Trotz allem dankbar: Eppinger Flutopfer ein Jahr danach
Im Juni 2016 füllt sich die Franz Langs Wohnung innerhalb von Minuten mit Schlamm und Wasser. Der 74-Jährige verliert alles - doch er kommt mit dem Leben davon. Darüber ist das Flutopfer bis heute glücklich.

Vor einem Jahr hat ein verheerendes Unwetter in Eppingen Millionenschäden angerichtet. Franz Lang hätte diese Nacht fast nicht überlebt. "Ich bin glücklich", sagt der 74-Jährige heute - eine Geschichte von Zerstörung, Glück und Dankbarkeit.
Die kleine Wohnung im Eppinger Süden ist gemütlich eingerichtet. Aus dem Radio in der Küche trällert das französische Wohlfühlliedchen "Ballade des gens heureux." Ein Zufall, klar, aber doch sehr passend. "Die Ballade der glücklichen Leute." Dazu zählt sich auch Franz Lang.
Die "Horrorbilder", wie er sagt, quälen ihn nur noch selten. Etwa dann, wenn im Fernsehen über Flutkatastrophen irgendwo auf der Welt berichtet wird. Aber gelegentlich, erzählt er, gelegentlich wird er noch gefragt, wie das war in der Nacht auf den 25. Juni 2016. Lang steht vom Sofa auf, geht zur Terrassentür, hält die Hand über Kopfhöhe: "So hoch standen Schlamm und Wasser."
Wohnungstür wird vom Schlamm eingedrückt

In jener Nacht vor einem Jahr geht ein heftiges Gewitter über der Fachwerkstadt nieder. Lang wohnt in der Talstraße im Tiefparterre. Nachts um halb eins muss er zur Toilette, das rettet ihm wahrscheinlich das Leben. "Aus Toilette und Badabfluss schoss das Wasser in einem Strahl an die Decke", berichtet er. Lang geht nach vorn, als die Wohnungstür unter Getöse von Schlamm und Wasser eingedrückt wird. Das Wasser steigt "in Nullkommanix" auf 90 Zentimeter. 1,20 Meter, 1,50 Meter.
Lang will nach draußen, findet keinen Halt. Da schwimmt eine Mülltonne auf ihn zu. "Hätte mich die erwischt", ist er sicher, "es wäre aus gewesen." Überall um ihn herum zischt und blitzt es. Kurzschlüsse in den Leitungen. Lang schafft es, mit der Hand den Türrahmen zu erreichen, zieht sich ins Freie. Gerettet. Kaum auf sicherem Boden, denkt der Eppinger sofort an den jungen Mann nebenan. Ist ihm etwas passiert? Auch seine Wohnung ist bis zur Decke vollgelaufen. Doch schnell stellt sich heraus: Der Nachbar war nicht zu Hause. Er wird erst am nächsten Tag von den Flutschäden erfahren.
Wertsachen, Möbel, Geld - alles war fort

"Das kann man sich gar nicht vorstellen", sagt der 74-Jährige, wenn er heute zurückdenkt. Wertsachen, Möbel, Geld. Alles war fort. Versichert war Lang nicht, die Prämien waren hoch wegen der Überschwemmungsgefahr. Lang kommt zuerst bei den Nachbarn unter. Sie geben ihm eine Decke. Danach wohnt er zwei Tage in einer städtischen Notunterkunft, dann bei Verwandten, kämpft sich langsam zurück in einen Alltag - nicht so einfach ohne Ausweise, Bankkarten, Bargeld. "Ich dachte: Jetzt bis du ein Niemand."
Doch bis heute ist Lang überwältigt von der Hilfsbereitschaft - nicht so sehr von öffentlicher Seite. Dass es keine staatlichen Hilfsgelder für die Opfer gab, kann er bis heute nicht verstehen. Beeindruckend war für ihn die Unterstützung der Freunde, der Familie und vieler Eppinger. Modehändler Oliver Spiess schenkte Lang spontan Gutscheine, damit er sich mit neuen Kleidern eindecken konnte. "Alle haben gefragt: Brauchst du das, brauchst du das?" Heute ist der ehemalige Bahnmitarbeiter mehr denn je von dem überzeugt, was er schon immer zu seinem Leitsatz gemacht hatte: "Ohne die anderen bist du nichts."
Ein zugelaufenes Reh beruhigt ihn

Dabei, wieder auf die Beine zu kommen, half ihm auch eine rührende Episode. In den Wochen nach dem Unglück verirrte sich ein Reh in die Straße, wo Lang seine neue Mietwohnung gefunden hat. Das scheue Tier blieb über Wochen. "Es hat sogar auf meiner Terrasse geschlafen." Für den Eppinger war das beruhigend - und irgendwie ein Zeichen, dass es wieder aufwärts geht.
Nach vorne schauen kann er wieder, auch wenn Lang "diese ganz schlimme Zeit" sicher nie vergisst. Der Eppinger feiert jetzt jedes Jahr doppelt Geburtstag. Am Sonntag will er einen Gottesdienst besuchen.
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