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Handchirurg Dr. Peter Hahn: "Unsere Hand macht unsere Kultur aus"

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Dr. Peter Hahn kuriert Hände, wenn diese nicht mehr machen, was sie machen sollen. Vor 20 Jahren hat er in Bad Rappenau die Handchirurgie der Vulpius-Klinik gegründet. im Interview spricht er über das Wunderwerk der menschlichen Hand.

Der Bad Rappenauer Handchirurg Dr. Peter Hahn fährt privat gern Motorrad und findet die Hand von Gunther Stilling vor der Volkshochschule in Neckarsulm reizvoll.
Foto: Andreas Veigel
Der Bad Rappenauer Handchirurg Dr. Peter Hahn fährt privat gern Motorrad und findet die Hand von Gunther Stilling vor der Volkshochschule in Neckarsulm reizvoll. Foto: Andreas Veigel  Foto: Veigel, Andreas

Hände greifen, fühlen, streicheln, schlagen. Hände können feinste Teile vom Boden aufheben, ein Handwerk ausüben, ein Instrument bedienen, winken oder eine andere Hand halten. 

 

Als Diagnostiker und Operateur haben Sie täglich mit Händen zu tun. Wann haben Sie Ihre eigene Hände das erste Mal bewusst wahrgenommen?

Peter Hahn: So als Vier- oder Fünfjähriger, als ich große Steinplatten versetzt habe, was meinen Eltern überhaupt nicht gefiel. Die sollten nämlich genau da liegen bleiben.

 

Haben Sie Ihre Hände damals als etwas Kraftvolles, Wirkungsvolles wahrgenommen?

Hahn: Ja. Ich habe verhältnismäßig große Hände - und ich hatte immer schon eine übermäßig große Handkraft.

 


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Welches Verhältnis hatten Sie dann als junger Mediziner zu (Ihren) Händen?

Hahn: Ich habe mich 1982 gegen Ende meines Studiums entschieden, etwas Manuelles zu machen: nämlich Chirurgie. Das griechische Wort Cheirurgía heißt ja Arbeiten mit der Hand. Ich bin nach der Allgemeinchirurgie in die plastische Chirurgie gegangen und mache jetzt seit 31 Jahren ausschließlich Handchirurgie.

 

Haben Sie als plastischer Chirurg gemerkt, dass eine funktionierende Hand für einen Menschen wichtiger ist als eine schöne Nase?

Hahn: Da muss man aufpassen: Plastische Chirurgie ist ja nicht nur plastisch-ästhetische Chirurgie, da geht es auch um Wiederherstellungen. Das ist ein tolles Fachgebiet. Aber ich bin ein Mensch, der bio-mechanisch denkt - und da lag mir die Hand mit ihren Bewegungen und ihrer Dynamik einfach näher.

 

Was sind die menschlichen Hände für Sie?

Hahn: Sowohl motorisch als auch sensibel beanspruchen die Hände im Gehirn die größten Areale. Das zeigt ihre herausragende Stellung. Unsere Hand macht unsere gesamte Kultur aus. Wir brauchen sie für die Technik, für den Bergbau und für die Feinmechanik. Wir sind uns oft gar nicht bewusst darüber, wofür wir unsere Hände einsetzen. Ein Ei fasst man anders an als einen Hammer: Wenn man jedes Mal die gleiche Kraft ausüben würde, würde einem entweder der Hammer aus der Hand fallen - oder das Ei wäre kaputt. Schauen Sie sich ein Kleinkind an. Eines der ersten Dinge, das es macht: Es fängt an zu greifen. Die Hand ist ein Organ, mit dem das Kind früh Kontakt mit der Umwelt aufnimmt. Bis die Bewegung etwa des Daumens im Hirn voll verschaltet ist, vergehen drei Jahre.

 


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So was macht man sich gar nicht bewusst!

Hahn: Aber wir müssen es wissen, weil wir bei Kindern, die ohne Daumen zur Welt kommen, Daumen rekonstruieren müssen. Wenn man dann aus dem Zeigefinger einen Daumen macht, muss man den Zeitpunkt kennen, wie lange es dauert, bis das alles im Gehirn verschaltet ist.

 

Welcher unserer Finger ist eigentlich der wichtigste?

Hahn: Der Daumen, aber der ist kein Finger, weil er vollkommen anders strukturiert ist und eine andere Funktion hat. Bei der Rekonstruktion etwa nach einem Unfall brauchen wir einen Daumen, möglichst zwei funktionierende Finger, alles darüber hinaus ist fast schon Luxus.

 

Das heißt, Sie können ganz viel Funktion durch eine Operation wiederherstellen?

Hahn: Das ist unsere Hauptaufgabe in Zusammenarbeit mit der Handtherapie, das sind speziell ausgebildete Physio- und Ergotherapeuten. Ohne die funktionieren komplexe Eingriffe nicht.

 

Sie haben vor 20 Jahren in Bad Rappenau eine medizinische Heimat gefunden. Als Einzelkämpfer sind Sie an der Vulpius-Klinik gestartet. Wie hat sich Ihre Abteilung seitdem entwickelt?

Hahn: Unsere Handchirurgie gehört zu den fünf bis zehn größten Abteilungen Deutschlands. Wir machen pro Jahr zirka 2600 Operationen und sehen geschätzt 5000 ambulante Patienten. Wir decken hier die gesamte Handchirurgie ab - von angeborenen Fehlbildungen bis Arthrose im Alter. Eines unserer Spezialgebiete ist die Erkrankung des Handgelenks und der Handwurzel. Da kommen die Patienten aus ganz Deutschland. Der verletzungsbedingte Verschleiß des Handgelenks ist bei uns ebenfalls ein großes Thema. Und dann machen wir natürlich sehr viel Dupuytren, das ist mein Spezialgebiet, da bilden sich in der hohlen Hand Bindegewebsschichten. Das ist größtenteils erblich bedingt. Und je weiter man in den Norden Europas kommt, desto häufiger gibt es das. Witzigerweise haben es auch die Neuseeländer, daher weiß man, dass die Wikinger sehr früh den Seeweg dorthin gefunden und ihre Gene dort gelassen haben.

 

Gibt es eine Operation, von der Sie sagen: Die hat mich besonders bewegt?

Hahn: Es bewegt mich, wenn man eine vermeintlich ausweglose Situation hat, aber dann doch eine Lösung findet.

 

Gibt es eine feste Zahl an unterschiedlichen Erkrankungen der Hand?

Hahn: Eine feste Zahl gibt es nicht. Ich kann aber auf das Standardwerk der Handchirurgie verweisen: Das ist zweibändig. Wir haben neun Beugesehnen, einen Haufen Strecksehnen, eine unendliche Anzahl an Knochen, Bändern, Nerven, kleine Muskeln und Stellmuskeln - und jedes kann eine Störung haben.

 

Je seltener eine Erkrankung, desto mehr Erfahrung braucht der Arzt, um sie zu erkennen?

Hahn: Das ist so. Dafür muss man viel gesehen haben. Und vieles kenne ich, weil es mir mal jemand gezeigt hat. Wenn was kommt, was selten ist, das Kiloh-Nevin-Syndrom oder eine angeborene Fehlbildung, dann rufe ich immer alle meiner Mitarbeiter zusammen, von denen ich weiß, dass sie das noch nicht gesehen haben.

 

Sie selbst haben von einem guten Lehrer profitiert - und wollen Ihr Wissen so auch weitergeben?

Hahn: Ja klar. Wir haben neun Handchirurgen hier ausgebildet, zirka 20 bis 30 Assistenzärzte. Seit 2006 lehre ich außerdem als Professor an der Universität Heidelberg.

 

Gibt es Verletzungen, die besonders fies sind? Sowas wie der Schnitt in den Finger beim Kochen?

Hahn: In Amerika gibt es ein Fest, bei dem Avocados gegessen werden - und beim Entkernen stechen sich die Leute regelmäßig das Messer in die Finger rein. Da warnen die amerikanischen Handchirurgen immer schon vorher: Achtung, nicht in die Hand schneiden! Silvester-Explosionsverletzungen an der Hand waren früher sehr häufig, da habe ich schon ganz schlimme Sachen gesehen. Und was eine Gemeinheit ist, ist der Kahnbeinbruch beim Abstützen, weil der häufig übersehen wird. Der neigt dann dazu, falsch zu verheilen - und dann hat man in fünf bis zehn Jahren eine Folgearthrose.

 

Was kann man unseren Händen Gutes tun?

Hahn: Sie aktiv einsetzen, sie aktiv benutzen.

 

Zur Person: Professor Peter Hahn ist seit 2002 Chefarzt der Handchirurgie der Vulpius Klinik in Bad Rappenau und seit 2006 Professor an der Universität Heidelberg. Zusammen mit Prof. Ulrich Lanz hat er ab 1992 die Klinik für Handchirurgie in Bad Neustadt/Saale aufgebaut. Bis 1991 war Hahn als plastischer Chirurg tätig. Seinen Facharzt für Chirurgie legte er 1989 ab, seine Facharztausbildung absolvierte er nach dem Studium in Bad Mergentheim bei Prof. Dr. Helmut Schaudig. Studiert hat Peter Hahn in Antwerpen und Heidelberg. Er ist 65 Jahre alt und lebt in Bad Rappenau

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