Stimme+
Region
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Kollidiert bei Windkraft künftig Artenschutz gegen Klimaschutz?

   | 
Lesezeit  2 Min
Erfolgreich kopiert!

Wenn die Windkraft an Land massiv ausgebaut wird, könnte dies Siedlungsgebieten von seltenen Vögeln betreffen. Experten sehen darin jedoch wenig Probleme - und haben einige Lösungsvorschläge.

Gegen Windräder gibt es oft erbitterten Widerstand von Anwohnern − und gerne werden dann Nistgebiete von Greifvögeln genutzt, um den Bau zu verhindern.
Foto: dpa
Gegen Windräder gibt es oft erbitterten Widerstand von Anwohnern − und gerne werden dann Nistgebiete von Greifvögeln genutzt, um den Bau zu verhindern. Foto: dpa  Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Was ist wichtiger - die Energiewende oder der Artenschutz? Schließlich wird immer wieder gegen Windkraft-Projekte geklagt mit dem Verweis auf Fledermäuse oder seltene Greifvögel wie den Rotmilan, die durch die Rotorflügel getötet werden könnten - und oft sind diese Klagen erfolgreich. Dass nun Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck den Windkraft-Ausbau an Land beschleunigen und dabei bei Bedarf den Artenschutz hintenan stellen will, dürfte für reichlich Diskussionen sorgen.

Gegensätzliche Interessen befriedigen

Allerdings sehen Experten dies gar nicht mal so dramatisch, wie sich in einer Runde des Science Media Center am Freitagmittag zeigte. "Wir dürfen uns nicht von der Polarisierung treiben lassen", mahnte da die Professorin Katrin Böhning-Gaese vom Biodiversität- und Klima-Forschungszentrum der Senckenberg-Gesellschaft in Frankfurt. Nötig seien kreative Lösungen, um die gegensätzlichen Interessen zu befriedigen. "Wir müssen raus aus den kleinteiligen Konflikten."


Mehr zum Thema

Windpark Harthäuser Wald Drohnenaufnahme vom Seehaus und der Freifläche, wo künftig eine große PV-Anlage Strom erzeugen soll.
Stimme+
Hardthausen
Hinzugefügt. Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Der Einstieg in die regionale Energiewende


Genaue Daten fehlen

Hauptproblem ist derzeit, dass es gar keine genauen Daten dazu gibt, wie viele Vögel und Fledermäuse jährlich Windrädern zum Opfer fallen. Sogenannte Schlagopfer werden nicht gezielt gesucht und registriert, berichtete Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. Schätzungen gingen von zehn bis 15 toten Vögeln pro Windrad und Jahr in Europa aus, bei Fledermäusen gebe es überhaupt keine Anhaltspunkte. Entsprechend schwer sei es, die Auswirkung eines Windrads auf das Ökosystem zu benennen. Es könne sein, dass es wenig ausmache, es könne aber auch zu einem deutlichen Populationsrückgang führen. Studien wiesen derzeit in beide Richtungen, berichtete er.

Abschalteinrichtungen für Fledermäuse

"Unser Dilemma ist, dass nur ein Viertel der Anlagen in Deutschland über Abschalteinrichtungen wegen Fledermäusen verfügt", sagte er. Daher gebe es noch etwa 20.000 Windräder, an denen solche Schlagopfer verstärkt auftreten. Solche Abschaltungen werden für die Nachtstunden festgelegt. Zudem werden intelligente Sensoren getestet, die herannahende Greifvögel erkennen - ein Verfahren, das auch im Hohenlohekreis erprobt wird (siehe Kasten). Bei Fledermäusen sei der Einflussbereich jedenfalls groß: Ein Windrad in Brandenburg beeinflusse die Population bis nach Südskandinavien, sagte Voigt.


Mehr zum Thema

Transporthubschrauber des Typs NH90 sind in Niederstetten stationiert. Deren Tiefflugrouten liegen bei Neudenau.
Foto: Bundeswehr/Transporthubschrauberregiment 30Niederstetten
Stimme+
Gundelsheim/Roigheim
Hinzugefügt. Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Windparks rücken an Flugzone der Bundeswehr heran


Flächenkonflikte entschärfen

Dass es kaum stichhaltige Daten gibt, ärgerte auch Elke Bruns vom Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende (KNE) in Berlin. "Es ist nicht so ganz nachvollziehbar, dass man das nicht schafft", bemängelte sie. Nötig sei vor allem, sowohl die Entwicklung der Vogel- und Fledermauspopulation als auch die Schlagopfer-Zahl zu ermitteln, um die Größe des Problems einzugrenzen. Wenn die Energiewende mithilfe von Windkraft geschafft werden soll, müssten Flächenkonflikte entschärft werden - in Bezug auf Artenschutz, aber auch, was die Abstände zu Häusern, Militäreinrichtungen und Radarmasten angeht. "Artenschutz ist nur eines von mehreren Problemen, die dem Ausbau entgegenstehen."

Greifvögel können sich auch neu ansiedeln

Ohnehin gibt es noch ein praktisches Problem, ergänzte Thorsten Müller von der Stiftung Umweltenergierecht aus Würzburg: "Wir leben in einem dynamischen Naturraum - wo heute noch keine Greifvögel nisten, kann es in 30 Jahren schon ganz anders sein." Ein "undifferenzierter Ausschluss" von Flächen, etwa Wälder oder Landschaftsschutzgebiete, müsse vermieden werden, um Habecks Zwei-Prozent-Flächenziel für Erneuerbare zu erreichen. "Der effektivste rechtliche Weg ist hier die Standardisierung", meinte Müller: Indem ein klarer Rahmen geschaffen werde, könnten die Genehmigungen vereinfacht und leichter beurteilt werden. "Wir müssen stärker die Frage stellen, wann beim Artenschutz Ausnahmen möglich sind", forderte er. Solch ein Rechtsrahmen biete dann eine klare Handlungsanleitung für alle Beteiligten.


Mehr zum Thema

Mehrere Windkraftanlagen stehen bereits zwischen Jagst- und Kochertal im nördlichen Landkreis Heilbronn. Zwei weitere könnten bei Gundelsheim über dem Neckartal folgen. Foto: Archiv/Gajer
Stimme+
Nördlicher Landkreis
Hinzugefügt. Zur Merkliste Lesezeichen setzen

EnBW plant große Photovoltaik-Anlage sowie Windpark bei Gundelsheim


Artenhilfsprogramme nötig

Einig war sich die Runde, dass künftig die gesamte Population einer Tierart betrachtet werden sollte - und nicht nur die Gegebenheiten vor Ort. Etwa 60 Prozent aller Rotmilane weltweit lebten in Deutschland, und zwar im gesamten Land und nicht nur auf jenen zwei Prozent, die Habeck für Erneuerbare nutzen will. Katrin Böhning-Gaese machte sich daher für Ausgleichsmaßnahmen stark - gerade für Arten, die wenig Nachkommen pro Jahr haben. Hier müsse die Politik Artenhilfsprogramme auflegen - auch, damit die Betreiber von Windparks nicht alleine für alles aufkommen müssen. "Es gibt jedenfalls genügend Fläche, um das Zwei-Prozent-Ziel naturverträglich umzusetzen."

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben