Jens Rassweiler (70) war bis zu seiner Pensionierung Medizinischer Direktor der Urologischen Klinik am SLK-Klinikum am Gesundbrunnen in Heilbronn. Heute behandelt er Privatpatienten in einer Praxis in Heilbronn und operiert in Teilzeit am Klinikum in Sindelfingen sowie an der Uniklinik in Tübingen.
Urologe zu Prostatakrebs: „Irgendwann muss man den Finger in den Po stecken“
Joe Biden hat Prostatakrebs. Der Heilbronner Urologe Jens Rassweiler findet es schwer vorstellbar, dass die Erkrankung beim früheren US-Präsidenten nicht schon früher entdeckt wurde.
Die Krebsdiagnose des früheren US-Präsidenten Joe Biden hat den Fokus auf die Früherkennung der zweithäufigsten Krebserkrankung beim Mann gerichtet: das Prostatakarzinom.
Professor Jens Rassweiler, der bis zu seiner Pensionierung Chefarzt an den SLK-Kliniken war und nun unter anderem an der Uniklinik in Tübingen operiert, ordnet die Diagnose ein. Und er nimmt Stellung zu der seit Jahrzehnten gängigen Standard-Methode in der Früherkennung - der rektalen Tastuntersuchung.
Prostatakrebs bei Joe Biden lenkt Aufmerksamkeit auf Früherkennung beim Mann
Professor Rassweiler, waren Sie überrascht von Joe Bidens Erkrankung?
Rassweiler: Ehrlich gesagt schon. Eigentlich ist es für mich unvorstellbar, dass man bei ihm Prostatakrebs mit einem Gleason Score 9 findet. Ich dachte bisher, dass ein US-Präsident regelmäßig, vielleicht einmal jährlich, untersucht und zumindest der PSA-Wert gemessen wird. Da hätte das schon viel früher auffallen müssen. Bei uns Ärzten macht man das auch zweijährlich, wegen der Strahlenbelastung, der wir ausgesetzt sind. Dass der Krebs offenbar nun gefunden wurde, weil Biden wegen Beschwerden beim Wasserlassen medizinische Hilfe gesucht hat, erstaunt mich schon.

Was bedeutet dieser Gleason-Score?
Rassweiler: Das ist eine Einheit zur Beurteilung der Aggressivität von Prostatakrebs. Der am wenigsten aggressive Wert ist 6, der aggressivste 10. Ein Gleason-Wert ab 8 gilt als hohes Risiko. Und trotzdem habe ich Hoffnung für die Behandlung von Biden.
Gleason-Score bewertet die Aggressivität von Prostatakrebs entscheidend
Worauf fußt diese?
Rassweiler: Es gibt neuartige Hormontherapien, die sehr gut sind, zumindest wenn sie früh angewandt werden.
Sie haben das PSA-Screening angesprochen. In Deutschland ist das nach wie vor keine standardisierte Kassenleistung zur Früherkennung. Stattdessen setzt man seit Jahrzehnten auf die rektale Tastuntersuchung. Ist das noch zeitgemäß?
Rassweiler: Ein PSA-Screening kann ein Einstieg sein. Ein erhöhter Wert allein sagt aber noch nichts aus, deshalb bringt es auch nichts, das als isolierte Reihenuntersuchung einzuführen, wie zum Beispiel das Mamma-Screening beim Brustkrebs. Es braucht immer mehrere Auffälligkeiten, um ein Risiko oder eine Erkrankung zu diagnostizieren. Was es bräuchte, wäre ein mehrstufiges Verfahren zur Früherkennung von Prostatakrebs.
Prostatakrebs diagnostizieren – zur richtigen Zeit handeln
Mit Tastuntersuchung?
Rassweiler: Also irgendwann muss man schon mal den Finger in den Po stecken und tasten. In Kombination mit dem PSA-Wert ergibt sich daraus eine Bild. Wer zum Beispiel eine normale Prostata hat und einen PSA-Wert, der nur leicht erhöht ist, bei dem reicht normalerweise eine Kontrolle in vier bis fünf Jahren. Einen auffälligen Befund aus diesen beiden Faktoren kann man bei Bedarf im transrektalen Ultraschall - also Ultraschall durch den After - gegenchecken, zum Beispiel um Prostatasteine auszuschließen, die sich manchmal auch hart tasten. Ein MRT zur Abklärung wäre dann die nächste Stufe. Danach, bei Bedarf, eine Biopsie. Damit wird Gewebe entnommen und dann untersucht.
Warum entfernt man bei einem auffälligen Befund die Prostata nicht gleich ganz?
Rassweiler: Das habe ich auch lange nicht begriffen. Fakt ist: 80 Prozent der Männer, bei denen irgendwann ein Tumor an der Prostata entdeckt wurde und die einen niedrigen Gleason-Wert 6 haben, leben damit gut weiter. Der Krebs schreitet nicht fort.
Und die anderen 20 Prozent?
Rassweiler: Da geht es eben drum, die Progression zu genau der richtigen Zeit zu entdecken, um dann handeln zu können.
Im Schnitt tritt Prostatakrebs mit 64 oder 65 Jahren auf
Nochmal: Warum löst man das Problem nicht gleich?
Rassweiler: Ein wichtiger Punkt ist die Potenz. Die kann nach einer Entfernung der Prostata weg sein - oder es dauert Jahre, bis sie zurückkommt. Wobei es inzwischen eigentlich so ist, dass Männer, bei denen der Prostatakrebs früh entdeckt wurde und die vorher keine Probleme mit der Potenz hatten, auch nach der Operation keine haben. Bei 30 Prozent klappt es aber danach nicht mehr, sie haben schlechte Karten. Im Schnitt tritt der Krebs mit 64 oder 65 Jahren auf, da ist die Potenz häufig schon nicht mehr so vorhanden. Inkontinenz ist dagegen eigentlich kein Problem mehr heute, da hat sich sehr viel getan.
Ihre Fachgesellschaft plädiert für eine Änderung der medizinischen Leitlinien. Die Tastuntersuchung zur Früherkennung soll demnach bald passé sein. Was halten Sie davon?
Rassweiler: Ich war selbst an den Beratungen beteiligt und würde sagen: Die Welt hat sich weitergedreht. Die Tastuntersuchung ist altes Zeug und zur Früherkennung nicht geeignet. Wenn die Prostata so verändert ist, dass man das bereits tasten kann, ist es zu spät und keine Vorsorge. Der PSA-Wert ist dagegen lange da, wir Ärzte können damit umgehen und verstehen, was er bedeutet. Wir sollten also das Verfahren umdrehen und die Erhebung des Werts an den Anfang des Prozesses zur Früherkennung stellen. Aber wie gesagt: Tasten muss man trotzdem als ergänzende Untersuchung.

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