Aus Rotterdam stammen die Architekten, die den Heilbronner KI-Park Ipai planen: MVRD ist ein international erfolgreiches Büro, dessen leitende Architekten wie Winy Maas oder Jacob van Rijs Starcharakter haben. MVRD ist nur eines von vielen Büros mit Weltrang in Rotterdam. Auch OMA von Rem Koolhaas hat sich mit Gebäuden wie der Kunsthalle oder dem De Rotterdam in seiner Heimatstadt international einen Namen gemacht.
Aus dem rauen Rotterdam ist ein Labor für urbane Transformation geworden
Holzhäuser, grüne Dächer und neue Mobilität: Rotterdam hat seine Fehler der Nachkriegsplanung korrigiert und schafft heute Räume für Menschen, Natur und Gemeinschaft.

Deutsche Bomber machten Rotterdam im Jahr 1940 dem Erdboden gleich. Das historische Stadtzentrum der niederländischen Hafenmetropole verschwand, zurück blieb ein „weißes Blatt“, wie es häufig umschrieben wird. In der Nachkriegszeit entschieden sich die Stadtplaner dann bewusst gegen den Wiederaufbau der verwinkelten Gassen und historischen Gebäude – und für einen Neubeginn mit moderner, innovativer Architektur. So entstand eine Skyline mit Wolkenkratzern, die der Stadt die Bezeichnung „Manhattan an der Maas“ einbrachte.
Rotterdam wurde nach dem Zweiten Weltkrieg radikal modern wieder aufgebaut
Das neue Rotterdam wurde radikal modern konzipiert, mit breiten Boulevards und Straßen nach amerikanischem Vorbild, die vor allem einem dienten: dem reibungslosen Verkehrsfluss. Zu diesem Konzept der autogerechten Stadt gehörte auch die strikte Funktionstrennung zwischen Wohnen, Arbeiten, Erholung und Verkehr. Die Planungen passten zum Geist der Zeit, führten aber dazu, dass viele Einwohner ihre Stadt als karg und menschenfeindlich empfanden. Rotterdam in den 1980er- und 90er-Jahren galt als hässliche, raue Stadt mit vielen Problemen – eine Stadt, um die Besucher lieber einen Bogen machten.

Rotterdam ist zur Metropole für kühne Architektur geworden
Das hat sich gründlich geändert. Die 700.000-Einwohner-Metropole ist zu so etwas wie der europäischen Hauptstadt für mutige Architektur sowie Ambitionen in Sachen Nachhaltigkeit und neuen Formen des Zusammenlebens geworden. Seit der Jahrtausendwende haben die Stadtoberen einen massiven und schnellen Kurswechsel in der Mobilitäts- und Stadtplanung vollzogen. Das zeigt sich an immer mehr Stellen im Stadtbild.
Die Coolsingel durch das Zentrum war einst eine vielspurige Hauptverkehrsachse für den Autoverkehr. Inzwischen schiebt sich mit jeder Ampelschaltung ein Schwall von Radfahrern jeden Alters über die zweispurig ausgebauten und abgetrennten Radwege an der Kreuzung von Coolsingel und Meent; Autos sind im Berufsverkehr nur wenige unterwegs.
Passend dazu wird an der Adresse Coolsingel 93 gerade ein Wolkenkratzer von 1953, der ein Bankhaus beherbergte und jetzt Denkmalschutzstatus hat, nach Kriterien des Pariser Klimaabkommens umgebaut. Die Architekten von Paul de Ruiter haben ehrgeizige Pläne: Sie wollen die charakteristische Nachkriegsarchitektur erhalten, aber gleichzeitig „das nachhaltigste Gebäude“ in Rotterdam schaffen – mit viel öffentlichem Raum und Platz für Nutzer und Firmen.

Königin Máxima hat das erste Holzhochhaus der Stadt eingeweiht
Ein anderer Leuchtturm ist gerade von Königin Máxima der Niederlande feierlich eröffnet worden: Sawa, ein Hochhaus aus Holz im historischen Lloyd-Quartier der Stadt, wo einst die Schiffe Richtung Asien ablegten. Bei der Form ließen sich die Architekten um Robert Winkel von den grünen Reisfeldern Indonesiens inspirieren, die terrassenförmig angelegt sind und „Sawa“ heißen.
Das Gebäude ist energieneutral; es soll üppig grün und ein Heim für Tiere sein, wenn die vielen Pflanzen auf den Terrassen erst angewachsen sind. Außerdem geht es Winkel und seinen Mitstreitern um die Förderung des sozialen Zusammenhalts. Alle Einkommens- und Altersgruppen sollen im Sawa ihren Platz finden; es gibt verschiedene Gemeinschaftsräume drinnen und draußen, wo sich die Bewohner treffen und Kinder toben können. Sawa sei der Beweis dafür, dass man Dinge anders machen könne, sagt Robert Winkel: „Es ist ein Modellprojekt für künftige Generationen und ein wichtiger Schritt in Richtung unserer Nachhaltigkeitsziele.“

Die Stadt gemeinsam entwickeln, das ist das Ziel
„Wir arbeiten alle für ein Ziel“, sagt Mattijs van Ruijven, der Chef der Stadtplanung im Rathaus von Rotterdam. Nach der Zerstörung 1940 sei die Stadt „monofunktional“ wieder aufgebaut worden; von diesem Konzept sei man inzwischen komplett weggekommen. Es sei viel besser, Wohnen, Arbeiten und Erholung zu kombinieren, „und der Weg dorthin soll weitergehen“ – das sei das gemeinsame Ziel aller Akteure der Stadtgesellschaft. „Bis Ende der 1990er-Jahre war die Stadt tot, inzwischen ist hier richtig was los. Aber es soll nicht alles geschliffen sein, wir wollen unseren rauen Charakter behalten, und manches darf auch hässlich sein.“
So werden Parks in der Stadt gebaut und öffentliche Strände, wie der am Rijnhaven. Ab 2030 sollen die Bewohner des Quartiers Kop van Zuid, einem ehemaligen Hafengebiet, sich direkt vor ihrer Haustür in den Sand legen, surfen und schwimmen können. Auch die Planungen für die Renaturierung einer alten Eisenbahnstrecke nach dem Vorbild des New Yorker High Line Parks laufen auf Hochtouren.
Der künftige Hofbogenpark, so der Name, soll der Erholung dienen und ist gleichzeitig eine Maßnahme für Wasserrückhaltung und Kühlung in Hitzeperioden. Auch der große Kreisverkehr am Hofplein, einstiges Betonbollwerk in der Nähe des Hauptbahnhofs, um das täglich Tausende Autos kreiselten, wird gerade zurückgebaut und soll mit einem Brunnen und viel Grün künftig von Menschen bevölkert werden.

Alle mit an Bord holen, damit die Transformation gelingt
Alle Bürger, Hausbesitzer und Unternehmer müssen mit an Bord sein, damit die Transformation gelingt, sagt Mattijs van Ruijven. Deshalb gibt es Formate wie die sogenannten „Dachtage“. Das ist ein Festival, bei dem öffentliche und inzwischen auch viele private Dächer zugänglich sind. So sollen die Besucher sich selbst ein Bild davon machen, was auf einem Dach alles möglich ist: Dachbegrünung, Wasserrückhaltung, Gemeinschaftsgärten, aber auch Freizeitangebote wie Tischtennisspielen oder Open-Air-Bars. „Wir haben eine Vision für unsere Stadt“, sagt van Ruijven. Es gehe darum, gemeinsam als Stadtgesellschaft voranzugehen, dabei auf der Identität und bestehenden Qualitäten aufzubauen und Bereiche wie Nachhaltigkeit, Gesundheit und Inklusion zu fördern: „making the city together“, nennt er das – die Stadt gemeinsam formen.
In Rotterdam scheint an immer mehr Stellen die Vision der künftigen Stadt durch
Das gelingt Schritt für Schritt. So ist Rotterdam immer noch an vielen Stellen eher Moloch, aber immer öfter scheint das Ziel durch – beim Verkehr vielleicht schon am deutlichsten. Das Angebot an Straßen- und U-Bahnen ist gut ausgebaut, leicht zugänglich, sauber und sicher, und Fahrräder haben Vorfahrt in der einstigen Autostadt. Am Bahnhof ist unterirdisch ein riesiges Parkhaus für Tausende Räder entstanden, in das man leicht hinein- und wieder hinausfahren kann. Ein Tunnel, exklusiv für Radler und Fußgänger, verbindet den Bahnhof Rotterdam Centraal auf direktem Weg mit dem Norden der Stadt. Tempo 30 soll demnächst überall gelten, um auch so zu zeigen: Autos sind nur Gast. Und während sie immer weniger Raum einnehmen, tritt die grüne, nachhaltige und bunte Stadt für die Menschen immer deutlicher hervor.

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