Stimme+
Landgericht Heilbronn

Prozessauftakt: Angeklagte sollen Familienvater aus Schwäbisch Hall verschleppt und gequält haben

   | 
Lesezeit  3 Min
Erfolgreich kopiert!

Die Anklageschrift liest sich wie ein Krimi: Um Schulden einzutreiben, entführen zwei Männer offenbar einen Mann aus Schwäbisch Hall und malträtieren ihr Opfer mit Hammer und Bohrmaschine.

Von Thumilan Selvakumaran
Er räumt die Tatvorwürfe beim Prozessauftakt am Heilbronner Landgericht grundsätzlich ein: Der Hauptangeklagte Muhamed R. verdeckt sein Gesicht mit einem College-Block. Rechts sein Anwalt Thorsten Weismann.
Er räumt die Tatvorwürfe beim Prozessauftakt am Heilbronner Landgericht grundsätzlich ein: Der Hauptangeklagte Muhamed R. verdeckt sein Gesicht mit einem College-Block. Rechts sein Anwalt Thorsten Weismann.  Foto: Thumilan Selvakumaran

Es sind eigentlich die Zutaten für einen actiongeladenen Thriller: wild fliegende Fäuste, Baseballschläger und Schüsse mit scharfer Munition. Dazu Folterszenen mit Hammer und Bohrmaschine – außerdem reichlich Kokain. Der spektakuläre Fall ereignete sich im März, spielte im brandenburgischen Havelland, am Berliner Kurfürstendamm – und auch am Hagenbacher Ring in Schwäbisch Hall.

Die beiden Hauptangeklagten werden am Dienstag von acht Justizbeamten in den Saal der großen Strafkammer des Landgerichts Heilbronn begleitet. Der Haupttäter, der 39-jährige Muhamed R., zeigt sich direkt reumütig: "Vorerst möchte ich mich für diese grausame Tat entschuldigen", sagt er. Und: "Ich schäme mich für die Tat." Von seinem Verteidiger Thorsten Weismann lässt er daraufhin eine Stellungnahme verlesenen, in der er die Vorwürfe einräumt.


Mann aus Schwäbisch Hall entführt und gefoltert: Opfer erleidet schwere Verletzungen

Die haben es in sich: Oberstaatsanwalt Harald Lustig wirft den Tätern vor, einen 46-jährigen Haller Familienvater entführt und gequält zu haben: Um Schulden einzutreiben, seien sie aus Brandenburg nach Hall gefahren. Mehrfach hätten sie das Opfer mit der Faust ins Gesicht geschlagen und ihn in ein Auto verfrachtet. Durch einen Hammerschlag sei ihm die Hand gebrochen, zudem eine Wollmütze übers Gesicht gezogen worden.

Der Geschädigte musste dann in einem Haus in Brandenburg weiter leiden, während die Täter telefonisch Lösegeld von seiner Haller Lebensgefährtin forderten. Gefesselt und bis auf die Unterhose ausgezogen wurde zunächst mehrfach mit einer Softair-Pistole auf ihn geschossen, ehe man ihn mit einer Bohrmaschine malträtiere. Der Mann wies unter anderen durch die Maschine verursachte Verletzungen am Rücken, am Nacken und am Oberschenkel auf. Dazu kamen umfangreiche Verletzungen durch Schläge gegen den Kopf.

Die Täter hätten zudem gedroht, mit einer Zange und einer Säge mindestens zwei Finger abzutrennen, so der Staatsanwalt. Als sie zweimal mit scharfer Munition auf sein Bein schossen – griff das alarmierte Sondereinsatzkommando der Polizei zu und befreite die Geisel aus der Gewalt der Täter.

Prozess nach Entführung und Folter: Angeklagter nimmt Verantwortung auf sich, sieht sich aber auch als Opfer

Muhamed R. nimmt die Verantwortung auf sich. Sein mitangeklagter Kumpel Luka K. sei nur als Fahrer dabei gewesen und habe sich nicht am Gewaltexzess beteiligt. Es sei auch – anders als der Staatsanwalt ausführte – keine geplante Tat gewesen. Muhamed R. habe am frühen Morgen vielmehr spontan entschieden, nach Hall aufzubrechen, um sein Geld einzufordern. Er sei in einem "Tunnel" gewesen, spricht von einer Mischung aus exzessivem Kokainkonsum und der panischen Angst um sein eigenes Leben. "Ich weiß nicht, wie ich für diese brutale Vorgehensweise fähig sein konnte", so der 39-Jährige.

Laut seiner Schilderung war er nicht nur Täter, sondern auch Opfer. Es ging um viel Geld: Der 39-Jähriger lernte den Haller über das Baugewerbe kennen und wurde von diesem als Subunternehmer eingesetzt. So werkelte er auch auf einer Baustelle in Hall. 100.000 Euro hätten für ihn dabei herausspringen sollen – allerdings habe er 90.000 Euro davon nie erhalten. Hintergrund sei gewesen, dass der Haller Bauunternehmer in Streit mit dem Auftraggeber geraten war, weil über Nacht etliche Türen von einer Baustelle in Hessental gestohlen wurden.

Der Haller Unternehmer habe daraufhin den Hauptangeklagten um 100.000 Euro Kredit gebeten, um eine andere Baustelle fertigstellen zu können. Mit dem Verdienst sollte der Subunternehmer ausbezahlt werden. Das war im Sommer 2022. "Mir erschien das richtig", verliest der Verteidiger im Namen des Angeklagten. Die Rückzahlung sei binnen vier Wochen vereinbart gewesen. Der 39-Jährige habe dann selbst von zwei Personen jeweils 50.000 Euro geliehen, um das Geld als Kredit an den Haller Familienvater weiterzuleiten. Als er auch Monate später sein Geld vom Haller Schuldner nicht zurückbekam und dieser auch noch Insolvenz angemeldet hatte, sei er in Panik geraten. Denn seine eigenen Geldgeber hätten Druck gemacht – und mit diesen sei nicht zu spaßen gewesen.

Schüsse am Berliner Kurfürstendamm gingen der Entführung des Manns aus Schwäbisch Hall voraus

Eskaliert war die Situation dann am 15. März am Kurfürstendamm in Berlin, als R. mit einem Kollegen an der Straße stand. Eine S-Klasse sei plötzlich vorgefahren und mehrere Männer dort ausgestiegen – mit Baseballschlägern bewaffnet. "Darunter war ein Riese." Dieser habe ihn mit einem Quarzhandschuh unvermittelt gegen den Kopf geschlagen und ausgeknockt – sein Kumpel habe dann geschossen. Zwei der Angreifer waren laut Meldung der dortigen Staatsanwaltschaft mit Beinschüssen liegengeblieben, die anderen geflüchtet.

Der Angeklagte ist überzeugt, dass seine eigenen Geldgeber ihn töten oder zumindest schwer verletzen wollten. Er sei verzweifelt gewesen, habe sich mit Kokain betäubt. Das könnte für die Schuldfähigkeit eine Rolle spielen, die ein Sachverständiger im Laufe des weiteren Prozesses noch zu bewerten hat.

Das Opfer, das noch heute unter den Verletzungen leidet, sollte eigentlich am Donnerstag aussagen. Allerdings ist der Mann aktuell in seine serbische Heimat gereist – wohl aus Angst vor den Peinigern. Das Gericht will noch versuchen, ihn nächste Woche in Heilbronn zu vernehmen, bevor das Urteil gesprochen wird. 

 

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben