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Vorstoß der Politik für mehr Platz im Stall ärgert Putenhalter

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Landwirtschaftsminister Cem Özdemir fordert eine Reduzierung der Bestandsdichte in Putenställen um 30 Prozent. Landwirte haben dagegen in Kirchberg/Jagst demonstriert. Die Bauern sehen die Landwirtschaft in Deutschland bedroht.

Schon jetzt haben die Puten auf dem Demeterhof in Mäusdorf mehr Platz als üblich. Doch der Verbraucher muss bereit sein, das zu bezahlen. Foto: Archiv/Griesinger
Schon jetzt haben die Puten auf dem Demeterhof in Mäusdorf mehr Platz als üblich. Doch der Verbraucher muss bereit sein, das zu bezahlen. Foto: Archiv/Griesinger

Ein Vorstoß des Bundeslandwirtschaftsministeriums versetzt die deutschen Putenhalter in Unruhe. Eine Novelle der Haltungsverordnung sieht eine Reduzierung der Putenbestände um etwa 30 Prozent, bezogen auf die Stallfläche, vor. Die Branche befürchtet, dass dieser deutsche Vorstoß zu einem deutlichen Ausbau der Importe und damit zu einem Ausbluten der Putenhaltung in Deutschland führt. Bei einer Demonstration in Kirchberg haben etwa 100 Halter ihrem Unmut Luft gemacht.

Der Künzelsauer Geflügelhalter Maik Noz könnte sich völlig entspannt zurücklehnen: Setzt sich Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir mit seinem Vorschlag durch, den Tierbestand in Putenställen von aktuell 58 Kilogramm je Quadratmeter um ein Drittel auf 40 Kilogramm zu reduzieren, dann müsste Noz nicht aktiv werden.


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Landwirte befürchten Mehrkosten von 30 Prozent durch Novelle

Der Demeterhof bei Künzelsau-Mäusdorf übererfüllt diesen Vorstoß schon jetzt mit nur 18 Kilogramm pro Quadratmeter. Bio-Höfe, sagt Noz, sind auch weit darunter bei nämlich 21 Kilogramm. Und trotzdem unterstützt er die protestierenden Landwirte, die sich im Mai in Kirchberg/Jagst versammelt haben. "Denn längst geht es nicht mehr um bio gegen konventionell", sagt Noz. "Sondern es geht darum, ob wir eine Landwirtschaft in Deutschland wollen oder nicht."

Noz und seine Berufskollegen fürchten: Kommt die Novelle, dann verteuert sich regionales Putenfleisch enorm. Der Kirchardter Putenhalter Timo Bentz rechnet mit Mehrkosten in Höhe von 30 Prozent. Der Landwirt mästet seine Tiere gemäß der Initiative Tierwohl in Haltungsstufe zwei. "Wir haben zwar einen neuen Stall gebaut, der Stufe drei ermöglicht, aber der Markt gibt höhere Erzeugerpreise für Putenfleisch im Moment nicht her", hat der Kirchardter erfahren. Ziel müsse sein, zu einer europaweit einheitlichen Regelung zu kommen, wie es etwa bei den Abgasen für Autos in der Euro-Norm geregelt sei.

Landwirte müssen auch wirtschaftlich denken - und Löhne müssen bezahlt werden

Über die höheren Produktionskosten, die eine Anwendung der Putenhaltungsverordnung mit sich brächte, runzelt der Künzelsauer Landwirt Noz die Stirn. Schon jetzt spüre man die Zurückhaltung beim Verbraucher, sagt Noz. Die Löhne für die 15 Mitarbeiter müssten bezahlt werden - vor dem Hintergrund der aktuellen Inflation würden die Löhne absehbar sogar steigen. "Aber wie soll das gehen?", fragt Noz. Er sei nicht nur Landwirt aus Überzeugung. Er müsse auch wirtschaftlich denken.

Auch wenn die Erzeugerpreise mit in Deutschland nach oben geschraubt zu werden drohen: Fleisch wird trotzdem noch gekauft. "Aber wer sparen muss, der greift zum günstigeren Produkt. Auch wenn das aus dem Ausland kommt", bedauert Noz. Und springt wieder seinen konventionell erzeugenden Berufskollegen bei, indem er sagt: "Lieber kaufe ich in Deutschland konventionell erzeugtes Fleisch als aus dem Ausland." Nicht nur, dass die Standards in den Tierställen besser seien. Es gehe auch darum, die Landschaft zu pflegen und zu bewirtschaften.

Besonders tiergerechte Stallhaltung

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir möchte mit der neuen Haltungsverordnung für Puten mehr Tierwohl auf den Weg bringen. Doch diese Rechnung gehe nicht auf, meinen viele der Protestierenden. Schon jetzt nehmen über 70 Prozent der deutschen Putenhalter an der Initiative Tierwohl teil, die auf freiwilliger Basis und gegen einen finanziellen Ausgleich die Tierbestände auf 53 Kilo je Stallquadratmeter reduzieren.

Moderiert hatte die Demonstration Giso Eben von Racknitz, der auf Schloss Laibach Puten mästet. Und zwar nach dem BTS-Standard (im sogenannten Schweizer-Modell). BTS steht für: Besonders tiergerechte Stallhaltung und bedeutet konkret: Weniger Besatzdichte, 20 Prozent der Fläche als überdachter Auslauf und verschiedene Beschäftigungsmaterialien für die Puten. "Wir müssen dafür kämpfen, dass es nicht nur die Industrie macht, sondern dass es in bäuerlicher Hand bleibt", appelliert von Racknitz an seine Berufskollen in Kirchberg, die Haltungsbedingungen in Deutschland nicht einseitig zu verschärfen.

Schlechtere Bedingungen für Puten in anderen Ländern

Der Bauernverband Schwäbisch Hall-Hohenlohe-Rems steht hinter den demonstrierenden Putenhaltern. Der Verbandsvorsitzende Jürgen Maurer sagt: "Ich verstehe nicht, warum die Politik nicht einen Schritt auf die Bauern zugeht. Es hilft niemandem, zuletzt auch nicht den Puten, wenn in Deutschland mit unerfüllbaren Vorschriften ihre Haltung unmöglich gemacht und gleichzeitig in anderen Ländern unter schlechteren Bedingungen aufgestockt wird." Seiner Ansicht nach ist es nicht zu spät, einen Kompromiss zu finden. "Die Bauern stehen für Gespräche bereit."

Was passiert, wenn es zu keinem Gesprächsergebnis kommt, verdeutlicht der Verband am Beispiel Österreichs. Dort mussten die Halter ihre Bestände in ähnlicher Dimension, wie jetzt auch von der Bundesregierung angestrebt, reduzieren. Die Folge dort: Günstigeres Putenfleisch aus Ländern wie Italien werde gekauft, und das teurere österreichische Putenfleisch blieb im Regal.

 

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