehe man sich daher gezwungen, das Pflegeangebot am Standort Großerlach-Erlach neu zu strukturieren. „Die Entscheidung, auf ein ambulantes Pflegeangebot umzustellen, ist uns zutiefst schwergefallen“, sagt Karl-Michael Mayer, Heimleiter der Einrichtung. Auch die Bitten um Unterstützung beim Sozialministerium sowie beim Landkreis Heilbronn seien ohne Erfolg. Angesichts der angespannten Haushaltslage wurden nach Angaben von Pressesprecherin Andrea Beckmann keine zusätzlichen finanziellen Hilfen bewilligt.

„Besonders schmerzt uns, dass aufgrund der Umstrukturierung elf schwerstpflegebedürftige Menschen in andere Pflegeheime verlegt werden müssen“, sagt Erlacher-Höhe-Vorstand Wolfgang Sartorius. „Wir tun alles uns Menschenmögliche, um die bestmögliche Versorgung der Betroffenen sicherzustellen. Alle Heimbewohnerinnen und -bewohner wurden von uns in einem persönlichen Gespräch informiert. Zudem stehen wir im engen Austausch mit der Heimaufsicht und dem Kreissozialamt.“

Man werde einen Antrag auf Umstrukturierung der 30 Plätze in Wohnungsnotfallhilfe plus ambulanter Pflege stellen. „Dazu wollen wir das Gebäude weiternutzen“, erklärt Sprecherin Beckmann.

Massiver Mangel an Pflegeangeboten in Baden-Württemberg

Für Wolfgang Sartorius ist klar: „Es besteht in Baden-Württemberg ein massiver Mangel an Pflegeangeboten für Menschen, die wohnungslos und pflegebedürftig sind. Aktuell gibt es nach meinem Kenntnisstand im Land nur 55 stationäre Pflegeplätze für diese Bedarfsgruppe.“ Man sehe „dringenden politischen Handlungsbedarf“, so Sartorius weiter. „Aus unserer Sicht muss sich das Sozialministerium als oberste Landesbehörde des Themas annehmen und Sorge dafür tragen, dass hier deutliche Verbesserungen passieren, auch wenn uns klar ist, dass der Sozialminister keine Pflegekräfte aus dem Hut zaubern kann.“

Rechtlich gesehen muss ein Pflegeheim mit 30 stationären Plätzen 22 Pflegefach- und Pflegeassistenzkräfte vorweisen, wobei etwa die Hälfte davon in Teilzeit oder geringfügig tätig ist. „Aktuell konnten bei den Pflegekräften insgesamt sechs Stellen trotz intensiver Bemühungen nicht besetzt werden“, erklärt Andrea Beckmann.

Der anhaltende Fachkräftemangel war es auch, der den bereits geplanten und baurechtlich genehmigten Pflegeheim-Neubau der Erlacher Höhe mit 60 Pflegeplätzen unmöglich machte. Ähnlich erging es dem geplanten Seniorenzentrum Niedernhall: Fertige Pläne lagen in der Schublade, ein innovatives Genossenschaftsmodell sollte die Trägerschaft in die Hände der Bürger legen, doch der anvisierte Betreiber, der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), zog die Reißleine. Die Begründung: kein Personal.

Seniorenheim in Künzelsau öffnet nach viermonatiger Schließzeit wieder

Das Max-Richard und Renate Hofmann-Haus in Künzelsau wiederum blieb mehrere Monate wegen Personalproblemen geschlossen, die Tagespflege wurde abgeschafft. Inzwischen hat es die Keppler-Stiftung, in deren Trägerschaft das Haus ist, geschafft, Pflegekräfte aus dem Ausland anzuwerben. Seit November 2024 sind wieder Menschen in der Einrichtung mit 26 Plätzen und zwei Wohngruppen untergebracht. Auch die Keppler-Stiftung berichtete damals von den – auch bürokratischen – Hürden, Fachkräfte zu finden.

Andere Häuser im Kreis wiederum mussten wie die Erlacher Höhe aufgeben: etwa das Haus Breitenbach in Untersteinbach 2024. Nicht nur Personalsorgen, auch steigende Kosten und die Gewissheit, dass ab 2027 laut Landesheimordnung keine Doppelzimmer mehr angeboten werden dürfen, trugen ihren Teil dazu bei. Das Gebäude wird nun von einem neuen Betreiber für ein Kurzzeitpflege-Angebot genutzt.

Auch bei der Erlacher Höhe hat man derweil die Hoffnung nicht ganz aufgegeben: „Wir wollen auch in der Zukunft handlungsfähig bleiben, sollte es gravierende Änderungen im Pflegebereich geben und – woher auch immer – Pflegefachkräfte zuhauf auftauchen. Daher wird die Erlacher Höhe auch die Baugenehmigung für den noch vor zwei Jahren geplanten Neubau mit 60 stationären Plätzen weiterhin aufrechterhalten“, erklärt Andrea Beckmann auf Nachfrage.

Erlacher Höhe

Menschen in sozialen Notlagen zu helfen, ist seit 1891 die Aufgabe der Erlacher Höhe. In rund 70 Einrichtungen und Diensten unterstützt sie Menschen in Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und Armut, pflegebedürftige Menschen und Menschen, die in ihrer Teilhabe eingeschränkt sind. Zudem ist sie in der Jugendhilfe aktiv. Die Zentrale des Einrichtungsverbunds befindet sich in Großerlach-Erlach im Rems-Murr-Kreis. Sie ist aber auch im Hohenlohekreis vertreten, bietet Ambulant Betreutes Wohnen, in Künzelsau in der Hindenburgstraße 2 betreibt sie eine Fachberatungsstelle für Menschen in Wohnungsnot, außerdem ein Aufnahmehaus. Die Erlacher Höhe ist Mitglied im Diakonischen Werk Württemberg und gehört damit zur Diakonie Deutschland. 

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