Flüchtlingsunterkünfte mit bis zu 300 Plätzen in Hohenlohe denkbar
Der Landkreis hat immer größere Containeranlagen im Blick und kooperiert verstärkt mit den mit Kommunen. Kritiker stören sich an den hohen Mietpreisen.

Der Hohenlohekreis rechnet weiterhin mit rund 70 neu zugewiesenen Asylbewerbern pro Monat. Das sind doppelt so viele, wie von Jahresanfang bis Sommer monatlich hier ankamen – die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine nicht mitgezählt. Rund 40 waren es jeweils im September und Oktober.
950 Plätze will das Landratsamt bis Jahresende im Portfolio haben. Ende Oktober standen 763 Plätze bereit, von denen 659 belegt waren. Die 15 Unterkünfte sind also zu 86 Prozent ausgelastet.
Flüchtlingsunterkünfte mit bis zu 300 Plätzen in Hohenlohe denkbar: Diese Strategie hat der Kreis im Blick
Um die Neuaufnahme beider Flüchtlingsgruppen zu sichern, geht der Kreis nun verstärkt dazu über, größere Containeranlagen an einzelnen Standorten anzumieten, die in der Regel 100 bis 150, im Maximalfall aber auch 200 bis 300 Menschen aufnehmen könnten – teils in Kooperation mit den Kommunen, die für die Anschlussunterbringung zuständig sind.
Parallel dazu sorgt das Landratsamt für die Zeit vor, in der wieder weniger Flüchtlinge ankommen werden. 200 bis 300 Plätze sollen dauerhaft vorgehalten werden – in Gebäuden, die im Besitz des Kreises sind. Bisher gehören ihm drei von 15 Unterkünften, eine vierte soll folgen.
Warum der Kreis aktuell mehr mietet als kauft
Momentan scheut sich das Landratsamt aber, Grundstücke und Häuser selbst zu erwerben. "Beim Kauf bestehender Gebäude bekommen wir vom Land nur die Abschreibungskosten für zwölf bis 15 Jahre und bei den neuen Gebäuden für 20 Jahre erstattet", sagt Kreiskämmerer Michael Schellmann. Beim Kauf finanziell über ein bestimmtes Maß in Vorleistung zu treten, sei zu riskant.
"Deshalb mieten wir aktuell vor allem neue Flächen und Unterkünfte an." Denn: "Diese Kosten bekommen wir vom Land voll erstattet." Wenn alle Stricke reißen, werden auch Sporthallen zu Flüchtlingsquartieren umgebaut – so geschehen jüngst mit der Öhringer Ochsenseehalle, "auch wenn es einen Riesen-Aufschrei vonseiten der Schulen und Vereinen gab". Und wenn es ganz eng werde, seien auch "Wärmehallen" eine Option – also beheizte Zelte.
Aufgerufene Preise sind exorbitant hoch
Die Anmietung neuer Flächen für größere Containeranlagen ist aber gar nicht so einfach: Der Markt gebe fast nichts her, so Schellmann. Und wenn doch, seien die aufgerufenen Preise exorbitant hoch. "Es ist ein Spiel mit dem Feuer, was wir gerade zu zahlen bereit sind."
Beispiel Schwabbach: Dort sollen bis Frühjahr 2024 zwei Containertrakte mit jeweils 50 Plätzen entstehen – direkt neben einer Gewerbehalle in der Moosbachstraße, die schon zu einem Flüchtlingsheim umgebaut wurde und in der aktuell 69 Asylbewerber untergebracht sind. Schellmann appelliert an die Moral der Vermieter: "Natürlich zahlt uns das Land die Kosten eins zu eins zurück. Aber es ist und bleibt Steuergeld."
Kreisräte kritisieren überteuerte Anmietungen
Nicht nur CDU-Kreisrat Rolf Weibler, der Bretzfeld im Kreistag vertritt, kann "überhaupt nicht nachvollziehen", was da in Schwabbach gerade passiert. Auch sein Fraktionskollege Stefan Neumann aus Künzelsau kritisiert: "Es kann nicht sein, solche überteuerten Sachen anzumieten. Es ist total inakzeptabel, die Preise so kaputtzumachen, auch für uns als Kommunen." Dass der Kreis diesen Deal getätigt hat, zeigt überdeutlich, wie groß die Raumnot derzeit ist. Jede Fläche, die verfügbar wäre, würde er mit Kusshand nehmen. Auch zu Preisen, die in normalen Zeiten tabu wären.
In Ingelfingen kooperiert der Kreis mir der Stadt
In Ingelfingen wird der Kreis nun mit der Stadt gemeinsame Sache machen. Im Kelterweg, gegenüber der Weinkellerei Hohenlohe, wird bis Frühjahr 2024 eine größere Containeranlage entstehen, die zwischen 64 und 128 Personen aufnehmen kann – 40 bis 80 für den Kreis in der vorläufigen Unterbringung, 24 bis 48 Plätze für die Stadt Ingelfingen in der Anschlussunterbringung.
Ähnliche Überlegungen gibt es offenbar auch in Niedernhall, wo der Kreis in der Criesbacher Straße derzeit zwei Containeranlagen mit 104 Plätzen betreibt. Mit Öhringen hatte das Landratsamt im April einen Vertrag geschlossen, dass die Alte Turnhalle für ein halbes Jahr mit ukrainischen Flüchtlingen in der Obhut des Kreises belegt wird und anschließend die Stadt dort Geflüchtete unterbringt.
Quoten für Anschlussunterbringung: "Bisher nicht mit letzter Konsequenz gemacht"
Eigentlich gelten zwischen dem Kreis und den 16 Kommunen klare Quoten, welche Stadt und Gemeinden wie viele Flüchtlinge nach zwei Jahren (Asylbewerber) und sechs Monaten (Ukrainer) übernehmen muss. "Das machen wir bisher aber noch nicht mit der letzten Konsequenz", sagt Schellmann - weil etliche Kommunen kaum Kapazitäten haben. Kooperationen wie in Ingelfingen oder Niedernhall könnten die Lage entspannen und entzerren.
Bürgerproteste und Betreuung in Kitas und Schulen wiegen am schwersten
Größere angemietete Unterkünfte mit deutlich mehr Plätzen an weniger Standorten, um viele Flüchtlinge temporär unterzubringen. Und drei bis vier Gebäude im eigenen Besitz, um ein Grundkontingent von 200 bis 300 Asylbewerbern dauerhaft aufnehmen zu können: In diese Richtung zielt die Strategie des Hohenlohekreises. Finanziell sieht sich das Landratsamt damit nicht überfordert, weil das Land alle Mietkosten erstattet und sich die Käufe in Grenzen halten. Es gebe genügend Container. Wenn es ganz eng würde, könnten weitere Hallen umgebaut werden.
Das weitaus größte Problem sieht Kämmerer Michael Schellmann im "enormen Widerstand" in der Bevölkerung: "Die Akzeptanz ist einfach nicht mehr da." Das wurde in Pfedelbach überdeutlich, wo der Umbau des Ex-
Seniorenheims zum Flüchtlingsquartier mit 100 Plätzen massiven Protest heraufbeschworen hat. Und das wird aktuell in Schwabbach ersichtlich, wo Bürger bereits 450 Unterschriften gegen die geplante Containeranlage mit 100 Plätzen gesammelt haben, die neben der bereits umgebauten Gewerbehalle entsteht, welche 73 Plätze bietet.
Große zentrale statt kleine dezentrale Einheiten: Betriebswirtschaftlich sei das viel besser zu managen, so Schellmann. Man habe derzeit keine andere Wahl, auch wenn die Nachteile bekannt seien. Je größer eine Unterkunft ist, desto stärker sei die Ablehnung in der Bevölkerung und die Gefahr, dass derart eng aufeinander lebende Menschen auffällig würden. Das größte Problem hätten die Städte und Gemeinden vor Ort: bei der Betreuung von Flüchtlingskindern in Kitas und Schulen. Dies sei die größte kommunale Überforderung in der aktuellen Flüchtlingskrise.



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