Skinnytok ist ein Begriff, der sich aus „skinny“ (englisch für „dünn“) und „Tok“ (von TikTok) zusammensetzt. Der Trend idealisiert extrem schlanke Körper und stellt diese als anzustrebende Schönheitsnorm dar. Ähnlich äußerte sich der Heroin-Chic-Trend in den 1990er und 2000er Jahren. Der Trend wurde besonders in der Modewelt populär, dabei wurde ein extrem magerer, blasser, oft ungesund wirkender Look als „chic“ , attraktiv und erstrebenswert dargestellt.
Gefährlicher Trend „Skinnytok“ auf Social Media: Der Hungerwahn ist zurück
Die Zahl der Essstörungen bei jungen Mädchen steigt, die sozialen Medien sind ein Grund dafür. „Skinnytok“ nennt sich ein gefährlicher Trend, vor allem auf Tiktok. Eine Expertin ordnet ein, wieso Hungern idealisiert wird.
„Bist du ein Hund oder warum brauchst du eine Belohnung? Na siehst du.“ „Das musst du essen, um 40 Kilo zu wiegen.“ „Mach es für die Komplimente.“ Das sind typische Sätze aus Tiktok-Videos, die unter dem Trend und Hashtag „Skinnytok“ laufen.
Denn Body-Positivity und Körperakzeptanz waren gestern, jetzt sind der Schlankheits- und Hungerwahn mit ungesunden Körperbildern als Idealvorstellung zurück, besonders in Sozialen Medien. Wer die Hoffnung hatte, der „Heroin-chic“-Trend aus den 2000ern sei ein für allemal überwunden, hat sich geirrt. Hungern ist im Trend und das hat massive Auswirkungen auf junge Frauen und Mädchen.
„Skinnytok“ als Trend auf Tiktok: Massiv steigende Zahl von Essstörungen
Die Zahl der Essstörungen bei jungen Mädchen nimmt gravierend zu und Experten sehen Dynamiken in Sozialen Medien als einen zentralen Grund dafür. Laut einer Auswertung der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) sind die Zahlen von Magersucht, Bulimie und Binge-Eating (krankhafte Essanfälle) bei 12- bis 17-jährigen Mädchen um rund 50 Prozent angestiegen. Besonders gefährlich ist Magersucht: Keine psychische Erkrankung ist so tödlich, etwa 10 Prozent der Betroffenen sterben.
Sabine Dohme ist digitale Streetworkerin am Anad-Versorgungszentrum für Essstörungen des Awo Bezirksverbands Oberbayern und beschäftigt sich täglich mit Skinnytok. Als digitale Streetworkerin arbeitet Sabine Dohme wie eine „normale“ Streetworkerin, wie man sie beispielsweise aus der Drogenarbeit kennt. Nur, dass sie ausschließlich im digitalen Raum unterwegs ist.
Sie klärt über Essstörungen auf, weist auf sensible und problematische Inhalte hin und ist aktiv auf Foren unterwegs, wo sie nach auffälligen Beiträgen oder Verhalten von Nutzern sucht. „Wir drehen den herkömmlichen Beratungsprozess also um. Ich begebe mich in die digitalen Räume, um Betroffene aufzuspüren und Hilfe anzubieten.“
Essstörungen bei Jugendlichen – Problem verschärft sich durch Trends wie „Skinnytok“
Das Phänomen Skinnytok ist der Expertin vor ungefähr drei Monaten aufgefallen. Als mögliche Ursache sieht sie den Schlankheitswahn, der aus den USA „rüberschwappt“ und der hier auch durch Sport- und Beauty-Influencerinnen weitergetragen wird. „Man sieht es aber auch im Fernsehen: Bilder von einer extrem dünnen und zerbrechlich wirkenden Nicole Kidman oder Ariana Grande.“ So würden völlig unrealistische Bilder an junge Mädchen transportiert.
Warum genau dieser Schlankheitswahn wieder derart präsent ist, ist auch für Experten schwer festzumachen. Ein möglicher Grund könnte die Covid-19-Pandemie sein. Während dieser Zeit stiegen die Zahlen der Essstörungen stark an. „Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen derzeit das Gefühl haben, dass ihnen ganz viel entgleitet. Die Problemlagen werden immer größer, da kommt viel zusammen. Gerade Jugendliche glauben dann, sie müssten zumindest irgendetwas im Griff haben und das ist dann meistens die Essstörung“, erklärt Sabine Dohme.
Denn die Nahrungsaufnahme sei etwas, was sie selbst kontrollieren könnten. Kontrolle ist ein wesentlicher Bestandteil von Essstörungen und auch auf Tiktok stößt man schnell auf Videos mit Sätzen wie: „Wenn du nicht mal kontrollieren kannst was du isst, was kannst du dann überhaupt kontrollieren?“
Essstörungen: Vergleich mit der ganzen Welt erhöht Druck auf junge Frauen
Der Druck auf junge Frauen ist enorm, bestätigt auch Sabine Dohme: „In der heutigen Zeit sollen wir am besten alles gleichzeitig machen. Wir sollen schön, schlank, sportlich sein. Sollen die Geliebte, die Freundin, die Partnerin sein, aber auch erfolgreich im Beruf. Das führt zu einer massiven Überforderung, die auch schon junge Mädchen zu spüren bekommen.“ Früher habe man sich mit der Freundin oder Nachbarin verglichen. „Heute vergleiche ich mich durch die Sozialen Medien mit der ganzen Welt. Das erhöht den Druck ungemein.“
Hinzu komme, dass Frauen sich häufig abwertend gegenüber anderen Frauen verhalten würden - um selbst besser gesehen zu werden. All das komme von einer männlich geprägten Gesellschaft. „Wir reagieren ja seit Jahrhunderten darauf, was Männer uns widerspiegeln, was sie gerne hätten.“ Was Männer gerne hätten - davon versuchen sich Frauen, die für Gleichberechtigung kämpfen, seit Jahrzehnten freizumachen.
„Skinnytok“: Sport- und Fitnessinfluencer als Teil des Problems
Da Jugendliche sich vor allem im digitalen Raum aufhalten, sei es wichtig, ihr kritisches Denken zu schulen, sagt Sabine Dohme. Beispielsweise, was die Beurteilung von Sport- und Fitnessinfluencern angeht, die den Schlankheitstrend als Markt nutzen und ein zentraler Teil des Problems sind.
Der Markt ist riesig, es gibt unzählige Profile, die exzessiv Werbung für kalorienfreie Süßungsmittel und High-Protein-Produkte machen. „Das ist eine riesige Gelddruckmaschine und reiner Kommerz. Jeder Follower ist die Ware, jeder von uns. Das ist das, was wir den Jugendlichen klarmachen müssen.“ Um das zu erreichen, müsse zukünftig der Fokus noch mehr auf Prävention und Medienkompetenz liegen.

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