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Bundesweiter Aktionstag

Chronische Schmerzen: Ursachen, Behandlung, Informationen

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Beim bundesweiten Aktionstag am Dienstag, 4. Juni, informiert das SLK-Klinikum am Plattenwald über chronische Schmerzen und deren Behandlung. Der Bewegung kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.

Rücken- oder Nackenschmerzen kennt fast jeder Erwachsene. Häufig ist der Grund dafür zu wenig Bewegung.
Rücken- oder Nackenschmerzen kennt fast jeder Erwachsene. Häufig ist der Grund dafür zu wenig Bewegung.  Foto: Aleksej/stock.adobe.com

Mehr als 12 Millionen Menschen in Deutschland sind von anhaltenden chronischen Schmerzen betroffen – also Schmerzen, die nach wissenschaftlicher Definition länger als drei bis sechs Monate andauern. Laut Deutscher Schmerzgesellschaft (DSG) dauert es bei über der Hälfte der Betroffenen mehr als zwei Jahre, bis sie eine wirksame Schmerzbehandlung erhalten, lediglich zehn Prozent werden demnach einem Spezialisten vorgestellt.

Am SLK-Klinikum am Plattenwald behandelt das Team Patienten mit einer großen Bandbreite von Schmerzen

Welche Behandlungsmöglichkeiten es bei chronischen Schmerzen gibt, darüber informieren Kliniken und andere Einrichtungen bundesweit am Dienstag, 4. Juni. Auch die Sektion für Schmerztherapie im SLK-Klinikum am Plattenwald ist dabei.

Oberärztin und Sektionsleiterin Dr. Sabine Paul und ihr Team behandeln Menschen mit chronischen Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Narbenschmerzen, Phantomschmerzen, zum Beispiel nach Amputationen. Sie kümmern sich um Patienten, die unter der chronischen Schmerzerkrankung Fibromyalgie leiden oder die Post-Zoster-Schmerzen haben, also Nervenschmerzen nach Gürtelrose. Paul betont: "Chronischer Schmerz gilt als eigenständiges Krankheitsbild." Bei der DSG heißt es: "Aktuell hat sich das Verständnis chronischer Schmerzen so verändert, dass alle Schmerzen als chronisch bezeichnet werden, deren Dauer über das Ausmaß einer akuten (frisch aufgetretenen) Ursache hinaus nicht nachvollziehbar lange anhält."

Viel sitzen und zu wenig Bewegung – das begünstigt Schmerzen

Dabei begünstigt die Lebensführung chronische Schmerzerkrankungen in vielen Fällen. Beispiel Rückenschmerzen. Knapp ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland leidet unter Rückenschmerzen. Der häufigste Auslöser: muskuläre Probleme durch zu langes Sitzen und zu wenig Bewegung. Auch Stress und Unzufriedenheit sind begünstigende Faktoren. "Sitzen ist das neue Rauchen" habe sich in der Medizin als geflügeltes Wort etabliert, um diesen Zustand zu beschreiben, sagt Paul. Schon Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bewegten sich viel zu wenig, seien als Folge vielfach unausgeglichen, motorisch eingeschränkt und zu dick. Was als akuter Schmerz in Folge dieses Lebensstils beginnt, kann chronisch werden.

So behandelt das Team am Plattenwald schon Patienten mit Anfang, Mitte 30, die unter anhaltenden Schmerzen leiden, erzählt sie. Bei diesen gelte es kurzfristig, durch Medikamente und Schmerzreduktion wieder mehr Bewegung zu ermöglichen. Langfristig gehe eine Verbesserung einher mit einer veränderten Lebensführung, sprich: mehr Bewegung, weniger Bildschirmzeit. "Bewegung kann man als Medikament begreifen", sagt Sabine Paul. Es sei entscheidend, dass es gelinge, diese Erkenntnis dauerhaft in konkretes Tun im Alltag umzusetzen. Viele Patienten müssten erst für sich selbst herausfinden, was ihnen gut tue, zum Beispiel regelmäßige Waldspaziergänge oder Sport in einer Gruppe, auch um das soziale Miteinander zu fördern: "Wenn es gelingt, diese Selbstwirksamkeit zu entwickeln, dann ändern sie auch etwas."

Wenn Medikamente falsch eingenommen werden, kann das ebenfalls zu Schmerzen führen

Ein großes Thema, mit dem das Team ebenfalls zu tun hat, ist der Fehlgebrauch von Medikamenten. Das geschehe oft unabsichtlich und weil Patienten sich über Wechselwirkungen von zum Beispiel hochdosiertem Ibuprofen und anderen Medikamenten nicht im Klaren seien, sagt Paul. "Wir müssen erst mühsam herausfinden, welche Medikamente über welchen Zeitraum hinweg verordnet und eingenommen wurden." Eine elektronische Patientenakte wäre "eine gigantische Erleichterung".

Eine falsche Einnahme von Schmerzmitteln kann zudem in zwei Richtungen Schmerzen begünstigen. Wenn Patienten ärztlich verordnete Medikamente nicht oder zu kurz einnehmen, kann das Gehirn für Schmerz sensibilisiert werden und dieser chronisch werden. Andererseits können zu viele Medikamente, zum Beispiel ohne ärztliche Verordnung präventiv eingenommen gegen Kopfschmerzen, dazu führen, dass die Schmerztoleranz sinkt: "Der Griff zur Tablette erfolgt dann immer schneller."

Chronische Schmerzen: Hype um Therapie mit Cannabis 

Auch die Therapie mit Cannabis werde heiß diskutiert, sagt Paul: "Viele hoffen auf ein Wundermittel, aber das ist es nicht." Cannabis werde nur eingesetzt, wo es nachweislich wirksam sei – und nur in Form von Öl oder Kapseln, weil diese eine konstante Wirkstoffmenge enthalten. "Wir verordnen keine Blüten."

 

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