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Öhringer Selbsthilfegruppe erstattet Anzeige nach rechtsextremem Facebook-Post

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Die Initiatorin der Öhringer Selbsthilfegruppe für Transidente Menschen stellt sich Anfeindungen entgegen und will über Vorurteile aufklären. Dabei war und ist auch ihr eigener Lebensweg ein Kampf um Akzeptanz. 


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Susanne Leiser zückt ihr Smartphone und zeigt das Foto eines Facebook-Kommentars: „Das hat jemand auf unserer Seite gepostet.“ Zu sehen ist eine Flagge mit rechtsextremer Symbolik: Hakenkreuz, SS-Totenkopf und Siegrune, das Emblem der SS. Der Post stammt von einem Nutzer, der sich „Tobias Krause“ nennt. Wahrscheinlich ist das nicht sein richtiger Name. Hinterlassen hat er das Foto Ende Dezember auf der Facebook-Seite der Selbsthilfegruppe für Transidente Menschen in Hohenlohe.

Susanne Leiser ist eine der Initiatorinnen der Selbsthilfegruppe, die sich regelmäßig in Öhringen trifft. „Wir haben das bei Facebook gemeldet und bei der Polizei angezeigt“, erklärt Leiser. Die Polizei bestätigt auf Nachfrage unserer Redaktion, dass die Staatschutz-Abteilung in diesem Fall ermittelt.

Appell in Telegram-Gruppe hetzt gegen Selbsthilfegruppe Transidenter Menschen

Es ist nicht der einzige Vorfall dieser Art. Beim Messenger-Dienst Telegram soll ebenfalls gegen die Selbsthilfegruppe gehetzt worden sein: In der Chat-Gruppe namens „Öhringen macht dicht“ seien die Termine der Selbsthilfegruppe sowie deren Treffpunkt gepostet worden mit einem Appell, der in etwa lautete: „Jetzt sind die auch schon in Öhringen, dagegen muss man doch was tun. Wir müssen unsere Kinder schützen.“

Susanne Leiser kämpft gegen die Diskriminierung von Transidenten Menschen in Öhringen. Ihre Selbsthilfegruppe erlebt Anfeindung aus rechtsextremen Milieu.
Susanne Leiser kämpft gegen die Diskriminierung von Transidenten Menschen in Öhringen. Ihre Selbsthilfegruppe erlebt Anfeindung aus rechtsextremen Milieu.  Foto: privat

Susanne Leiser will mit Aufklärung die Angst vor dem Unbekannten nehmen

Die Mitglieder der Selbsthilfegruppe sind verunsichert, „viele haben Angst vor Übergriffen“, berichtet Susanne Leiser. So kommt es auch, das die Termine der Treffen mittlerweile nicht mehr im Internet veröffentlicht werden. Bei den Treffen selbst ist die Tür verschlossen, der Sicherheit wegen. Leiser ist frustriert. Eigentlich habe man durch offene Türen jedem ermöglichen wollen, teilzunehmen oder aus Interesse und Neugier das Gespräch mit den Mitgliedern zu suchen. „Mir ist es ein Anliegen, über das Thema aufzuklären“, sagt Susanne Leiser. Denn sie ist überzeugt, dass mit Aufklärung die Angst vor dem Unbekannten bekämpft werden kann.

Verschlossene Türen seien kontraproduktiv, sorgten vielmehr dafür, dass Transidente Menschen noch weiter ins Abseits gedrängt werden. Leiser und die anderen Mitglieder der Selbsthilfegruppe haben längst das Gefühl, dass die Stimmung gegen Menschen wie sie, Menschen, die anders sind, kippt. „Wir waren, was die Akzeptanz in der Bevölkerung angeht, vor ein paar Jahren schon weiter.“ Diesen Rückschritt möchte Susanne Leiser aber nicht hinnehmen. 

Susanne Leiser kämpft jahrzehntelang gegen ihre Identität 

Leiser ist eine starke Frau. Das strahlt sie aus, das nimmt man ihr ab. Ihre Augen strahlen, wenn sie spricht, noch mehr, wenn sie lacht. Doch in der großgewachsenen Frau mit den rötlich-dunklen, halblangen Haaren, sah es jahrzehntelang anders aus. Mit nur elf Jahren versucht sie das erste Mal, sich das Leben zu nehmen. Sie weiß, dass sie anders ist. Und sie erinnert sich genau an den Moment, an dem sie glaubte, das nehme ihr das Recht, zu existieren.

„Mein Vater war Polizist und besuchte einen Lehrgang in Karlsruhe“, sagt Leiser. Zurück im beschaulichen Hohenlohe der 1970er Jahre, erzählt er der Familie von einer Travestie-Show, die er zusammen mit Kollegen gesehen habe. Begeistert berichtet der Vater von diesem Erlebnis, von den Männern in Kleidern, die auf hohen Stöckelschuhen laufen konnten. Susanne Leiser staunt, in ihr keimt Hoffnung: Vielleicht kann sie ihrer Familie gestehen, was sie schon mindestens seit ihrem sechsten Lebensjahr spürt und in jeder Sekunde zu verstecken versucht? Doch dann fällt der entscheidende Satz, der sich in das Gedächtnis der erst Elfjährigen einbrennt: „Die sind alle krank im Kopf.“ Für Leiser gibt es keinen Grund, den Vater zu hinterfragen. Für das Kind steht fest: Sie ist krank, für sie gibt es keine Hoffnung. 

Depressionen und mehrere Selbstmordversuche prägen das Leben von Susanne Leiser

Nach ihrem Selbstmordversuch will sie endlich „ein richtiger Junge sein“, so wie ihre drei Brüder. In der Öffentlichkeit gelingt ihr das, doch psychisch geht es ihr schlecht. Als Susanne Leiser 15 Jahre alt ist, verunglückt ihr Vater tödlich. Das Versteckspiel nun zu beenden, kommt für sie aber nicht infrage: „Aus Respekt für meinen Vater, habe ich erst recht versucht, ein Mann zu sein.“ 

Begriffe

Der Begriff „Transsexualität“ wird heute immer seltener verwendet, wenn es um Menschen geht, deren biologisches Geschlecht nicht mit der gefühlten Geschlechtsidentität übereinstimmt. Denn bei diesem Phänomen stehen weniger die Sexualität und sexuelle Ausrichtung als vielmehr die Identität, das Selbstbild des Menschen im Mittelpunkt. Daher wird heute vermehrt der passendere Begriff „Transidentität“ verwendet. Die meisten Betroffenen haben schon im frühen Kindesalter das Gefühl, „im falschen Körper gefangen“ zu sein

Mit 25 Jahren heiratet Leiser, wird mit 28 Jahren selbst Vater. „Über Jahre hinweg habe ich mir immer wieder heimlich Frauenkleidung, Schmuck oder Schminkutensilien gekauft“, berichtet sie von ihrem Versteckspiel. Auf die Einkäufe folgen immer wieder Reue und Selbstkorrektur: „Dann habe ich alles weggeworfen.“ Ein Teufelskreis, der sich immer und immer wiederholt. Die Phasen, in denen sie sich einigermaßen in der Rolle des Mannes halten kann, werden zunehmend kürzer, die psychische Belastung wird ein ums andere Mal zu viel: Selbstmordgedanken quälen sie, zwei weitere Selbstmordversuche scheitern, elf Jahre lang schluckt sie Anti-Depressiva. 2016 ist sie wieder an einem Kipppunkt. Doch dieses Mal entscheidet sie sich, ihr Leben zu ändern, statt es zu beenden. Da ist sie Mitte 50.

Seit Susanne Leiser sich geoutet hat, sind ihre psychischen Probleme verschwunden.
Seit Susanne Leiser sich geoutet hat, sind ihre psychischen Probleme verschwunden.  Foto: privat

Selbsthilfegruppe startet 2021 mit sechs Mitgliedern

„Der erste, bei dem ich mich geoutet habe, war mein bester Freund“, sagt Susanne Leiser und weiß, dass sie mehr Glück hatte als andere. Denn sowohl ihr bester Freund, die Kollegen bei der Arbeit als auch ihre Familie reagieren überwiegend positiv. „Meine Mutter war zu dem Zeitpunkt 79 Jahre alt. Sie sagte nur, sie habe sich immer ein Mädchen gewünscht, jetzt habe sie eine erwachsene Tochter.“ Auch Leisers Sohn nimmt es gelassen: „Papa, wir leben im 21. Jahrhundert. Wer damit nicht umgehen kann, der ist dumm.“ Depressionen und Selbstmordgedanken hat Susanne Leiser seitdem nicht mehr. Unter anderem diese Erfahrung motiviert Susanne Leiser schließlich, eine Selbsthilfegruppe zu gründen. „In der Region gab es zu dem Zeitpunkt keine, nicht einmal in Heilbronn.“ 2021 startete man in Öhringen mit sechs Teilnehmenden. Inzwischen sind es 13, Tendenz steigend. 

Susanne Leiser wird weiter versuchen, aufzuklären, Missverständnisse auszuräumen, Ängste zu nehmen, Anfeindungen nicht einfach hinzunehmen. Ihr Ziel: Als Mensch nicht nur toleriert, sondern akzeptiert zu werden, wie man ist.  

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