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Stromversorgung

Öffentlicher Schlagabtausch beim Erörterungstermin zum Kupferzeller Netzbooster

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Bei der mündlichen Verhandlung im Rahmen des Genehmigungsverfahrens trafen Projektierer TransnetBW, Gegner und Genehmigungsbehörde aufeinander. Was waren die wesentlichen Argumente?

von Christian Nick
Ziemlich genau vier Jahre ist es her, seitdem die ersten Pläne für die Kupferzeller Netzstabilisierungsanlage publik geworden sind. Mittlerweile ist längst klar, wo der Booster seinen Platz finden und wie er aussehen soll.
Visualisierung: Transnet
Ziemlich genau vier Jahre ist es her, seitdem die ersten Pläne für die Kupferzeller Netzstabilisierungsanlage publik geworden sind. Mittlerweile ist längst klar, wo der Booster seinen Platz finden und wie er aussehen soll. Visualisierung: Transnet  Foto: privat/TransnetBW

Die anfängliche Mahnung von Versammlungsleiter Manuel Hummer, der mit seinen Kollegen beim Regierungspräsidium Stuttgart (RP) über die Genehmigung des Kupferzeller Netzboosters zu entscheiden hat - sie war von Erfolg gekrönt: Er wisse, dass das Kupferzeller TransnetBW-Projekt "für viele ein sehr emotionales Thema" sei, so der Beamte in Richtung der Bürgerinitiative "Ein Herz für Hohenlohe".

Dennoch verlief der Erörterungstermin am Dienstag erfreulicherweise weitgehend in sachlicher Atmosphäre - wenngleich die alten Gegensätze in der Beurteilung von Sinn, Risiken und Folgen des 200-Millionen-Euro-Pilotprojekts, das für eine bessere Auslastung des vorhandenen Stromnetzes sorgen soll, in der Kupferzeller Halle erneut scharf aufeinanderprallten.

Diametral unterschiedliche Perspektiven auf den Netzbooster

Die BI, angeführt von den beiden Schwestern Birgit und Marion Kühnle, betonte neuerlich, welch "uneinschätzbares Risiko für die Bevölkerung" ihrer Ansicht nach von der geplanten Netzstabilisierungsanlage ausgehe. In der Tat kristallisierten sich auch bei jenem gesetzlich im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens vorgeschriebenen Erörterungstermin die größtes Bedenken um die Themen des Brandschutzes und der öffentlichen Sicherheit. Ein massives Feuer - womöglich ein Vollbrand der Anlage - sei "extrem unwahrscheinlich" und "praktisch ausgeschlossen": Dies betonten gleicherweise die Vertreter von TransnetBW als auch am Projekt beteiligte externe Experten wie Dietmar Schelb, Leiter der "Forschungsstelle für Brandschutztechnik" am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Es könne zwar sein, dass einzelne Batteriezellen und auch ein einzelner Container durch Überhitzung Feuer fingen - das ausgefeilte mehrstufige Sicherheitskonzept samt hochmoderner Löschanlage, die dezentrale Bauweise sowie umfangreiche Testversuche garantierten in der Praxis jedoch, dass das Feuer eingedämmt werde, ehe es sich ausbreite. Die Kupferzeller Feuerwehr soll ein zusätzliches Löschfahrzeug bekommen, um adäquat ausgerüstet zu sein.

Aufmerksame Blicke beim Termin in der Kupferzeller Mehrzweckhalle.
Foto: Nick
Aufmerksame Blicke beim Termin in der Kupferzeller Mehrzweckhalle. Foto: Nick  Foto: Nick, Christian

Was die Kritiker angesichts der weltpolitischen Lage mittlerweile vermehrt bewegt: Wie kann es gelingen, die Anlage gegen den Angriff mit Kriegswaffen oder Cyberattacken abzuschirmen? Gar nicht - so lautet ihre Antwort. Etwaige Risiken seien bislang überhaupt nicht berücksichtigt worden, sagte etwa Gemeinderat Jürgen Häckel (UWG).

Wie groß sind die Risiken des 200-Millionen-Euro-Projekts?

RP-Vertreter Hummer wies darauf hin, dass ein "Szenario Krieg" in Planfeststellungsverfahren grundsätzlich keine Rolle spiele - die TransnetBW-Repräsentanten bekräftigten, es würden "sehr große Bemühungen" unternommen, Angriffe auf diese kritische Infrastruktur durch präventive Maßnahmen zu verunmöglichen. Über Details könne man jedoch öffentlich nicht sprechen. Den Einwand der Kritiker, es existiere womöglich im näheren Umkreis überhaupt keine Fachfirma, die nach einem möglichen Brand das per Rückhaltebecken gesammelte chemisch kontaminierte Löschwasser abtransportieren könne, suchte RP-Mann Hummer nachdrücklich zu entkräften: Man werde für eine Genehmigung "klare Auflagen" erlassen - notfalls müsse eben TransnetBW selbst ein solches Unternehmen gründen oder in geeigneter Entfernung ansiedeln.

Wenig überraschend gab es auch keine Übereinkunft bei der Frage, ob der Booster im energiewirtschaftlichen System überhaupt notwendig und der gewählte Standort beim örtlichen Umspannwerk der richtige ist. Eine These der Kritiker: Der Stuttgarter Netzbetreiber erhalte in den kommenden drei Jahrzehnten bewusst eine Engstelle - in Form der nicht ausreichend ausgebauten Leitung zwischen Kupferzell und Grafenrheinfeld. "Das ist die Lizenz zum Gelddrucken durch Redispatch", so Birgit Kühnle. Gesamtprojektleiter Severin Mosek verwies indes wiederholt auf die Bestätigung durch Bundesnetzagentur und den sogenannten Bundesbedarfsplan. "Das ist nicht irgendwie ausgeknobelt." Und: Es sei "nachgewiesen", dass keine Gewinne für TransnetBW generiert würden, sondern vielmehr der Strompreis für die Bevölkerung durch die Anlage perspektivisch sinken könne.

Hinsichtlich einer möglichen Belastung durch Lärm und Elektromagnetismus seien alle gesetzlichen Vorgaben eingehalten - wenngleich die Werte in der Nacht nur wenige Dezibel darunter liegen. Ein Versprechen nahmen die BI-Mitglieder dem Entscheider vom RP dann noch ab: Es müsse unbedingt sichergestellt werden, dass die Akku-Technik nicht später im Betrieb einfach verändert werden könne.

Wie es nun weitergeht

Die im Zuge der Öffentlichkeitsbeteiligung im Sommer eingegangenen Stellungnahmen der Träger öffentlicher Belange und die Einwendungen aus der Bürgerschaft sind bereits vom RP ausgewertet worden. Nach der mündlichen Verhandlung sollen nun nochmals alle für und gegen das Vorhaben sprechenden Gesichtspunkte betrachtet und voraussichtlich im ersten Quartal 2024 dann eine Entscheidung über die Genehmigung getroffen werden.

 
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