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Öhringen

WM in Öhringer Kneipe: Auch die Gäste gehen am Ende leer aus

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Das Café de Paris in Öhringen zeigt die deutsche Auftakt-Niederlage gegen Japan. Der Kneipenwirt lockt mit Bierfässchen, doch keiner tippt den Endstand richtig. Die Geste der Nationalelf überzeugt viele.

Von Philip-Simon Klein und Stefanie Pfäffle
Tristesse nach dem Schlusspfiff: Damir Dalaker (18) und Benjamin Seiz (19) haben auf einen Auftaktsieg gehofft. Über die 1:2-Niederlage sind sie bitter enttäuschend. Besonders die Abwehr habe zu viele Fehler gemacht.
Foto: Philip-Simon Klein
Tristesse nach dem Schlusspfiff: Damir Dalaker (18) und Benjamin Seiz (19) haben auf einen Auftaktsieg gehofft. Über die 1:2-Niederlage sind sie bitter enttäuschend. Besonders die Abwehr habe zu viele Fehler gemacht. Foto: Philip-Simon Klein  Foto: Klein, Philip-Simon

Das 2:1 gegen Japan hatte hier keiner auf dem Zettel, wortwörtlich. Daher ging auch kein Fan erfolgreich vom Platz - zumindest was den Wettbewerb um den korrekten Spielstand betraf, an dem die knapp 20 Gäste des Café de Paris in Öhringen teilgenommen hatten. Stefanos Stefanidis hatte zum Einstieg der deutschen Mannschaft in die umstrittene Fußball-Weltmeisterschaft die Tore zu seiner Sportsbar im Gewölbekeller geöffnet. Der richtig erratene Endstand wäre mit einem Bierfässchen entlohnt worden.

Als das Spiel in den Anfangsminuten steckt, betont Stefanidis, dass er es schade findet, dass die WM zur kalten Jahreszeit stattfinde. "Und um 14 Uhr, da muss doch jeder arbeiten", sagt der Kneipenwirt, der auch nur in der ersten Halbzeit da sein kann - er baut gerade das HGV-Stüble für den Weihnachtsmarkt auf. Sein Bruder Niko Stefanidis glaubt, dass am Sonntag beim Spiel gegen Spanien bestimmt mehr Fußball-Fans kommen werden.

Auch beschwört Niko Stefanidis bessere Zeiten herauf, wie etwa bei der WM 2006 in Deutschland. Damals seien 5000 bis 6000 Zuschauer zum Public Viewing auf der Herrenwiese geströmt. Eine Runde von Stammgästen um Uwe Krass stimmt einerseits zu, denn "da hat das Wetter und alles gepasst", doch dann kommt man zum Schluss, dass es so wie zum "Sommermärchen wohl nie wieder werden wird".

 


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Krass hat ein Trikot auf dem Schoß liegen, sein Nebensitzer witzelt, er würde das nur bei einem Sieg überstreifen. Niko Stefanidis wirft ein, er habe das Leibchen Krass überreicht. Die Runde ist launig, beinahe aufgekratzt. Noch. Um Spielminute 20 platzt es aus Krass heraus: "Das ist doch alles statisch" - eine Vorahnung, möchte man meinen. Mit dem Tipp war der 56-jährige in die Vollen gegangen: 6:0, so sein Tipp. "Na ja, 2:1 tippt ja jeder".

Zuschauer blicken zwiegespalten auf politische Dimensionen der WM

Drei Schüler sind auch zur Kneipe gekommen: in Auswärts- und Heim-Trikots sind Benjamin Seiz (19) und Damir Dalaker (18) gekommen und haben ihren Kumpel Marco (18) mit dabei. Zur politischen Komponente dieser WM erklärt Dalaker, dass es zwar gut sei "wenn die Reichweite der Spiele genutzt werde" um sich für Menschenrechte einzusetzen, andererseits glaubt er, dass "sich jetzt nicht mehr viel verändern wird". Marco betont, dass die großen Verbände, die sich zu "europäischen Werten" verpflichten, dem auch nachkommen sollten.

Andrea (56) und Andreas (60) Müller aus Kleinhirschbach erkennen in der Geste der Nationalelf klar den Hinweis, dass man sich nicht den Mund verbieten lassen wolle. "Ich finde auch gut, dass sich die Sponsoren so klar positionieren und sich teilweise distanzieren. Aber die Stimmung vom Sport her kommt nicht so wirklich auf."

Viele Spiele wecken kaum Interesse, am ehesten noch die der deutschen Nationalmannschaft

Kurz vor dem Halbzeitpfiff in der Monkey Bar in Heilbronn. Pächter Markus Uhl hat in Sachen Schwarz-Rot-Gold ordentlich aufgefahren - Flaggen, Fähnchen, Girlanden, Blumenketten, Luftschlangen. Für ihn ist es die erste WM als Kneipier. "Bei den anderen Spielen war kein Interesse da, aber Deutschlandspiele ziehen halt doch noch", meint er zufrieden mit Blick auf die knapp 30 Gäste. Gleich im Eingangsbereich sitzt eine große Gruppe, die aber nicht "offiziell" da ist, wie zum Gesprächsstart sofort erklärt wird.

Alles klar, im hinteren Bereich sind weitere Tische mit Gruppen besetzt. Mario Schlotterbeck ist der einzige im Nationaltrikot. "So richtig Bock hab" ich nicht, die Stimmung ist einfach nicht wie im Sommer, jetzt ist Weihnachtszeit", stellt er fest. Zur Diskussion um die One-Love-Armbinde kann er nur sagen: "Wenn man 'nen Arsch in der Hose gehabt hätte, hätte man die Sanktionen akzeptiert, wenn es einem so wichtig ist."

Unbezahlt zum Spiel

Während der bezahlten Arbeitszeit dürfen Arbeitnehmer in der Regel wohl nicht Fußball schauen, wie die folgenden Beispiele aus der Region zeigen. Mitarbeiter des Sporthandelsverbunds Intersport in Heilbronn können zwar in der Sportsbar des Messezentrums Redblue alle Spiele der WM verfolgen. Sie müssen dazu allerdings ausstempeln und sich zuvor mit ihrer Abteilung abgesprochen haben. Das Interesse konzentriere sich momentan auf die deutschen Spiele, berichtet Vorstandschef Alexander von Preen. Bei der Würth-Gruppe in Künzelsau gibt es ebenfalls eine einfache Regelung, wie Pressesprecherin Sigrid Schneider erklärt: "Außerhalb der Arbeitszeit, also auch in den Pausenzeiten, steht es den Mitarbeitenden selbstverständlich frei, die WM-Spiele zu verfolgen."

 
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