Rückkehr zur Atomkraft? Warum das AKW in Neckarwestheim aus dem Rennen ist
Vor allem die Union fordert ein Comeback der Atomkraft. Doch einige Fragen sind ungeklärt. Warum ein Wiederhochfahren des Kraftwerks in Neckarwestheim unrealistisch ist.
Die Diskussion über eine Rückkehr zur Atomenergie in Deutschland ist wieder entbrannt. Nach entsprechenden Forderungen der Union und der FDP bringt nun auch der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, ein Comeback der Kernkraft in Deutschland ins Spiel. Das sei nur "logisch und rational", sagte Grossi am Donnerstag bei der UN-Klimakonferenz in Baku.
Rückkehr zur Atomkraft: In Neckarwestheim ist der Rückbau in vollem Gange
Die zentralen Frage lauten freilich: Ist eine Rückkehr zur Atomkraft technisch überhaupt möglich? Und wenn ja, in welchem Zeitraum? Und wäre das aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll? Fakt ist: Zwischen 2021 und 2023 wurden die sechs letzten Atomkraftwerke in Deutschland abgeschaltet: Neckarwestheim 2, Grohnde, Brokdorf, Emsland, Isar 2 und Grundremmingen C. Das Atomgesetz regelt, dass die deutschen Atomkraftwerke keinen Strom mehr produzieren dürfen. Der Rückbau der Kernkraftwerke ist bereits in vollem Gange.
So teilt die EnBW als Betreiber des Kernkraftwerks Neckarwestheim II mit, dass am 16. Mai 2023 der Rückbau mit der entsprechenden Genehmigung des baden-württembergischen Umweltministeriums offiziell begonnen hat. Seither verfüge das AKW für die Stromproduktion über keine Betriebsgenehmigung mehr, teilt die EnBW mit.
Seit Sommer 2024 ist den Angaben zufolge auch der Primärkreislauf der Neckarwestheimer Anlage nicht mehr intakt, weil die Hauptkühlmittelleitungen durchtrennt und demontiert wurden. Richtung Jahresende 2024 sollen die Vorbereitungen für die Zerlegung der Einbauten des Reaktordruckbehälters beginnen, teilt der Karlsruher Konzern mit.
Für Energieversorger EnBW ist Rückkehr zur Atomkraft kein Thema
Die EnBW verweist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass man bereits im Jahr 2012 einen Masterplan zum Thema Kernkraftwerke beschlossen habe. Dessen Grundpfeiler sind: Bekenntnis zum Atomausstieg, Begreifen des Rückbaus der Kernkraftwerke als Teil der Energiewende, Erarbeitung einer umfassenden Rückbaustrategie und die sichere Umsetzung des Rückbaus mit größtmöglicher Effizienz und Konsequenz. Für die EnBW ist klar: "Eine Diskussion über die weitere Nutzung der Kernkraft hat sich für uns vor diesem Hintergrund erledigt."

Selbst wenn der Gesetzgeber dennoch eine Rückkehr zur Atomkraft beschließen würde, wären noch zahlreiche Hürden zu überwinden. Zum einen würde es ziemlich lange dauern, bis die Kernkraftwerke wieder Strom produzieren würden. Experten rechnen mit ein bis zwei Jahren, weil notwendige Sicherheitsprüfungen durchgeführt werden müssten, die alle wesentlichen Komponenten der AKWs betreffen würden.
Die Frage ist zudem, wo die neuen Brennelemente für die Kernkraftwerke herkommen sollten. Russland ist einer der wichtigsten und größten Produzenten, fällt aber als Lieferant auf unabsehbare Zeit aus. Brennelemente aus Schweden oder den USA kämen als Alternativen in Frage, die aber deutlich teurer wären als jene aus Russland.
RWE-Manager: Comeback der Atomkraft wäre mit sehr hohen Kosten verbunden
Die hohen Kosten sind eines der wichtigsten Argumente gegen ein Comeback der Atomkraft. RWE-Chef Markus Krebber sagt kürzlich, eine Rückkehr zur Atomenergie sei „sehr unrealistisch“. Als Grund nannte der Manager die lange Vorbereitungszeit und die hohen Kosten. Ein Blick nach England zeigt, was Krebber meint. Der Neubau des Atomkraftwerks Hinkley Point C verteuert sich auf fast 50 Milliarden Euro, und der Abriss des Kernkraftwerks Sellafield wird 163 Milliarden Euro verschlingen. Wo die nötigen Milliarden angesichts der schwierigen Haushaltslage herkommen sollen, ist völlig unklar.
Es fehlen Fachkräfte für ein Wiederhochfahren der Atomkraftwerke
Neben der ungeklärten Endlagerfrage spricht noch ein weiteres Argument, das oft vergessen wird, gegen eine Rückkehr zur Atomkraft: Es fehlt das notwendige Fachpersonal. Denn viele der rund 2000 Fachkräfte, die in den deutschen Kernkraftwerken gearbeitet haben, haben sich nach dem Atomausstieg längst anderweitig beruflich orientiert. Und jene Mitarbeiter, die die Meiler gerade abwickeln, würden für ein Wiederhochfahren nicht ausreichen.
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Kommentare
David Gramatzki am 16.11.2024 23:10 Uhr
Die Behauptung im Artikel, Russland sei "einer der wichtigsten und größten Produzenten" von Brennelementen, ist vollkommen falsch.
Russland hat nie Brennelemente für westliche Reaktortypen geliefert.
Entsprechend unsinnig ist auch die Behauptung, solche aus Schweden oder den USA seien "deutlich teurer". Dorther bekommen westdeutsche Kernkraftwerke ihre Brennelemente seit langem, oder aus der heimischen Brennelementfertigung bei der ANF in Lingen.
Bitte korrigieren!
Günther Knapp am 15.11.2024 14:12 Uhr
Wann kommen die Befürworter der AKW endlich mit Lösungen für die Enlagerungen? Auch Söder möchte kein Endlager in Bayern. Er könnte schlecht verkaufen zum Endlager in Freiustaat ja zu sagen, im Gegensatz zu den Forderungen AKW zu betreiben!