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Wäre es sinnvoll, innerorts nur noch Tempo 30 zu fahren?

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Verkehrsexperte Jochen Allgeier von der Hochschule Heilbronn spricht im Interview über den Sinn von innerörtlichen Temporeduzierungen.

Jochen Allgeier
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Jochen Allgeier Foto: privat  Foto: maho adobe

Viele Hohenloher wünschen sich innerörtliche Temporeduzierungen, vor allem wenn eine Hauptverkehrsstraße durch ihre Kommune führt. Dabei geht es um Sicherheit, aber auch um Lärm. Doch oft sind Temporeduzierungen nicht möglich. Auch Unterschriftenaktionen, wie etwa in Westernhausen, führen nicht zum gewünschten Ergebnis. Das Landratsamt begründet dies mit der Gesetzeslage sowie fehlendem Gefahrenpotenzial. Jochen Allgeier von der Fakultät für Wirtschaft und Verkehr an der Hochschule Heilbronn spricht zur Sinnhaftigkeit von Temporeduzierungen und geht auf Argumente der Bürger ein.

 

Tempo 30 ist sicherer und leiser, stimmt das?

Jochen Allgeier: Tempo 30 ist sicherer, das ist ganz klar. Ob es allerdings per se leiser ist, daran zweifle ich. Zwar ist das Abrollgeräusch auf jeden Fall leiser, aber gerade bei älteren Autos hat man bei 30 oft eine höhere Drehzahl, was das Ganze wieder lauter macht. Stellen Sie sich mal an eine Straße, auf der Tempo 70 gefahren wird, da hören sie von den Auto-Motoren fast nichts. Wenn da natürlich dann ein Lkw oder Bus mit einem Dieselmotor kommt, hören sie den natürlich wieder.

 

Wäre es dann überhaupt sinnvoll, innerorts nur noch 30 zu fahren?

Allgeier: Das kommt ganz auf die Straße an. In Wohngebieten ist es sicher sinnvoll. Aber man muss auch immer überlegen, was für Konsequenzen ein 30er Schild hat. Klar, bleiben so vielleicht ein paar Lkw draußen. Aber wenn zum Beispiel Busse immer wieder nur 30 fahren dürfen, man jedoch weiterhin die selbe Taktung einhalten möchte, braucht man mehr Busse - ohne dass auch nur ein sinnvoller Kilometer mehr gefahren wurde. Das kostet dann wieder mehr Geld. Ich denke, jede Ortsdurchfahrt mit Tempo 30 zu machen, ist nicht die Weisheit letzter Schluss. Da muss man schon genau gegeneinander abwägen, um das objektiv zu entscheiden. Und wenn man das einführt, muss man es natürlich auch kontrollieren - und dann überlegen, ob sich das finanziell lohnt und wie die Bürger es finden, dass in jedem zweiten Ort drei Blitzer stehen.

 

Ein Bürger meinte, dass bei einem Messschild alle langsamer fahren.

Allgeier: Jein, das hängt individuell vom Menschen ab. Der, der 70 fahren will, wird kurz abbremsen, damit die Zahl grün wird und dann vielleicht wieder beschleunigen. Manche, die es gewohnt sind, überall 50 zu fahren, denen ist egal, ob dort 30 steht oder 70. Andere, die unaufmerksam waren, sehen, die rote Zahl und fahren dann langsamer.

 


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Würden Maßnahmen wie Geschwindigkeitspoller etwas bringen?

Allgeier: Gegen Lärm auf jeden Fall nicht, das ist wie mit Kreisverkehren, Ampeln, Rechts vor Links oder Baustellen. Denn vor allem das Abbremsen und Anfahren verursacht hier den meisten Lärm. Beschleunigen macht mehr Krach als konstant vor sich hinrollen. Wie sicher es noch ist, wenn die Straße zu unübersichtlich wird, ist auch eine Frage, die man sich stellen muss.

 

Wie kann es sein, dass Heilbronn und Stuttgart Tempo 40 einführen können, andernorts klappt keine Reduzierung?

Allgeier: Das ist oft einfach eine politische Entscheidung. Stuttgart war lange eine Stadt mit einem grünen Oberbürgermeister, der geht sicher anders an das Thema ran als - satirisch überspitzt - ein Bürgermeister, der davor bei Daimler gearbeitet hat.

 

Was ist der Sinn von Tempo 40?

Allgeier: Tempo 40 in Stuttgart hat man gemacht, um nicht allzu sehr auszubremsen, der Verkehrsfluss ist natürlich besser als bei 30. Zudem ist Tempo 40 leiser, weil man da im dritten Gang fährt, während gerade ältere Autos bei 30 eben noch im Zweiten fahren und somit lauter sind. Ich vermute, das ist der Grund.

 

Sind Kommunen mehr für Autos als für Menschen gemacht?

Allgeier: Mit der Aussage sollte man zurückhaltend sein. Klar, gerade in den 50er und 60er Jahren war die "autogerechte Stadt" das Ziel. Aber schon in den 70er Jahren begann man, weg vom autogerecht hin zum menschengerecht zu kommen. Und klar muss auch sein: die meisten Menschen sind nun mal nicht nur Fußgänger, sondern eben auch mal Autofahrer. Da regt sich der Fußgänger über die vielen Autos auf, und zwei Minuten später steigt er in sein Auto und regt sich über die vielen Fußgängerampeln auf.

 

Was wäre das sinnvollste Tempo?

Allgeier: Das lässt sich per se nicht sagen. Aber wenn es nur um die Menge geht, also am meisten Autos, Lkw und Co. durchfließen zu lassen, dann habe ich im Studium gelernt, dass Tempo 80 am sinnvollsten ist. Denn unter anderem fahren Lkw und Pkw dann - theoretisch - gleich schnell. Das ist jetzt aber nichts, was man innerorts einführen sollte (lacht).

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Zur Person

Jochen Allgeier lebt in Karlsruhe und arbeitet seit 2013 an der Hochschule Heilbronn. Nach einer Lehre bei der Deutschen Bank und seinem Zivildienst begann er Elektrotechnik zu studieren und dann sein Wirtschaftsingenieurstudium mit Schwerpunkt Verkehrswesen. Promoviert hat der heute 57-Jährige in Technik-Geschichte. An der Hochschule ist er vor allem für Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) sowie und Schienenpersonennahverkehr (SPNV) zuständig.

 
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