Warum der Immobilienmarkt ins Wanken gerät, und warum der Effekt nicht nur schlecht ist
Experten prophezeien weiter steigende Immobilienpreise. Doch eine Reihe von Hiobsbotschaften deuten auf eine Marktkorrektur hin. Die könnte sich auch für Mieter positiv auswirken – wenn auch nicht kurzfristig, analysiert unser Kollege.

Das Ifo-Institut hat analysiert: In den nächsten zehn Jahren werden Immobilien in Deutschland im Wert um jährlich gut sieben Prozent zulegen. Damit würde sich ihr Preis in zehn Jahren verdoppeln. Angesichts solch scheinbar glänzender Aussichten fragt man sich, warum jetzt trotzdem eine Immobilienkrise anbricht und Bauträger vermehrt Insolvenz anmelden. Zumal es bundesweit an Wohnraum mangelt.
Die Marktbereinigung kommt dennoch nicht überraschend. Denn die Prognosen, dass Immobilienpreise langfristig steigen, sind nicht neu. Alle Akteure auf dem Immobilienmarkt wussten, dass jeder investierte Euro gut verzinst wird. Und so sind auch viele ans Limit gegangen in ihrer Kalkulation - an Limits, die in der Niedrigzinsphase teils weit über das gesunde Maß hinaus verschoben wurden.
Immobilienverkäufer müssen in Einzelfällen runter von ihren Preisvorstellungen
Preissteigerungen für mehrere Jahre wurden so einfach vorweggenommen. Wer seine Kalkulation auf überzogene Erwartungen stützte, erfährt jetzt die Kehrseite dieses riskanten Marktumfelds. Denn der Markt ist vorübergehend zum Erliegen gekommen. Damit sinken natürlich die Preise, auch wenn Handwerker, Bauträger, Projektentwickler und Makler das Gegenteil versichern. Bei einigen Gewerken am Bau werden nun Nachlässe von 20, 30 Prozent gegenüber den Angeboten des Vorjahres gewährt. Ein Blick auf die Online-Portale zeigt ebenfalls den Knick. In Einzelfällen müssen Immobilienverkäufer um 10 oder auch 20 Prozent runter von ihren Preisvorstellungen - und bekommen die Wohnung oder das Haus trotzdem nicht verkauft. Ein sicheres Zeichen für vorherige Übertreibungen.
Der Trend aber ist klar: Gut elf Prozent etwa liegen die Preise in Stuttgart unter dem Allzeithoch des vergangenen Jahres, hat das Verkaufsportal Immowelt berechnet. In Hannover beträgt das Minus 17 Prozent.
Kein Vergleich mit der Immobilien-Krise aus den Jahren 2008/2009
Was in den nächsten Monaten auf dem Immobilienmarkt bevorsteht, lässt sich kaum absehen. Sollte durch die jüngsten Insolvenzen wie die von Paulus-Wohnbau aus Pleidelsheim wirklich ein Domino-Effekt entstehen, sind die Auswirkungen auf jeden Fall gravierend. Dann wird die Angst, die derzeit schon spürbar ist, auch zu irrationalen Entscheidungen führen - alles auch schon zu beobachten nach der Finanzkrise 2008/2009.
Allerdings ist die aktuelle Lage damit nur bedingt vergleichbar. Damals glaubten viele Experten, dass langfristig weniger, nicht mehr Wohnraum in Deutschland benötigt wird. Zugleich befand sich die gesamte Branche nicht in einem Überhitzungszustand. Preise bewegten sich in einem gewissen Gleichgewicht, das kurzfristig neu austariert wurde. Erst danach gab es nur noch eine Richtung: die nach oben. Das gilt übrigens noch immer für die Mieten - ein Hinweis, dass die Durststrecke keine Jahre dauern dürfte.
Vielleicht auch für die Umwelt gar nicht so schlecht
Aus diesem Grund ist in dieser Krise auch die Chance zu erkennen. Eine gewisse Korrektur ist notwendig. Was hätte es Mietern gebracht, wenn weiterhin fast ausschließlich Wohnungen gebaut werden, die für 20 Euro pro Quadratmeter und mehr vermietet werden müssten. Der Abstand zwischen den Mieten im sozialem Wohnungsbau und dem, was für gehobene Ausstattung in akzeptabler Lage verlangt wird, ist inzwischen so groß, dass für Normalverdiener kaum noch etwas bleibt.
Das behindert im Übrigen auch noch Investitionen in klimafreundliche Maßnahmen. Dass Bundesbauministerin Klara Geywitz jetzt auf die Verschärfung von Vorgaben verzichtet, ist nicht nur kurzfristig richtig. Auch hier muss es der Markt regeln - vorausgesetzt, der CO2-Preis hat eine angemessene Höhe.
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