Wenn Windräder mit Eisbrocken werfen
Die Bürgerinitiative Gegenwind Sindelbachtal sieht Gefahr für Spaziergänger durch herabfallendes Eis von Windrädern im Windpark Weißbach. Mehrere Eisbrocken wurden bereits auf dem Pfad der Stille gefunden. Der Windpark-Betreiber schätzt das Risiko eher gering ein.
Langsam mit einem dumpfen Knirschen bewegen sich die Autoräder über den Schnee. Wie jeden Tag ist der hiesige Jagdpächter auch am 22. Januar auf der Hohen Straße bei Weißbach unterwegs in seinem Revier.
"Ich bin etwa zehn oder 15 km/h gefahren, als plötzlich wenige Meter vor mir ein Eisbrocken auf der Straße aufschlägt", sagt der passionierte Jäger, der nicht namentlich zitiert werden möchte. Etwa 80 Zentimeter lang und 30 Zentimeter breit sei der Brocken gewesen. "Ich war erst Mal schockiert", berichtet er.
Windrad unweit des Weges als Ursache
Sofort vermutet er, dass das Eis von einem Windrad des Bürgerwindparks Weißbach stammt, das unweit der Straße steht. Der Jagdpächter informiert die Bürgerinitiative Gegenwind Sindelbachtal (BI) über den Vorfall.
Mitglieder der BI gehen vor Ort, machen Fotos von besagtem Eisstück und finden weitere Eisbrocken auf dem Pfad der Stille, der von Wanderern, Spaziergängern und Joggern auch im Winter rege genutzt werde.
Doch eigentlich dürften die Windräder bei Vereisung gar nicht laufen und damit kein Eis von den Rotoren schleudern. "Wir haben das bestmögliche und auch zertifizierte Eiserkennungssystem in den Anlagen eingebaut", erklärt Windpark-Betreiber Markus Pubantz. Gemeint ist das System Blade Control, das die Rotorblätter in Echtzeit überwacht.
"Ab einer bestimmten Vereisungsschwelle wird das Windrad automatisch außer Betrieb genommen. Sobald das Eis abgetaut ist, geht die Anlage wieder in Betrieb", betont Pubantz.
Eisabfall ist kein Eiswurf
Aber wie kam es dann zum Eiswurf? Markus Pubantz verweist darauf, dass es sich um Eisabfall vom stehenden Windrad handelte, keineswegs um Eiswurf eines sich drehenden Rotorblatts. Er widerspricht damit dem Jagdpächter, der sich an laufende Windräder erinnern will.
Pubantz ergänzt: "An diesem Morgen kam es früh zu Schneefall, der wegen seiner Nässe an den Rotorblättern haften blieb." Gegen Morgen sei Tauwetter aufgekommen, und der angehaftete und vereiste Schnee sei wie vorgesehen von den stillstehenden Rotorblättern abgefallen. "Eisabfall kommt überall vor, auch von Dächern, Hochspannungsleitungen, Bäumen oder von fahrenden Lkws", erklärt Markus Pubantz.
Weiterlesen: Wie man Eis an Windrädern erkennt
Nachdem die BI das Landratsamt und den Betreiber informiert, sind beide noch am selben Tag vor Ort und machen sich ein Bild. "Die Mitteilung der Bürgerinitiative, dass es einen Eiswurf im Windpark Weißbach gegeben hat, wird von uns sehr ernst genommen", betont Sprecherin Lisa-Marie Dörr auf Nachfrage. "Vom Betreiber haben wir Aufzeichnungen über die Funktion des Eiswarnsystems angefordert", ergänzt sie.
In den Genehmigungsunterlagen des Windparks habe das Landratsamt ein Überwachungssystem zur Früherkennung von Eisansatz an den Rotorblättern für sämtliche Anlagen festgeschrieben, teilt die Behörde mit.
Weiterhin sei angeordnet worden, dass Warnschilder auf die verbleibende Gefahr durch Eisabfall hinweisen müssen. "Wir haben im Umfeld der Anlagen und zusätzlich im Eingangsbereich des Parks Schilder aufgestellt, die vor dem gelegentlichen Eisabfall warnen", so Pubantz.
Sicherheitsabstand nach Formel empfohlen

Beim Sicherheitsabstand berufen sich Betreiber und Behörden zumeist auf eine Untersuchung des sogenannten WECO-Projekts (Wind Energy Production in Cold Climates).
Darin empfehlen Experten die Formel: 1,5 mal (Rotordurchmesser plus Nabenhöhe). Das entspricht im Fall der Weißbacher Windräder einem Abstand von 394,5 Metern.
Der betroffene Jagdpächter ist verärgert. "Es ist mir unerklärlich, dass man überhaupt ein Windrad genehmigt hat, das über den Pfad der Stille ragt", sagt er.
Das ist auch ein Grund, warum die BI überzeugt ist, dass Warnschilder und Eiserkennungstechnik nicht ausreichen. Sie verweist darauf, dass anderorts zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden.
So seien um ein Windrad bei Konstanz einerseits Schranken an den Waldwegen aufgestellt worden. Andererseits habe man Warnlampen installiert. Wenn diese leuchten, sollte der Weg nicht genutzt werden.
Ein solches System fordert die BI auch für Weißbach. Das Landratsamt Hohenlohekreis erklärt dazu: "Es wird derzeit geprüft, ob weitere Maßnahmen erforderlich sind." Eine gewisse Gefährdung lasse sich aber leider nicht gänzlich vermeiden. Sie sei bei einem funktionierenden Überwachungssystem aber nicht höher als bei Freileitungen.
Sehr geringes Risiko
Markus Pubantz verweist in diesem Zusammenhang auch auf die Betreiberhaftpflichtversicherung: "Die kostet für alle fünf Räder in Weißbach 30 Euro pro Jahr." Weniger als man üblicherweise für einen Pkw an Versicherungssumme zahle. "Dieser Vergleich zeigt, wie gering das Risiko durch Eis von Windenergieanlagen ist."
Kommentar "Nicht übertreiben"
Das Risiko, vom herabfallenden Eisbrocken eines Windrads getroffen zu werden, liegt nicht bei Null. Aber besonders hoch ist es auch nicht. Schon gar nicht in unseren Breitengraden, wo eine gefährliche Eisbildung bestenfalls wenige Tage im Jahr vorkommt. Deshalb müssen Warnschilder genügen, um auf die mögliche Gefahr hinzuweisen.
Wo Bürger sonst gerne die behördliche Überregulierung des Alltags anprangern und sich Windkraft-Gegner an den unansehnlichen Rotoren in der Landschaft stören, wollen sie hier möglichst Ampeln und Schranken mitten in der Natur? Und was ist mit den Landwirten und Jägern, deren Grundstücke an den Windpark grenzen? Ist die Schranke einmal unten, dürfen sie möglicherweise gar nicht auf ihr Gelände fahren. Macht man sich kundig, entdeckt man genau solche Fälle und merkt: Auch das stieß nicht auf viel Gegenliebe.
Was also tun? Am wichtigsten ist, den Eiswurf von sich drehenden Windrädern auszuschließen. Da muss der Mensch sich auf die Technik verlassen können. Denn im Unterschied zum Eisabfall, bei dem der fast senkrechte freie Fall die Hauptrolle spielt, wirken beim Eiswurf weitere physikalische Kräfte.
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