Nach Amok-Alarm in Neuenstein: Schüler haben "riesigen Gesprächsbedarf"
Wie es zum Fehlalarm an der Amok-Warnanlage der Gemeinschaftsschule am Dienstag (18. April 2023) kommen konnte, ist am Tag danach weiterhin unklar. Der Unterricht geht einstweilen weiter, Nofallseelsorger sind vor Ort.

Ein Amok-Alarm an der Neuensteiner Gemeinschaftsschule hat am Dienstag einen Großeinsatz der Polizei ausgelöst. Zwar stellte sich heraus, dass ein technischer Defekt die Ursache war und es sich um einen Fehlalarm handelte. Dieser wirkt sich jedoch weiterhin aus.
Die Kriminalpolizei ermittelt, wie der Alarm ohne äußerliche Einwirkung ausgelöst werden konnte. An der Schule sei die Stimmung einerseits ruhig, sagt Konrektorin Claudia Wolf auf Nachfrage der Redaktion, andererseits nimmt das Ereignis im Unterricht aber einen großen Platz ein. Die Leitung trete nun in Kontakt mit Elternvertretern, Technikern und Polizei, um die Situation nachzubesprechen.
Der Hergang liest sich wie im Thriller
Am Dienstag um kurz nach 11 Uhr hatte die Amok-Alarmanlage in der Neuensteiner Schule ausgelöst. "Alle Klassen haben sich in die Zimmer eingesperrt", berichtet Annika Grundbrecher, Sprecherin des Polizeipräsidiums Heilbronn. "Die Beamten haben dann nach und nach alle Zimmer überprüft" - auch, ob augenscheinlich leere Räume tatsächlich leer seien. Gegen 12.40 Uhr sei die Durchsuchung abgeschlossen gewesen. Eine zweistellige Zahl an Polizeiwagen sei im Einsatz gewesen. Genaue Zahlen nenne die Polizei aus taktischen Gründen grundsätzlich nicht. Sieben Notarztwagen seien vor Ort gewesen und mehrere Notfallseelsorger.
Auch die Neuensteiner Feuerwehr war mit etwa zwei Dutzend Leuten dort. Auf ihrer Webseite schätzt sie das Personal rund um den Einsatz auf 200 bis 250 Kräfte. "Das ist aber bloß eine Schätzung, die wir gemacht haben", sagt Kommandant Thorsten Knobloch. Die Feuerwehr hat logistische Aufgaben übernommen. Für wenige Minuten sei am Dienstag das Handy-Netz überlastet gewesen, berichtet Knobloch - "aber deswegen haben wir ja Funkgeräte".
Eine Ausschusssitzung im Kreistag wird jäh unterbrochen
Kerstin Köber, die für Neuenstein zuständige Schulrätin am Schulamt Künzelsau, wurde am Dienstagnachmittag im Jugendhilfeausschuss von der Konrektorin der Gemeinschaftsschule angerufen und über den aktuellen Stand informiert. Deshalb musste die Sitzung im Landratsamt für einige Minuten unterbrochen werden.
Köber berichtete, dass ein technischer Effekt für den Fehlalarm verantwortlich gewesen sei. Alle Alarmanlagen seien noch verplombt, eine Firma prüfe nun am Freitag, wo der Alarm herkam, "damit so etwas nicht wieder vorkommt, weil der ganze Rahmen natürlich ein großes Ausmaß angenommen hat". Am Nachmittag waren alle Eltern informiert und alle Schüler wieder zu Hause.
Unterricht findet wieder nach Plan statt, aber die Erlebnisse wirken nach
Und heute? Der Unterricht finde nach Plan statt, "allerdings pädagogisch angepasst an die gestrige Situation", erklärt Wolf. Solche Routinen können den Schülern helfen, eine eventuell traumatische Erfahrung zu verarbeiten - "das zeigen Erfahrungen". Dafür habe es eine Dienstbesprechung der Lehrer mit Notfallseelsorgern gegeben, die während der Pausen auch auf den Schulhöfen und im Lehrerzimmer sind. Im Unterricht geben die Lehrer den Schülern Zeit über das Erlebte zu reden.
"Es gibt einen riesigen Gesprächsbedarf", sagt Pfarrer Ulrich Hägele, der als Seelsorger in der Schule war - auch am Tag nach dem Alarm. "Das sind natürlich bedrängende Erlebnisse für die Kinder, über so lange Zeit in dem Klassenzimmer eingesperrt zu sein."
Es ist nicht der erste Amok-Fehlalarm in der Region
Seit dem 1. Januar 2021 gab es eine einstellige Anzahl an Amok-Fehlalarmen im Bereich des Präsidiums Heilbronn, teilt Grundbrecher mit. Technische Defekte seien jedoch seltener als Fehlalarme, die durch Menschen ausgelöst wurden.
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