Altman und OpenAI: Was für eine schöne Heldengeschichte
Nach den Chaos-Tagen sieht es aus, als gehörte Microsoft auf jeden Fall zu den Guten. Doch wo bleiben die Europäer, fragt sich unser Autor?
Die Tech-Welt hat einen neuen Helden. Sam Altman heißt er, und er war bis vor kurzem nur den KI-Jüngern mit Namen bekannt. Jetzt kennt ihn so gut wie jeder, seitdem er von seinen Gegenspielern aus dem Chefsessel von OpenAI, der Firma hinter dem so überraschend intelligenten ChatGPT, gekippt wurde.
Was folgte waren Chaos-Tage. Auf Ex-Twitter, heute X, gibt es Liebesbekundungen und dazu einen offenen Brief, unterschrieben von mehr als 500 OpenAI-Mitarbeitern, die mit Kündigung drohen, sollte ihr Sam nicht wieder an der Spitze der Firma installiert werden. Unterschrieben sogar von jenem reuigen Ilya Sutskever, der im Verwaltungsrat vergangene Woche noch dafür stimmte, Sam Altman zu entlassen. Was für eine Geschichte.

Wie auch immer sie kurzfristig weitergeht, das Silicon Valley hat gezeigt, wie es auch von der guten Story lebt. Dabei geht es hier überraschenderweise nicht um Klein gegen Groß, um die Garagengründer und den Tech-Konzern. Bei genauem Hinsehen ist das mächtige Microsoft sogar in jedem Fall ein Gewinner. Der Gigant stand sofort an der Seite von Sam Altman und ist in seinen Botschaften der gütige Onkel, der nur möchte, dass es den Guten auch gut geht. Wer die Guten sind, das lässt sich zwar schwerlich noch analysieren. Es entscheiden aber ohnehin inzwischen die Massen in den sozialen Medien.
Hollywood lässt grüßen
Damit läuft ein Hollywood-Streifen in Echtzeit, der Betrachter begleitet das Treiben staunend. Vor allem die Europäer sind hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, sich der Fanschar anzuschließen, und der Erkenntnis, dass wir mit diesen Amerikanern auf keiner Ebene mithalten können.
Das gilt für die finanzielle Ebene. Die Bewertung aller relevanten europäischen KI-Startups zusammengerechnet reicht kaum in den Milliardenbereich. OpenAI soll bei 80 Milliarden Dollar liegen, sein Verfolger Anthropic bei 20 bis 30 Milliarden. Es ist eine andere Liga.

Das gilt aber auch für die emotionale Ebene. Als auf der Titelseite des "Handelsblatts" kürzlich der europäische Hoffnungsträger Jonas Andrulis majestätisch wie eine Marmorbüste in die Ferne blickte, waren sich selbst die Macher der Zeitung ein wenig unsicher, ob das nicht zu viel der Ehre ist − nebenbei: Das sind sehr wichtige Überlegungen aus journalistischer Sicht. Man sieht jetzt allerdings, wie wenig Hemmungen jenseits des Atlantiks an diesem Punkt bestehen.
Persönlichkeiten machen den Unterschied, auch hier
Immerhin hat es dieser Jonas Andrulis mit seinem Start-up Aleph Alpha geschafft, mit Hunderten Millionen Euro aus Heilbronn und Neckarsulm zumindest einen letzten Funken Hoffnung zu erhalten, dass es auch eine konkurrenzfähige KI geben könnte, in deren neuronalen Verschaltungen auch europäische Werte verankert sind. Es muss jetzt nur sehr vieles sehr schnell gehen.
Für die Begabtesten in der Branche sind Persönlichkeiten wie Altman und Andrulis entscheidend dafür, wo sie ihre Fähigkeiten einbringen. Man darf also hoffen, dass Andrulis das kleine bisschen Heldenverehrung nicht gleich zu Kopfe steigt.
Was Sam Altman und OpenAI angeht: Vielleicht ist es gar kein 90-Minuten-Epos mit Happy End, sondern eine Netflix-Serie. Wir befinden uns am letzten Cliffhanger, am vorläufigen Höhepunkt von Staffel eins. Es erwarten uns weitere überraschende Wendungen. Popcorn, bitte!
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