Wir können nicht alles mit Militärjets lösen
In den USA ist Babynahrung knapp. Das wirft ein Schlaglicht auf die Verwerfungen, mit denen wir es mittlerweile zu tun haben, erläutert unser Autor.

Zwei Säuglinge sind tot, mutmaßlich ist eine bakterielle Verunreinigung der Milch dafür verantwortlich. Also steht die größte Babynahrungs-Fabrik der USA still, wenig später sind die Regale leer und das Militär des mächtigsten Landes der Erde muss Nahrung aus anderen Ländern einfliegen, damit Kinder nicht verhungern. Da ist einiges verrückt - und zwar auf so vielen Ebenen.
Nicht zielführend heißt nicht komplett daneben
Verrückt ist an erster Stelle die Diskussion, die sich in den US-Medien nun daraus entsponnen hat. Ausgelöst wurde sie unter anderem durch einen Tweet der Schauspielerin Bette Middler, die vorschlug, einfach mal das Stillen zu probieren: "Try Breastfeeding."
Ein Tipp, der vielen in den Kopf kommen mag, bei genauerer Betrachtung aber natürlich wenig zielführend in der aktuellen Notlage ist. Eine Mutter, die abgestillt hat, kann nicht einfach wieder loslegen. Und es gibt zig weitere Gründe, warum es im Einzelfall nicht infrage kommt, einem Kind die Brust zu geben. Angebracht wäre also eine differenzierte Diskussion, die Eltern auch dabei hilft, jetzt nicht das Falsche zu tun.
Die Polarisierung geht weiter
Stattdessen geht die in der Trump-Ära beschleunigte und in der Corona-Zeit fortgeführte Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft weiter. Nicht unschuldig daran sind auch die liberalen und linksgerichteten Medien, die offenbar kein Interesse mehr an Zwischentönen haben.
Teilweise wird sogar in Abrede gestellt, dass Stillen positive Effekte hat. Die Logik dahinter: Wäre es so, dann würde das wohl jeden diskriminieren, der ohne Muttermilch aufgewachsen ist. Fürs Stillen zu plädieren sei eine Beleidigung für Frauen, die sich aus rationalen Gründen gegen das Stillen entschieden haben.
Dass solche Argumente jetzt wie aus der Pistole geschossen kommen, liegt auch daran, dass sich auf der anderen Seite viele Konservative in ihrer Überzeugung bestätigt sehen, dass ausschließlich Muttermilch für Kleinkinder vorgesehen ist. Und zusätzlich aufgeheizt war die Stimmung bereits durch den drohenden Fall des Rechts auf Abtreibung. Es ist ein Kulturkampf.
Der Verbraucher im Hamsterrad
Verschoben hat sich auch einiges beim Verbrauchervertrauen. Der Ausfall eines Milchpulverproduzenten hätte zwar auch in früheren Jahren zu Problemen geführt. Doch durch die Pandemie wurde der Lieferengpass zum Normalzustand. Menschen reagieren immer schneller darauf - indem sie hamstern.
Jede Nachricht von einem drohenden Mangel an was auch immer führt dazu, dass Lager gefüllt werden, und zwar nicht nur beim Privatverbraucher. Die besten Geschäfte kann man schließlich mit knappen Gütern machen.
Stabile Preise gehören der Vergangenheit an
Das alles gehört nun auch zum "neuen Normal", von dem immer wieder gesprochen wird. Denn weder der Kulturkampf zwischen Links und Rechts, noch die Spekulation mit lebenswichtigen Produkten wird aufhören, wenn die Babymilch-Fabrik in Michigan wieder läuft und die Regale wieder gefüllt sind.
Weitere Lieferketten werden reißen, stabile Preise gehören der Vergangenheit an. Die Welt ist unberechenbar geworden. Was heute Chips und Milchpulver sind, ist morgen Weizen oder Gummi.
Die Frage ist, wie wir darauf reagieren können. Eines ist sicher: Schuldzuweisungen bringen uns nicht weiter. Der Wunsch, dass alles wieder wird wie früher, ändert nichts. Wenn aber nicht jedes fehlende Produkt mit Militärjets durch die Welt geflogen werden soll, dann brauchen wir neue Mechanismen, die einen Markt auch dann funktionsfähig halten, wenn irgendwo ein Tanker quersteht oder eine Fabrik ausfällt.
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