Diese Tiere nagen sich durch Hohenlohe
Mit Nutria und Bisamratte sind neben dem Biber zwei weitere Nagetiere in heimischen Gewässern auf dem Vormarsch. Sogar im Öhringer Hofgarten wurden sie schon gesichtet.

Eine persönliche Begegnung mit dem Biber ist eher selten, da der Nager erst bei Einbruch der Dämmerung aktiv wird und schon am frühen Morgen wieder in seine Biberburg zurückkehrt. Die Spuren, die der Biber an Ohrn, Jagst, Kocher oder Kupfer hinterlässt, sind jedoch vor allem an Weidenbäumen im Uferbereich unübersehbar: Der Biber hat sich in den vergangenen Jahren auch in Hohenlohe viele neue Lebensräume erschlossen.
Doch der Biber ist nicht das einzige Nagetier, das Wasser als Lebenselixier braucht und sich in Hohenlohe richtig wohl zu fühlen scheint. Martin Hans, Wildtierbeauftragter des Hohenlohekreises, kann bestätigen, dass sich in Hohenlohe auch die Bisamratte und die Nutria, auch Biberratte genannt, immer mehr Lebensräume erobern. "Bisamratte und Nutria sind beides Nagetiere, die bevorzugt am Wasser leben und geschickte Schwimmer und Taucher sind. Sie leben in der Regel in Erdbauen, die sie vom Wasser aus begehen."
Die eine Art kommt aus Nord-, die andere aus Südamerika
Während die Bisamratte aus Nordamerika stammt, kommt die Nutria aus Südamerika. "Beide Arten wurden Anfang des 20. Jahrhunderts vom Menschen als Pelztier nach Europa gebracht und wurden dann teilweise ausgewildert", weiß der Wildtierexperte. Die Bisamratte konnte sich in Deutschland rasch verbreiten, weil sie aus einem ähnlichen Klimabereich kommt. "Die Bisamratte wurde somit früh in Hohenlohe heimisch. Die Nutria hat es da anfangs schwerer gehabt und verbreitete sich erst in Gebieten mit einem milderen Klima", so Martin Hans.

Der erste Nachweis der Nutria in Baden-Württemberg geht auf das Jahr 1961 zurück, als der Nager in der Neckar-Odenwald-Region entdeckt wurde. "Als wärmeliebende Art profitiert die Nutria von der Klimaerwärmung und verbreitet und vermehrt sich immer schneller", weiß der Wildtierexperte. Hans stuft Bisamratte und Nutria als invasive Arten in Hohenlohe ein, also als Arten, die ursprünglich gebietsfremd sind. "Oft vermehren sich Bisamratte und Nutria in günstigen Lebensräumen sprunghaft, da sie vorerst kaum Fressfeinde haben".
Die Vermehrung der beiden Nager an Jagst, Kocher, Kupfer oder Ohrn zieht ökologische Probleme nach sich, wie der Wildtierbeauftragte weiß: "Sie verdrängen oft heimische Arten oder verändern durch ihre Lebensweise und ihr Fressverhalten den Lebensraum mit entsprechenden Auswirkungen für andere Tiere und Pflanzen. Durch ihre Grabaktivitäten rund um ihren Erdbau verursachen sie oft beträchtliche Schäden in Dämmen von Gewässern."
Beide sind normalerweise Vegetarier
Beide Arten seien fast reine Vegetarier und würden sich von Wasser- und Uferpflanzen ernähren. Die Aktivitäten der beiden Nagetiere bergen nach Ansicht von Hans weiteres Konfliktpotenzial. "In der Nähe zu ihren Behausungen können Bisam und Nutria gelegentlich auch Schäden auf landwirtschaftlichen Flächen verursachen." Auch der heimische Muschelbestand werde durch die Nager zeitweise dezimiert. "Vor allem im Winter, wenn Bisam und Nutria weniger Pflanzen zur Verfügung stehen, weichen beide Arten auch mal auf tierische Nahrung wie Schnecken, Muscheln oder andere Wassertiere aus." Erst vor Kurzem erreichte Hans in diesem Kontext auch eine aktuelle Information vom Regierungspräsidium Stuttgart beziehungsweise von der Unteren Naturschutzbehörde, in der auf die Bisamratte als Muschel-Vertilger aufmerksam gemacht wird: Im Mittleren Jagsttal gibt es offensichtlich ein Problem mit Bisamratten, die die heimischen Bachmuscheln fressen.

Nutria und Bisamratte stehen auf der schwarzen Liste der unerwünschten Tierarten in der EU und müssen daher eigentlich bejagt werden. Doch so einfach ist das Ganze offenbar nicht: Es gibt viele Auflagen und vor dem Hintergrund von komplexen Paragraphen im Jagdrecht und Naturschutzgesetz weiterhin hitzige Diskussionen zwischen Behörden, Naturschützern und Jägern, wie mit Bisamratte und Nutria umgegangen werden soll. Martin Hans wird auf jeden Fall deren Populationsdichte in heimischen Gewässern im Auge behalten.
Eine Nutria sehen auch Hans Stauber und sein Team vom städtischen Bauhof in Öhringen regelmäßig: An einem Ententeich im Hofgarten sehen sie seit knapp zwei Monaten immer wieder eine einzelne Nutria. "Leider wird die Nutria von Passanten mit Nahrung gefüttert, die ihr eigentlich nicht gut bekommt. Spaziergänger sollten auf das Füttern von Nutria und Enten verzichten, weil das nämlich leider auch Wanderratten anlockt", empfiehlt Hans Stauber.
Optische und verhaltenstechnische Unterschiede:
Nutria und Bisamratte sind optisch nicht so leicht auseinanderzuhalten. Es gibt aber prägnante Unterschiede, wie Martin Hans zu berichten weiß. "Die Bisamratte ist mit einer Körperlänge von 30 bis 40 Zentimetern deutlich kleiner als die Nutria mit einer Länge von 40 bis 65 Zentimetern. Somit kann man beide Arten alleine schon an der Größe gut unterscheiden." Einen weiteren Unterschied erkennt der Wildtierexperte in der Form des Schwanzes: "Während die Bisamratte einen nackten leicht abgeplatteten Schwanz hat, ist der Schwanz vom Nutria rundlich und beschuppt beziehungsweise behaart. Oft haben Nutrias auch orangefarbene Schneidezähne."

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