Probleme mit der Schilddrüse: Wie man sie erkennt und was man tun kann
Unterfunktion, Überfunktion: Schilddrüsenprobleme sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Der Facharzt für Innere Medizin Ralf Lobmann beantwortet die wichtigsten Fragen.

Die Schilddrüse ist ein kleines, schmetterlingsförmiges Organ, welches an der Vorderseite des Halses sitzt. Schilddrüsenprobleme gelten als Volkskrankheit. Doch was lässt sich dagegen tun und welche Fehlfunktionen gibt es überhaupt? Der Facharzt für Innere Medizin Ralf Lobmann vom Klinikum Stuttgart erklärt die wichtigsten Probleme und wie man sie behandelt.
Welche Funktion hat unsere Schilddrüse?
Ralf Lobmann: Die Schilddrüse ist ein zentrales Organ, welches unter anderem den Stoffwechsel und Wärmehaushalt des Körpers regelt. Sie ist entscheidend für Wachstum und Reifung, für Muskelaufbau und Knochenstoffwechsel. Außerdem ist sie wichtig für die Stimmung und Psyche. Es gibt, glaube ich, sehr viele vor allem ältere Menschen, bei denen man sagt "die haben eine Altersdepression". Wenn man sich aber die Schilddrüse anschauen würde, würde man sehen: Nein, die Patienten haben nur eine deutliche Unterfunktion.
Welche Hormone produziert die Schilddrüse?
Lobmann: Von der Schilddrüse werden zwei Hormone produziert, das T3- und das T4-Hormon, die in ihrer aktivierten Form an vielen Organen Rezeptoren, also Bindungsstellen, haben und damit unmittelbar deren Funktion beeinflussen.
Probleme mit der Schilddrüse sind ziemlich verbreitet – wie kommt das?
Lobmann: Man muss natürlich differenzieren, welchen Problembereich man betrachtet. Das wichtigste Element, das in die Schilddrüsenhormone eingebaut wird, ist Jod. So führt ein Jodmangel dazu, dass der Körper zu wenig Schilddrüsenhormone bilden kann und damit in eine Unterfunktion rutscht. Die Schilddrüse versucht das auszugleichen, indem sie wächst, um durch mehr Volumen mehr Jod herauszufiltern. Dadurch entsteht dann eine vergrößerte Schilddrüse, der sogenannte Kropf. Das sind Jodmangelerscheinungen, die man an der Küste beispielsweise deutlich weniger sieht – durch den Seefisch und die jodhaltigere Luft. Das zweite, was entstehen kann, sind Knoten. Das können Verdichtungen von Schilddrüsenzellen sein, die unter Umständen unkontrolliert zu viel produziert werden, das sind dann sogenannte "heiße Knoten", die zur Überfunktion führen. "Heiße Knoten" sind kein Anzeichen für eine Krebserkrankung.
Auch Autoimmunerkrankungen können zu Schilddrüsenproblemen führen. Was sind das für Erkrankungen?
Lobmann: Bei der Autoimmunerkrankung Morbus Basedow, eine von mehreren Ursachen für eine Schilddrüsenüberfunktion, ist Rauchen ein großer Risikofaktor. Bei Morbus Basedow werden durchgehend zu viele Schilddrüsenhormone gebildet, was zur Überfunktion führt. Die zweite mögliche Autoimmunerkrankung ist Hashimoto. Hier werden durch Antikörper schubweise unkontrolliert Schilddrüsenzellen zerstört. Das Schilddrüsenhormon wird während des Schubs ausgeschüttet und es kommt zu einer kurzen Phase der Überfunktion. Je häufiger so ein Schub passiert, desto mehr Schilddrüsengewebe wird zerstört. Dadurch rutschen die Patientinnen anschließend in eine zunehmende Unterfunktion. Sowohl von Morbus Basedow als auch von Hashimoto sind mehrheitlich Frauen betroffen.
Was sind Symptome einer Über- und Unterfunktion?
Lobmann: Bei der Überfunktion kommt es zu einem erhöhten Puls und Herzrasen, was durchaus auch in ein Vorhofflimmern übergehen kann. Die Patienten nehmen Gewicht ab, außerdem gehören Schwitzen, Zittern, Unruhe, Haarverlust oder Durchfall zu den Symptomen. Dem gegenüber steht die Unterfunktion. Zu den Beschwerden zählen Gewichtszunahme, Frieren, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, eher trockene Haut, Nagelprobleme und Verstopfung. Diese Symptome für sich genommen sind nicht gefährlich, aber sie können Betroffene sehr stören.
Wie sieht die Therapie bei einer Unterfunktion aus?
Lobmann: Die Unterfunktion ist relativ einfach zu behandeln. Es gibt die Möglichkeit, das fehlende Hormon durch Tabletten zu ersetzen. Meistens wird ein T4-Präparat verwendet, das L-Thyroxin. Denn das ist der Vorläufer des biologischen aktiven T3-Hormons. Das heißt, der Körper kann sich soviel Hormon nehmen, wie er wirklich benötigt. Einnehmen sollte man die Tabletten morgens, eine halbe Stunde vor dem Frühstück. Am besten mit Wasser, nicht mit Tee oder Koffein, da das die enthaltenen Hormone zerstören kann. Wenn die Dosis nicht zu stimmen scheint, ist immer wichtig zu prüfen, ob die Einnahme wirklich regelmäßig und korrekt erfolgt. Bei gut eingestellten Patienten reicht eine Kontrolle der Schilddrüsenwerte einmal im Jahr aus.
Wie sieht die Behandlung der Überfunktion aus?
Lobmann: Bei der Überfunktion ist es nicht ganz so einfach, hier muss man schauen, was überhaupt die Ursache für die Überfunktion ist. Bei Morbus Basedow wird für mindestens 18 Monate in erster Linie mit Tabletten, welche die Schilddrüsenfunktion bremsen, behandelt. Bei circa 60 Prozent der Patienten heilt diese Funktionsstörung dann aus, man muss sie also nicht dauerhaft behandeln. Ist die Überfunktion dann immer noch vorhanden oder es tritt ein Rezidiv auf, kann man entweder ein weiteres Jahr medikamentös behandeln, oder man schlägt den Patienten eine OP oder eine Radio-Jod-Therapie vor. Was zweckmäßiger ist, kommt auf den individuellen Fall an.
Zur Person: Professor Ralf Lobmann ist ärztlicher Direktor für Endokrinologie, Diabetologie und Geriatrie am Klinikum Stuttgart.


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